"Nicht alle waren Mörder" Auf der Flucht vor den Nazis


Nadja Uhl, Katharina Thalbach, Hannelore Elsner - namhafte Kollegen standen bereit, um die Kindheit von Schauspieler Michael Degen zu verfilmen. "Nicht alle waren Mörder" erzählt die wahre Geschichte seiner Flucht vor den Nazis.

Eine Ohrfeige steht am Anfang des ARD-Films "Nicht alle waren Mörder". Der erst elfjährige Michael verpasst sie seiner Mutter Anna im März 1943. Beide sind erschrocken. Der Junge über seine Tat, mit der er seine Mutter wachrütteln wollte, die Mutter, weil sie merkt, dass sie etwas unternehmen muss. Michael und Anna reißen sich die Judensterne von der Kleidung und flüchten aus ihrer Berliner Mietwohnung, als die Gestapo alle jüdischen Bürger aus ihren Häusern verschleppt und deportieren lässt. Die Lebensgeschichte des heute 74-jährigen Schauspielers Michael Degen ist von der ARD verfilmt worden.

Für Degen, dessen gleichnamiges Buch zum Verkaufserfolg wurde, sind der Film und die literarische Vorlage eine Mahnung. "Das Stück soll den jungen Leuten zeigen, sich nie wieder verführen zu lassen", sagt Degen. "Sie sollen sich nicht auf mittelmäßige Politiker verlassen, die nicht sehen, was auf uns zukommt." Degen beschreibt in seinem Buch, wie auch TV-Autor und Regisseur Jo Baier im Film, die Flucht von Sohn und Mutter Degen vor den Nazi-Häschern und schildert auch, wie einige Deutsche Kopf und Kragen riskierten, um Michael und Anna in den letzten Kriegsjahren ein Versteck zu geben.

Degens Mahnung an die Jugend

"Mich reizen die 'Helden des Alltags'", sagt Regisseur Baier, der für die ARD bereits vor zweieinhalb Jahren den Film "Stauffenberg" umsetzte. "Die kleinen Leute mit ihren unauffälligen Heldentaten wie hier, denen öffentliche Anerkennung nie zuteil wurde." Degen habe ihm das Buch anvertraut. "Als Schauspieler weiß er, dass sich ein Buch nicht 'vom Blatt' abfilmen lässt. Ich habe mir von ihm einiges, vor allem über seine Mutter, noch erzählen lassen." Degen habe ihm bereits nach der ersten Fassung sein "Okay" signalisiert. Die ARD und Baier sind bereits im Gespräch mit Degen über dessen neuen Roman "Mein Heiliges Land" über die Nachkriegsschicksale deutschstämmiger Juden in Israel.

Für ARD-Programmdirektor Günter Struve bot der Film die Gelegenheit, den Nationalsozialismus nicht aus der Sicht der Täter wie zum Beispiel in "Speer und Er" oder "Der Untergang" zu zeigen, sondern aus der Perspektive der "Helfer, die selber hilfsbedürftig sind". Struve: "Ihre Schwäche gibt ihnen die Kraft zu ihren Taten." Peter Voß, Intendant des zuständigen Südwestrundfunks, bezeichnet das von der Firma Teamworx produzierte Werk als "einen Film gegen die Gleichgültigkeit".

Der "junge Degen" kommt aus Schauspielerfamilie

Hauptdarsteller des Films ist der 1995 geborene Aaron Altaras, der die jüdische Oberschule in Berlin besucht und in "Mogelpackung Mann" bereits Filmerfahrung sammelte. Seine Mutter ist auch Schauspielerin, sein Vater komponiert Filmmusik. "Meine Eltern halten sich aber zurück", sagte der Elfjährige dem "Münchner Merkur". "Laufend Tipps zu erhalten, könnte ich nicht ertragen." Seine Filmmutter spielt Nadja Uhl, die vor wenigen Tagen ihr erstes Kind zur Welt brachte. Mit Teamworx stand sie schon in mehreren Filmen vor der Kamera, unter anderem in der "Sturmflut" für RTL.

Die Rechte an Degens Buch lagen vier Jahre beim Produzenten Bernd Eichinger, der jedoch seine Option auf den Dreh verstreichen ließ. Teamworx-Produzent Nico Hofmann griff nach Ablauf der Frist sofort zu und sprach Autor und Regisseur Baier bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2004, als «Stauffenberg» ausgezeichnet wurde, an. Für die ARD steuerte die vielfach wegen der Fülle ihrer Komödien kritisierte Filmtochter Degeto die finanziellen Mittel bei. "Ohne die Degeto wäre der Film nicht möglich gewesen", sagt Hofmann.

Unterschlupf bei russischen Emigrantin

Auf ihrer Flucht landen Anna und Michael zunächst bei Ludmilla Dimitrieff (Hannelore Elsner), einer wohlhabenden russischen Emigrantin mit guten Beziehungen zu Nazigrößen. Allerdings: Wenn Ludmilla ihre Hauskonzerte gibt, müssen Mutter und Sohn unsichtbar bleiben und dürfen bei Alarm nicht in den Luftschutzkeller. So erleben die beiden eines Nachts unter Todesangst einen Luftangriff, bei dem mit der gesamten Straße auch Ludmillas Wohnung in Brand gerät. Sie müssen fliehen. Karl Hotze (Richy Müller), als Kommunist ein entschiedener Gegner der Nazis, verschafft ihnen einen Unterschlupf bei den Teubers, einer einfachen Familie.

Deren unbestrittenes Oberhaupt ist Oma Teuber (Katharina Thalbach), die für ihre drei Töchter eine Art Privatbordell organisiert und geschäftstüchtig ihre Sofas an Anna und Michael vermietet. Hier können sie bleiben, bis Anna eines Tages auf der Straße von der Gestapo angehalten wird - die Flucht der Degens beginnt aufs Neue.

Der TV-Film "Nicht alle waren Mörder" von Jo Baier mit Nadja Uhl in der Hauptrolle ist am Mittwoch, den 1. November in der ARD um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen.

Carsten Rave/DPA DPA

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