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"Markus Lanz" Regeln für Reiserückkehrer: Lanz treibt Berlins Bürgermeister Müller in die Enge

Markus Lanz (l.) mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD)
Markus Lanz (l.) mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD)
© Screenshot ZDF
Berlins Bürgermeister Michael Müller geriet bei Lanz arg ins Schlingern. Unwillkürlich fragte man sich, wie viele Politiker eigentlich noch bei den Maßnahmen nicht mehr hinterherkommen – oder sind die Maßnahmen inzwischen auch unkontrolliert mutiert?
Von Sylvie-Sophie Schindler

Was ist eigentlich die Strategie? Wohin geht es? Was ändert sich? Ändert sich überhaupt etwas? Und wer kennt sich überhaupt noch aus? Die Akte Corona. Durch die muss man sich erstmal durchkämpfen. Markus Lanz macht das in seiner Talkshow seit Beginn der Pandemie. Mit der Impfung sollte ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Doch es sieht nicht so recht danach aus. "Ihr habt mir doch versprochen, das Leben geht weiter, wenn ich mich impfen lasse", beschwerte sich der Moderator am Donnerstagabend stellvertretend bei Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD). Im Grunde aber sei der "Sound" immer noch derselbe wie seit Monaten. "Wir müssen doch irgendwann zur Normalität zurück, das Leben ist auch Risiko."

"Sie schreddern uns den Urlaub"

Keine Frage, damit hat Lanz den entscheidenden Punkt getroffen: In der Corona-Politik muss es nun gelingen, eine Wende einzuleiten, in Vorbereitung auf die endemische Phase. Parameter wie der Inzidenzwert haben durch die fortschreitende Impfquote beispielsweise an Relevanz verloren. Nun kommt der Hospitalisierungsrate mehr an Bedeutung zu. Trotzdem wird immer noch auf dem bisherigen Niveau diskutiert. Und dazu in einer Wischi-Waschi-Kommunikation. Was bleibt, sei der, so Lanz, "alarmistische Grundton, den die Leute unglaublich leid sind."

Also: Täglich grüßt das Murmeltier? Der Moderator brachte ein Beispiel aus seinem persönlichen Umfeld: "Wenn Sie heute als zweifach Geimpfter einen auch zweifach Geimpften im Krankenhaus besuchen wollen, dann hängt es vom Krankenhaus ab, ob sie reindürfen oder nicht. Das ist doch keine Normalität, was nehmt ihr euch da eigentlich heraus." Das sei "paternalistisch übergriffig".

Seinen Unmut zeigte Lanz auch in der Debatte um die Reiserückkehrer: "Und was machen Sie, Sie schreddern uns den Urlaub." Auch hier ging die Beschwerde stellvertretend für die Politik an Müller. Der wiederum hatte seine liebe Not, bei den Vorgaben für die Reiserückkehrer selbst durchzublicken. Er kündigte an, dass die Kinder mit Beginn des neuen Schuljahres drei Mal die Woche in der Schule getestet würden. In Quarantäne müssten sie, wenn sie Reiserückkehrer seien, und zwar egal woher, allerdings nicht. Das wisse sie aber anders, wandte die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt ein, denn wer beispielsweise aus einem Hochrisikogebiet komme, könne sich erst nach fünf Tagen freitesten.

Lanz treibt Müller in die Enge

Es ging noch eine Weile so hin und her, bis Müller, arg schlingernd, zugeben musste: "Das weiß ich jetzt auch nicht so genau." Lanz war – zu Recht – baff: "Wie kommt es, dass ein regierender Bürgermeister nicht genau Bescheid weiß?" Naja, meinte Müller, der so schnell wie möglich raus aus der Nummer wollte, nun, also, es würden sich ja die Maßnahmen fortlaufend ändern.

Unwillkürlich fragt man sich, wie viele Politiker eigentlich noch bei den Maßnahmen nicht mehr hinterherkommen – und sind es denn nicht die Politiker, die die Maßnahmen ändern oder mutieren, zugespitzt gefragt, die Maßnahmen inzwischen auch unkontrolliert? "Sie müssten das eigentlich ganz genau wissen", legte Lanz unbeirrt nach und nahm Müller scharf in den Blick. "Ich kann die Politik da nicht aus der Verantwortung entlassen."

Corona-Patient Harland McPhun hatte sich nicht impfen lassen, jetzt bereut er seine Entscheidung.

Was gibt´s Neues bei der Impfung? Kann ja sein, dass Müller da auch ganz eigene News parat hat. Hatte er aber nicht. Er sprach über seine Mühe und Not, Studierende vom Impfen zu überzeugen; in Berlin sei es schwierig, die 20- bis 25-Jährigen zu erreichen, trotzdem man die Angebote direkt mache wie etwa bei Club-Nächten.

Die Journalistin Yasmine M'Barek, die ungefähr im selben Alter ist, berichtete von einer "aufgestauten Wut" der jungen Menschen. Erst habe man sich nicht um sie gekümmert und nun würden "die alten Leute machen, was sie wollen". Müller machte außerdem erneut deutlich, dass es wichtig sei, bei der Impfung für Kinder voranzukommen. Dass die Ständige Impfkommission (Stiko) ihm da einen Strich durch die Rechnung macht, will er anscheinend nicht so hinnehmen.

"Warum sagen sie zu Spahn, er möge auf die Stiko einwirken?", bohrte Lanz nach. "Sie stellen eine Behörde infrage. Nach dem Motto: Eure Expertise passt mit nicht. Dann können sie die Stiko gleich ganz auflösen." Der SPD-Politiker ließ sich nicht beirren: "Ich achte das Votum der Stiko." Er wolle lediglich herausfinden, ob man eine Basis finde, auf der man eine allgemeine Empfehlung abgeben könne. In die Empörung um diese Einmischung stimmte auch Berndt ein: "Die Stiko entscheidet unabhängig, die Politik hat da nichts zu suchen." So ein Vorgehen sei "untragbar". Müller wischte den Vorwurf weg. Er finde daran "nichts werflich." Ob er sich in seiner Politikerlaufbahn wohl noch öfter mit diesem Satz rechtfertigen wird, bleibt abzuwarten.

"Möglicherweise sehen wir Sie als Minister wieder", sagte Lanz zum Schluss. "Und alles Gute für die nächsten Wochen und Monate, das wird noch nervenzerfetzend." Man möchte anfügen: Es ist längst nervenzerfetzend genug.


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