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Wolfgang Niedecken-Interview: "Solange es Spaß macht, wird es weitergehen"

Wolfgang Niedecken, Sänger der Kölner Gruppe Bap, erzählt im stern.de-Interview, warum er als Botschafter der Aktion "Gemeinsam für Afrika" aktiv ist und als gestandener Altrocker immer noch Lust auf Musik hat.

Sie sind mit ihrer neuen LP "Sonx", die im März erschienen ist, auf Tournee und haben gestern in Bremen gespielt. Wie war's?

Es war wunderbar. Wir haben Spaß, die Leute haben Spaß. So soll es sein.

Im Rahmen ihrer Tournee haben Sie vor wenigen Tagen die Aktion "Gemeinsam für Afrika" vorgestellt, die von zahlreichen Hilfsorganisationen unterstützt wird. Neben dem Sammeln von Spenden ist das Ziel, Afrika ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Ich habe im vergangenen Jahr verfolgt, wie Herbert Grönemeyer diese Rolle des Botschafters übernommen hatte. Ich habe dazu die Fernsehdokumentation gesehen und im stern die ausführlichen Artikel gelesen. Ich bin seit ewigen Zeiten daran interessiert, was in Afrika läuft. Als ich dann von Susanne Anger, die das ganze koordiniert, gefragt wurde, habe ich keine Sekunde überlegt. Das ist das Mindeste, was man tun kann. Ich bin ja kein Afrika-Experte, aber ich habe Kinder und ich sehe in den Augen meiner Kinder die Kleinen dort, denen es schlecht geht. Wenn ich in meiner Rolle als Botschafter helfen kann, diese Aktion zu unterstützen, mach' ich das einfach.

Welche Aktionen sind bis September noch geplant?

Ich werde mit einigen Leuten für zehn Tage in einige westafrikanische Länder fliegen und verschiedene Projekte besuchen. Ein Fernsehteam begleitet uns. Ich werde auch darüber schreiben. So kann ich davon berichten und ein Bindeglied zwischen der deutschen Öffentlichkeit und den Hilfsprojekten vor Ort sein. Es ist schwer, etwas zu tun. Die Probleme bestehen schon seit langem und haben kaum eine Öffentlichkeit in den Medien. Momentan richtet sich das ganze Interesse verständlicherweise auf den Nahen Osten, bei all dem, was da passiert.

Afrika lag immer eher am Rand des Interesses. Nur wenn westliche Politiker den Kontinent bereisen, rücken es in den Focus der Aufmerksamkeit...

...oder wenn eine ganz schlimme Katastrophe passiert.

Sie spielen auf den zehnten Jahrestag des Völkermords in Ruanda an, der vor kurzem war.

Ja.

Die Probleme des Kontinents sind vielfältigster Art und äußerst komplex. Kann da die Hilfe mehr sein als ein Tropfen auf den heißen Stein?

Es wird viel zu selten betont, dass der Zusammenschluss verschiedener Hilfsorganisationen einen riesigen Vorteil hat. Es wird nur einmal Geld für Verwaltung und Promotion der Aktion ausgeben und nicht siebzehnmal. Und es sind langfristige Projekte, die da stattfinden. Von einem Tropfen auf den heißen Stein kann da nicht wirklich die Rede sein. Sie kennen ja diesen Ansatz: Wenn du jemanden einen Fisch schenkst, dann wird er sich vielleicht einen Tag lang von dem Fisch ernähren können. Wenn du ihn aber unterstützt, selbst die Fische zu fangen, wird er das immer hinbekommen.

Wo sehen sie die drängendsten Probleme?

Als Laie gesprochen: die Aids-Problematik ist sehr bedrückend. Man muss sich mal überlegen, dass aus der Mitte der Gesellschaft die sexuell aktiven Menschen, die in einem hohem Maße infiziert sind, einfach wegbrechen und ganze Volkswirtschaften, die sowieso nicht gerade die Stabilsten sind, dadurch kaputt gehen. Es geht nicht nur um das menschliche Elend. Da einen Weg heraus zu finden, das halte ich persönlich für das dringlichste Problem.

Sie haben vor 25 Jahren ihre erste LP herausgebracht und sind seitdem immer dabei. Was motiviert sie als gestandener Altrocker nach 25 Jahren immer noch Platten zu machen?

Einen Maler würde man das nie fragen. Nur weil der Rock 'n' Roll als eine Jugendkultur angesehen wird, ist das bei Rockmusikern eine gern gestellte Frage. Für mich ist es das Normalste der Welt, das zu tun, was ich gerne tue. Solange es Spaß macht, wird es weitergehen. Ich winde mich nicht um eine Antwort herum, aber ich kenne keine logischere Antwort.

Was hat sich für sie als Musiker in diesem Vierteljahrhundert geändert? Ihr Publikum dürfte mit ihnen gealtert sein.

Es wächst immer wieder Publikum nach. Vor der Bühne sieht es eigentlich immer gleich alt aus. Für uns als Musiker hat sich natürlich die Medienlandschaft extrem verändert. Die Radiolandschaft ist definitiv eine komplett andere als noch zu Anfang der 80er.

Ist sie einheitlicher?

Setzten Sie sich mal ins Auto und fahren von Kufstein bis nach Flensburg und lassen den Sender eingeschaltet. Sie hören nur 30 Stücke (lacht). Das ist für die Musikszene eine Katastrophe. Im Radio findet nicht die Musik statt, die wirklich gemacht wird, sondern die, die Werbeblöcke zusammenhält. Das hat sich sehr geändert im Gegensatz zu früher.

Wären Sie für eine deutsche Quote im Radio, die festlegt, dass z. B. ein Viertel der gespielten Musik aus Deutschland kommen muss?

Das ist so eine Frage, bei der ich selten meine gesagte Antwort wiederfinde. Ich hätte nichts gegen eine Quote, die hundert Prozent Qualität garantieren kann oder die dafür sorgt, dass die Musik, die in Deutschland gemacht wird, eine Chance hätte ins Radio zu kommen. Aber es hat nichts mit der Sprache zu tun. Wenn die Quote zum deutschtümeln einlädt und auf einmal haben wir den ganzen Schlagermüll per Quote ins Radio gedrückt, da haben wir gar nichts von. Ob in Deutschland jemand Instrumentalmusik macht oder auf Kisuaheli oder in was weiß ich welcher Sprache singt, darf von der Quote nicht bestimmt werden.

Interview: Tim Schulze