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TV-Tipp 22.11.: "Fraktus - Das letzte Kapitel der Musikgeschichte": Wie drei Brunsbütteler Jungs den Techno erfanden

Mit ihrem Album "Tut Ench Amour" schrieb die Band Fraktus Musikgeschichte Doch plötzlich waren die Elektro-Pioniere wie vom Erdboden verschwunden. Eine Spurensuche zu den Wurzeln des Techno.

In Stein gemeißelte Legenden? Mit einer Neuauflage ihres Songs "Affe sucht Liebe" will Fraktus an frühere Erfolge anknüpfen.

In Stein gemeißelte Legenden? Mit einer Neuauflage ihres Songs "Affe sucht Liebe" will Fraktus an frühere Erfolge anknüpfen.

"Fraktus - Das letzte Kapitel der Musikgeschichte" 21.40 Uhr, Arte
DOKU Es soll ja wirklich noch Menschen da draußen geben, die an der Existenz von Fraktus zweifeln. Dabei muss man nur den Fernseher anschalten und auf den berühmten Telekom-Jingle warten: Da-da-dadada. Ursprünglich Torsten Bages Erfindung. Oder das bekannte Rave-Signal von Westbams "Sonic Empire": Abgekupfert von Fraktus' legendärem "Supergau".

Westbam, Marusha, HP Baxxter - sie alle haben sich von diesen vergessenen Pionieren des Techno inspirieren lassen. Zumindest geben sie es offen zu in dieser Dokumentation, die aber viel mehr ist als nur ein wehmütiger Blick in die Vergangenheit. Denn Produzent Roger Dettner wollte mehr. Dem bekennenden Fraktus-Fan sollte es tatsächlich gelingen, die seit Jahren entfremdeten Bandmitglieder ("Wir haben eine Nicht-Beziehung!") für eine Reunion zu gewinnen.

Doch der Weg zum Erfolg ist dornig, mit fetttriefenden Dönerspießen und Auto-Tune-Versuchungen gepflastert. Erst, als sich Fraktus auf die guten, alten, analogen Werte berufen, wird aus der Beinahe-Katastrophe doch noch ein Erfolg. Doch bevor wir uns hier in schmalzigen Lobeshymnen ergehen, lassen wir doch die Musik für sich sprechen. Hier meine meine ganz persönlichen Top-3-Fraktus-Hits und ein paar kurze Anmerkungen dazu.

Platz 3: All die armen Menschen (hier anhören)

"In Gütersloh, Paderborn, Wuppertal, Oldenburg, da überall leben Menschen." Es beginnt mit einer lapidaren Feststellung und steigert sich zur Anklage. "Warum tun die das? Warum sind die da? All die armen Menschen." Häufig als bitterböse Kritik am spießigen Kleinstadtbürger missverstanden, wird Fraktus gerne vorgeworfen, mit "All die armen Menschen" den Topos des über allen Dingen stehenden Großstädters nur allzu plakativ zu bedienen. "Geh doch nach Berlin!" ätzte noch 2003 die Indie-Punkband Angelika Express als verspätete Antwort zurück. Ironie der Musikgeschichte: Denn eigentlich stieß "Fraktus" ja ins selbe Horn: "All die armen Menschen" muss als ironischer Kommentar auf die beginnende Landflucht der frühen 1980er und als visionäre Vorausahnung des Großstadthypes um Hamburg und Berlin gesehen werden.

Platz 2: Affe sucht Liebe (hier anhören)

Lange vor PETA gaben Fraktus mit diesem Klagelied der jungen Tierrechtsbewegung eine Stimme. Liebe - brüllten es ihre vom Synthezisern verzerrten Stimmen - ist kein Alleinrecht des denkenden Homo sapiens, sondern ein Urinstinkt von allem, was dort kreucht und fleucht. Ein Gefühl, so stark, dass es jede Vernunft transzendiert und daher auch von unseren entfernten Cousins im Tierreich eingefordert werden kann, ja werden muss. Kongenial wurde das Schluchzen der Tiere in die klagenden Geräuschen vom elektrischen Dudelsack "Roedelius" und dem virtuosen Spiel auf der Lichtmangel übersetzt. Kein Wunder, dass Schimpansen-Forscherin Jane Goodall "Affe sucht Liebe" einmal ihr liebstes Musikstück auf der ganzen weiten Welt bezeichnete.

Platz 1: Supergau (hier anhören)

Geschrieben aus Frust, nachdem Dickie Schubert der Einlass in seine Lieblingsbowlingbahn verwehrt wurde. Mit der Textzeile "Geschlossene Gesellschaft / keiner kommt rein / geschlossene Gesellschaft / keiner kommt raus / ich will raus / aus diesem Irrenhaus" verneigen sich Wand, Bage und Schubert vor Ernst Kreuders in Vergessenheit geratenem Nachkriegsroman "Herein ohne Anzuklopfen". Die Irren sind immer die da draußen, wusste Kreuder in den 50ern. Selten wurde Systemkritik mit derart klaren und doch poetischen Worten beschworen. Besonders der noch in der ersten Strophe vollzogenen Perspektivwechsel zeigt Fraktus als eine Band, die niemals nur auf einer Seite stand. Wand, Bage und Schubert ahnten wohl schon damals: Das System ist immer auch von beiden Seiten faul.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo