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"Echo"-Gala in Berlin: Langsames Wegnicken - trotz Knutscherei

Gähnend langweilig und völlig beliebig zog sich die 21. "Echo"-Verleihung dahin - bis kurz vor Schluss auf einmal doch noch Emotionen in der Messe der Tonträgerindustrie aufkamen.

Von Christoph Forsthoff

Haken wir die geschlagenen zweieinhalb Stunden zuvor auf der "Echo"-Gala einfach ab. Vergessen die bisweilen unsäglichen Moderationen und das pubertierende Gehabe vermeintlicher Musiker, die ermüdende Aneinanderreihung von Preisvergaben und Songeinlagen, die ewig gleichen Danksagungen und bemühten Sparwitzchen. Denn als Campino gegen 22.45 Uhr die Bühne in der Messe Berlin betritt, kehrt nicht nur für einen Augenblick Ruhe in der Halle ein, sondern zum ersten und einzigen Mal an diesem Abend durchzieht diese Mega-Mammut-Show der Musikbranche auch Niveau, ja Tiefe. Dabei beginnt der Frontmann der "Toten Hosen" mit einem charmanten Seitenhieb - "Viele werden sich jetzt wundern, warum ausgerechnet ein Düsseldorfer die Laudatio auf einen Kölner hält und sich fragen, müsste es nicht umgekehrt sein?"

Doch dann findet der Sänger solch warme und herzliche Worte für Wolfgang Niedecken, der als letzter Preisträger der Show nun mit einem Echo für sein Lebenswerk geehrt werden soll, dass es nicht nur dem Kopf der kölschen Band BAP Tränen in die Augen treibt. Erzählt von ihrer ersten Begegnung vor 26 Jahren auf einem Anti-AKW-Festival, von Themen und Zeichen, die es zu setzen gilt, von Niedeckens politisch-humanitärem Engagement über all die Jahrzehnte seiner Laufbahn. "Du bist einer der ganz wenigen, der es geschafft hat, sich selber eine Aufrichtigkeit und Authentizität zu bewahren" – kein sonst so gern abgesonderter Laudatio-Schleim, sondern eine verdammt persönliche und treffende Charakterisierung des 60-Jährigen. Und als dann noch mit Wim Wenders ein zweiter Düsseldorfer als "schönste Preisfee des Abends" (Campino) hinzukommt und an den Schlagfall erinnert, den der BAP-Sänger vor noch nicht einmal einem halben Jahr erlitten hat, ist es selbst bei gestandenen Kerlen um die Fassung geschehen. "Junge, du hast uns neulich einen richtigen Schreck eingejagt - da hat uns für einen Moment der Atem gestockt, und da haben ganz viele gespürt, was für einen Schatz wir an dir haben."

Niveau? Eher nicht!

Schätze, die selten geworden sind in einer Musikwelt, die immer mehr auf die schillernde Oberfläche und den schnellen Ruhm setzt - und wo gedankliche Vertiefungen, Tiefe gar, kaum noch anzutreffen sind. Und doch bleibt der Vielgelobte selbst in diesem Moment sich treu, verzichtet auf große Worte, vergisst aber den Dank an seinen Schutzengel nicht und stimmt dann mit seiner "kleinen mittelständischen Rock’n’Roll-Kapelle" einen Song vom letzten BAP-Album an, wie er wohl hier nicht besser passen könnte: "All die Augenblicke nimmt mir keiner mehr". Da lässt es sich sogar verkraften, dass sich zum finalen "Verdamp lang her" neben Campino und Thomas D. auch noch die beiden Ansagerinnen Barbara Schöneberger und Ina Müller hinzugesellen: War doch in den 160 Minuten zuvor vor allem erstere immer wieder durch einfach nur müde Gags und banale Zwischenmoderationen aufgefallen. Angefangen von der Tafel Nuss-Schokolade, die sie in ihrem Dekolletee versenkt haben wollte über Sprüche wie "Wir halten jetzt noch zwei Stunden durch und dann kriegen wir den Ehrensold" bis hin zu der realistischen Selbsterkenntnis "Ich wäre auch mal so gern ein Newcomer mit Chart Entry – aber es wird mit jedem Jahr enger... "

Da konnte und kann ihre Kollegin weit mehr Erfolg(e) aufweisen: Auch gestern Abend durfte Frau Müller wieder zwei Echos mit nach Hause nehmen, setzte sich mit ihrem neuen Album "Das wär dein Lied gewesen" als beste Künstlerin Rock/Pop National selbst gegen Lena und Annett Louisan durch. Und zumindest da blitzte dann doch mal ihre Kodderschnauze auf, als sie den Preis "all meinen Ex-Freunden und meinen flüchtigen Affären" widmete, "denn ohne Euch, Jungs, hätte es diese CD und damit den Echo nie gegeben". Ansonsten indes schien sie sich dem Niveau ihrer Co-Moderatorin anzupassen, versuchten sich die beiden in einer misslungenen Begrüßung im Stile des neuen Bundespräsidenten ("Was für ein schöner Donnerstag") sowie einer persiflierten Skandal-Imitation: Zungenkuss und Popoklatscher à la Madonna und Britney – gäähn...

Veranstaltung, die die Welt nicht braucht

Nein, Müllers Schlagfertigkeit kam allenfalls in den Mini-Gesprächen mit den ausgezeichneten Kollegen zum Einsatz oder im Duo mit Andreas Gabalier, dem Echo-Gewinner "Volkstümliche Musik". Ansonsten reihte sich Preisvergabe an Auftritt und Auftritt an Preisvergabe, sangen Jan Delay und der zweifache Echo-Gewinner Udo Lindenberg "Reeperbahn" oder die Toten Hosen von "Tagen wie diesen", strahlte Preisträger und Weltenretter Tim Bendzko mit seinem ebenfalls siegreichen Rap-Kollegen Casper um die Wette, und nervte Marilyn Manson als Sänger von Rammstein.

Beliebigkeit kennt keine Grenzen. Und da insgesamt in 27 Kategorien irgendjemand ausgezeichnet wurde – schließlich sollten ja alle Musiklabels irgendwie bedient werden - zog sich die Veranstaltung lang und länger hin, wobei das Publikum bereits nach der ersten Stunde bisweilen dahinzudämmern schien. Selbst der einfach nur dümmlich daher blubbernde Pseudo-Skandalrapper Sido sorgte mit seinem phallischen Trophäen-Spiel für keinerlei Aufregung. Da konnte man Anna R. und Peter Plate nur gratulieren: Obwohl siegreich in der Rubrik "Gruppe National Rock/Pop" waren Rosenstolz nämlich gar nicht erst aufgetaucht. Manche Veranstaltungen braucht die Welt eben wirklich nicht.