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"Hart aber fair"-Kritik: Schwarz-Rot-Gröl

Die Flaggen und Fanmeilen sind zurück. Für die einen ist das Patriotismus, für die anderen Nationalismus. Bei Plasberg waren beide Lager zu Gast – und Werner Hansch. Der hatte eine erfrischend andere Meinung zu dem Thema.

Von Mark Stöhr

Die deutschen Soldaten in Afghanistan trennen in ihren Camps den Müll. Lokale Unternehmen holen ihn ab und schütten ihn wieder zusammen. Das ist ein Witz, alle wissen das. Doch die Praxis besteht weiter. Die Begründung: Die Soldaten sollen in Sachen Mülltrennung in Übung bleiben. Für den nationalen Ernstfall also zum Beispiel, dass sie auf einer der vielen Fanmeilen derzeit ihre Wurstpappen und Plastikbecher in den dafür vorgesehenen Abfalltonnen entsorgen. Apropos: Wird der viele Müll auf diesen Veranstaltungen eigentlich nach schwarz, rot und gold getrennt?

Auf ihre Fähnchen am Auto lassen die Leute nichts kommen. Oder wenn sie in ihre Ganzkörper-Fahnen eingewickelt zum Heiligengeistfeld in Hamburg oder zum Brandenburger Tor traben. Das ist der Deutschland-Karneval dieser Tage. Kritik daran wird nicht gerne gesehen. Wenn man also sagt, dass man diese Riesenpartys für organisierten Stumpfsinn hält – gemacht für Menschen, die aus Prinzip mit dem Auto zur Arbeit fahren statt mit der Bahn, Wodka Red-Bull trinken, Doppel-Whopper essen, Mickie Krause gut finden und in Onlineforen unter Pseudonymen ihren Frust rauspesten. Eventkultur-Menschen halt.

Solche Menschen hassen Menschen wie Terry Reintke, eine Mittzwanzigerin von den Grünen. Sie nannte bei Plasberg die momentane Schwarz-Rot-Gold-Folklore "Hurra-Patriotismus", eine Vorstufe zum Nationalismus und damit zur Gefährdung von Minderheiten. Damit nahm sie die absolute Spielverderber-Position ein. Sie wusste das und versuchte es wegzulächeln.

Mädchen, rasier dir erstmal die Beine

Unterstützung bekam sie von Werner Hansch, der ehemaligen "Stimme des Ruhrgebiets". Der wollte zwar der Nationalismus-These nicht folgen, war aber nicht weniger angewidert vom "Eventpatriotismus". Sein Standpunkt, vereinfacht formuliert: Den Leuten geht es doch gar nicht um Fußball und Deutschland, sondern hauptsächlich ums Saufen.

Das konnte natürlich der Chauvi-Fraktion nicht gefallen, die Plasberg eingeladen hatte: Peter Hahne vom ZDF und Rainer Brüderle von der FDP. Zwei die sich verstehen. Sie begleiteten fast jede Bemerkung von Reintke mit einem herablassenden Lächeln, das sagte: Mädchen, rasier dir erstmal die Beine. Vor allem Hahne zeigte sich ganz begeistert von den "Fahnenmeeren", mehr noch aber von sich selbst. Der Mann hält sich für eine intellektuelle und moralische Instanz. Er zitierte einen Spruch von Paul Spiegel, dem ehemaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden, gesunder Patriotismus sei das beste Bollwerk gegen Nationalismus. Drunter macht es Hahne nicht. Drüber kommt er aber auch nicht.

Als Reintke und Hansch Bild-Schlagzeilen der letzten Tage in die Runde warfen – "Uns hält keiner mehr auf" oder "Unser erstes Heimspiel in Danzig" –, flüchtete er sich in kleinliche Exegesen ("Das war ein Zitat von Löw"), anstatt den Mut zu haben zu sagen: Ja, solche Headlines haben einen bewussten Zungenschlag und mit "gesundem Patriotismus" nichts mehr zu tun. Sogar Brüderle nannte die Überschriften "geschmacklos". Doch Hahne winkte den Boulevard durch, egal wie hässlich er sich zeigte. Kein Wunder, der 59-Jährige schreibt ja selbst dafür, jeden Sonntag in der "Bild".

Die Nörgel-Deutschen und ihr "Pessimismus-Gen"

Es war eine schräge Deutschlandtour, die Plasberg seinen Gästen abverlangte. Vom vielleicht zukünftigen Fußball-Europameister zum amtierenden Wirtschafts-Europameister, inklusive eines obligatorischen Halts in Griechenland und einer Portion Pfalz-Populismus von Brüderle ("Ich sehe nicht ein, dass die deutsche Oma mit ihrem Sparbuch die griechischen Schulden bezahlt"). Danach nörgelte man über die Nörgel-Deutschen und ihr "Pessimismus-Gen" (Hahne), bedauerte Gomez, fand aber Scholl gut und feixte über die Mülltrennung in Afghanistan.

Einmal, ungefähr in der Mitte des Talks – Brüderle hatte Leuten wie der Grünen Reintke gerade indirekt die Auswanderung nahegelegt ("Wer sein eigenes Land verachtet, muss sich fragen, ob er hier noch zuhause ist") – einmal also rief Hahne: "Lasst uns doch bitte fröhlich sein!" Er hatte sein typisches Hahne-Grinsen aufgesetzt, und man dachte sich: Wenn Hahne fröhlich ist, will ich traurig sein.