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TV-Kritik

Netflix-Doku "Hot Girls Wanted: Turned On": So mies verhalten sich Männer bei Tinder - und Frauen fallen drauf rein

Führen Dating-Apps wie Tinder zu egoistischem und asozialem Verhalten beim Kennenlernen? Teil zwei der Netflix-Doku "Hot Girls Wanted: Turned On" will uns das Glauben machen - und hat dafür ein Paradebeispiel gefunden.

"Hot Girls Wanted: Turned On"

"Hot Girls Wanted: Turned On" zeigt James Rhine beim Treffen mit einem seiner Tinder-Dates.

James Rhine sieht gut aus. Der Partyveranstalter aus Las Vegas ist groß, dunkelhaarig und hat einen durchtrainierten Körper. Der 41-Jährige nahm 2005 an der US-Reality-Soap "Big Brother" teil. "Seitdem läuft es", sagt Rhine und meint damit sein Glück bei Frauen. Inzwischen lernt er seine Verabredungen häufig über Dating-Apps kennen. Die Damen seiner Wahl sind meist jünger - so um die 20 Jahre. Und oft werden sie schon nach wenigen Dates auf rüde Weise abserviert.

Teil zwei der Netflix-Dokuserie "Hot Girls Wanted: Turned On" beschäftigt sich mit dem Dating-Verhalten in Zeiten von Tinder, Grindr und Co. Machen uns diese Apps zu egoistischen und asozialen Dating-Monstern? Produzentin Rashida Jones deckt die Oberflächlichkeit vieler Nutzer auf erschreckende Weise auf.

Tinder ist oberflächlich - die Nutzer auch

"Die Frauen, die mir nicht gefallen, wische ich weg", erklärt Rhine, während er sein Handy bedient. In Sekundenschnelle geht der Daumen mal nach links, mal nach rechts. Das Ganze wirkt, als würde er nicht Dates, sondern den Belag seiner Bestellpizza auswählen. "Die App ist oberflächlich, also bin ich es auch", redet sich Rhine sein Verhalten schön. Er erfüllt alle Klischees des narzisstischen Machos.

"Ich überrasche die Ladys und halte ihnen die Tür auf, erklärt er seine Masche. Doch nach ein bis zwei Treffen entpuppt sich der Gentleman als nicht mehr so nett. Via WhatsApp macht er mit seinen Gespielinnen Schluss. Doch viele der Damen durchschauen ihn selbst dann nicht, fragen sich stattdessen, was sie wohl falsch gemacht hätten. "Er war doch so nett."

"Hot Girls Wanted: Turned On" zeigt das Dating-Monster

Nicht nur das gezeigte Männerbild, sondern vor allem das der Frauen ist katastrophal. Rashida Jones stellt sie als naive Dummchen dar, die einem Ladykiller auf den Leim gehen. Da sie die Frage auslässt, ob es zu Geschlechtsverkehr zwischen Rhine und seinen Partnerinnen kam, könnte es so wirken, als suche er tatsächlich eine Freundin fürs Leben. Vermutlich ist es aber Sex.

Dass die Dokumentation nur einen Protagonisten zeigt, ist bedauerlich. Was ist mit den vielen Menschen, die über Dating-Apps den Partner fürs Leben gefunden haben? Schüchterne, Übergewichtige, Ältere. Verstärkt die App das asoziale Verhalten von Rhine? Ja. Doch ob sich diese Erfahrung einen Generalverdacht gegen alle Dating-Apos rechtfertigt, ist fraglich. Denn Rhine wäre auch ohne "Tinder" ein Dating-Monster. Ein ganz analoges.