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TV-Tipps 13.12. "Mary & Max" und "Amok - He Was a Quiet Man": Einsamkeit aus Knetmasse

Ein Trickfilm und gleichzeitig eine berührende Geschichte über das Alleinsein. "Mary und Max" schafft den Spagat zwischen tragisch und komisch. Unser TV-Tipp des Tages.

Ungewöhnliche Brieffreunde: Mary schreibt ihrem erwachsenen Freund Max einen Brief. Doch die putzige Idylle täuscht: "Mary und Max" zeigt zutiefst dysfunktionale Figuren

Ungewöhnliche Brieffreunde: Mary schreibt ihrem erwachsenen Freund Max einen Brief. Doch die putzige Idylle täuscht: "Mary und Max" zeigt zutiefst dysfunktionale Figuren

"Mary und Max"
22.30 Uhr, Servus TV
KNETANIMATION Für meine Eltern war die Rechnung klar: Was im Fernsehen lief und gezeichnet oder aus Knetgummi war, konnte nur Kinderkram sein. So sahen viel zu junge Augen, wie in "Watership Down - Unten am Fluß" ein ganzer Kaninchenbau qualvoll vergast wurde und wie dieser gruselige rote Stier die letzten Einhörner ins Meer trieb. Die Alpträume, die folgten, sollten mich noch Jahre später aus dem Schlaf schrecken.

Wie putzig, ein Animationsfilm, mag auch der unbedarfte Beobachter denken, wenn er zum ersten Mal auf den Knet-Trickfilm "Mary & Max" stößt. Knetfiguren in einer mit Liebe zum Detail gestalteten Tricklandschaft. Das erinnert an Aardmans "Wallace und Gromit". Bis der erste gelbe Knetgummi-Pipistrahl in hohem Bogen über den Bildschrim spritzt. Oder ein trauriger Clown von einer Klimaanlage zerquetscht wird.

Der Film erzählt, ganz kurz umrissen, von der (Brief-)Freundschaft zwischen Mary Daisy Dinkle, einer achtjährigen Schülerin aus Melbourne, und Max Jerry Horowitz, einem atheistischen Juden aus New York. Mary will eigentlich nur wissen, ob es stimmt, was ihre Mutter ihr erzählte: dass Babys in Biergläsern geboren werden. Max' Replik setzt den Ton für den gesamten Film: Babys, korrigiert er, würden von katholischen Nonnen ausgebrütet. "Und wenn du Atheist bist, übernehmen dreckige, einsame Prostituierte den Job."

Dass der groteske, oft tiefschwarzer Humor, mit dem Adam Elliot sein Langfilmdebüt spickt, niemals dazu führt, dass die Geschichte in Tragik versinkt, ist beachtlich. Schließlich begegnen wir mit Mary und Max zwei tieftraurigen, einsamen Gestalten. Und doch wird es einem einfach warm ums Herz zu sehen, wie diese beiden völlig unterschiedlichen, vom Leben gebeutelten Gestalten in Freundschaft zueinander finden.

In der englischen Originalfassung bietet der Film zudem die Gelegenheit, noch einmal die Stimme des wunderbaren, leider viel zu früh verstorbenen Philipp Seymour Hoffman zu hören. Aber auch im Deutschen hat Max Horowitz einen passenden Sprecher bekommen: Helmut Krauss - besser bekannt als Peter Lustigs granteliger Nachbar Herr Paschulke. Mehr Gründe zum Einschalten braucht nun wirklich niemand. Aber vorher das Teletubbie-Publikum wegsperren.

Bob (Christian Slater) fühlt sich in seinem trostlosen Dasein als kleiner Angestellter gefangen.

Bob (Christian Slater) fühlt sich in seinem trostlosen Dasein als kleiner Angestellter gefangen.

"Amok - He Was A Quiet Man"
3.45 Uhr, 3Sat
DRAMA Bob Maconel (Christian Slater) will endlich Schluss machen, mit der Bürohölle, in die er sich tagtäglich schleift. Er lädt seine Pistole. Eine Patrone für das Büromaskottchen. Die zweite für Miss Verständnis. Nummer drei für Mister Früher-Vogel-fängt-den-Wurm. Die vierte für den Oberarschkriecher. Nummer fünf für das undankbare Kollegenschwein... Doch dann geht alles schief. Ein anderer kommt Bob zuvor, Schüsse fallen - und plötzlich steht der Mann, der selbst Amoklaufen wollte, als Held da.

Dass "Amok - He Was a Quiet Man" in Deutschland nie im Kino gelaufen und damit praktisch unbekannt geblieben ist, liegt sicher auch am schwarzen Humor, mit dem Filmemacher Frank A. Cappello das düstere Thema angeht. Slaters Bob erinnert den Zuschauer hierzulande an den von Stromberg dauergepiesackten Berthold Heisterkamp. Und während sich in Cappellos Film die Überlebenden noch die alte Frage nach dem Warum stellen, blicken wir auf fünf Staffeln Dauermobbing in der Capitol-Hölle zurück und fragen uns: Warum eigentlich nicht, Ernie?"

Zwei TV-Tipps von Jens Wiesner, freier Autor beim stern. Wer mag, kann ihm hier auf Facebook oder auf Twitter folgen

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