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"Große Haie - Kleine Fische": Quallen-Reggae und Hai-HipHop

Ein neuer Trickfilm in der Tradition von "Findet Nemo": Ein kleiner Fisch namens Oscar mogelt sich zum Helden des Riffs empor. Doch bald sind ihm die Mafia-Haie auf den Flossen.

Ob das Dreamworks-Studio mit seinem neuen Trickfilm "Große Haie - Kleine Fische" bei Disneys Erfolgsfilm "Findet Nemo" Ideen geklaut hat, lässt sich wohl niemals beweisen. Vielleicht planten die Dreamworks-Produzenten ihre vermeintliche Antwort auf den Disney-Knüller schon viel früher, und die Konkurrenz hat sie plagiiert.

Es ist jedenfalls kaum zu glauben, dass unabhängig voneinander in beiden Filmen die Idee von friedfertigen Haien - die in "Findet Nemo" in einer AA-Therapiegruppe ihre Aggressionen abzubauen versuchten - entwickelt wurde. Nach einem rasanten Filmsprung ins Wasser mit einem zitternden Wurm an der Angel und - "Hi!" - einem Hai, so gefährlich wie ein Fischstäbchen, übernehmen jedoch die kleinen Fische das Ruder.

Oscar, der Zungenwäscher

Der Held dieser schummerigen Unterwasserkomödie ist Fischlein Oscar, seine Heimat eine von Haien umzingelte Metropole auf dem Meeresboden. Der angeberische Tunichtgut schrubbt in einer Wal-Waschanlage Zungenbeläge ab, ist von orkanartigen Rülpsern bedroht und strebt nach Höherem. Als er wegen Schulden von zwei Quallen in die Fänge genommen wird, trifft er zufällig den Hai und klammheimlichen Vegetarier Lenny, dessen Bruder Frankie tödlich verunglückt. Oscar wird als vermeintlicher Haitäter zum Star und verbündet sich mit Lenny, dessen Vater Don Lino nicht nur ein, naja, Kredithai ist, sondern Mafia-Pate.

Die beknackte Geschichte, die ebenso von Mafia-Epen wie "Der Pate" und der TV-Serie "Die Sopranos" inspiriert ist wie vom "Weißen Hai" und vom schwarzen Filmmusical "Carwash", funktioniert zunächst prima, weil das Meeresgetier Abbild menschlichen Überwasser-Treibens, plus fischiger Eigenarten, ist. In einer temporeichen Gag-Parade wird die New York nachempfundene Stadt vorgestellt: mit Austern, die Perlen verhökern, Seepferdchen-Rennen, Delfinpolizei, und leeren Sushi-Läden - um nur einige der hintersinnigen Details zu nennen.

Viele Anspielungen

Oscars Chef Sykes ist ein Kugelfisch, der sich im Zorn aufbläst und zu quieken beginnt, Quallen haben Rastafari-Mützen und Dreadlocks. Dass die Haie schweren Italo-Akzent sprechen und im Titanic-Wrack tagen, muss kaum erwähnt werden. Zudem sind die Gesichter den amerikanischen Promi-Sprechern nachempfunden: Sykes hat die Augenbrauen von Martin Scorsese, der weiße Hai Lino den Leberfleck von Robert de Niro, und Fisch Fatale Lola hat Lippen und Katzenaugen à la Angelina Jolie. Ihre brave Rivalin Angie ist so niedlich wie Renee Zellweger.

Gelungen ist besonders Lenny, der sich weigert, Hai-Macho zu werden, sich als Delfin tarnt, und dessen Vegetarismus man getrost mit Schwulsein übersetzen darf. Doch das Geblubber voll Kalauern, Anspielungen und, wenn auch altbackenen, Popkultur-Reverenzen kann die platte Handlung nicht überdecken, die sich mühsam zum blutarmen Happy End schleppt.

Kalt wie ein Fisch

Im Gegensatz zum ergreifenden "Findet Nemo" ist das Ganze kalt wie ein Fisch. Rückgratlos schmeißt sich diese Komödie, mit dem total überdrehten Oscar als Köder, an die gewünschte, vorpubertär-konsumfreudige Zielgruppe ran. Die HipHop-Beschallung, Graffitis, und die mit Goldkettchen behängten Typen auf Oscars Partys sind kaum komisch und kindlichen Zuschauern so wenig zu empfehlen wie die versöhnliche Mafia-Hommage.

Erwachsene mögen über die Times-Square-Imitation mit ihrer "Coral-Cola", "Beluga-Kaviar" und "Fish Burger"-Leuchtreklame zwar ebenso grinsen wie über die Filmzitate. Doch das freche Product Placement passt nur zu gut zum Zynismus dieser manipulativen Trickkomödie, die sich nicht scheut, ihrer Zielgruppe einen Helden zu verkaufen, der sich nach dem Riff sehnt, wo die großen Fische wohnen - und stattdessen zum Dasein als kleiner Ghetto-Fisch überredet wird. Dieser Fisch stinkt.

Deutsche Stimmen:

Daniel Fehlow, Yvonne Catterfeld, Sandra Speichert, Faiz und Mola Adebisi, Frauke Ludowig.

Birgit Roschy, AP / AP
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