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TV-Kritik

"Promi Big Brother": "Schlimmer wie ein Kaiserschnitt": Das laaangatmige Finale und eine Siegerin, die das Flattern bekommt

Akku leer, alle müde, vor und hinter der Mattscheibe: Die Entscheidung bei "Promi Big Brother" zerdehnt sich bis an den Rand des Zeitstillstands. Am Ende bekommt Königin Silvia das große Flattern. Und will jetzt Streetworkerin werden.

Von Ingo Scheel

Finale: Promi Big Brother: Mama Wollny holt sich den Sieg – und zwar deutlich

Irgendwann, so nach zwei, zweieinhalb Stunden ist da dieses Gefühl: Vielleicht wird das hier niemals enden. Vielleicht ist man schon längst gestorben und wie eine Schallplatte, die springt, aber die Drums irgendwie im Beat bleiben und man es längere Zeit gar nicht wahrnimmt, dass der Song hängt, so ist es jetzt auch hier - das vergaß ich zu sagen: diesen ersten Absatz bitte unbedingt halblaut mit der Stimme von Big Brother lesen - es wird immer so weitergehen.

Alphonso kratzt sich am Hintern. Daniel grinst. Chethrin heult. Lacht dann, heult wieder. Raucht eine. Katja klopft sich rhythmisch auf die Möpse. Silivia zuppelt sich das Chasuble über der Moonwashed-Jeans aus der Vor-Wende-Zeit zurecht.

Und wieder von vorn, das Ganze. 

Finale bei "Promi Big Brother" - die TV-Kritik

Finale bei "Promi Big Brother": Gewinnerin Silvia Wollny, Mitbewohner Alphonso Williams und Moderator Jochen Schropp (v. l.)

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Alphonso lacht dieses raschelnde Lachen. Die Wollny raucht. Irgendwo reibt sich jemand mit dem Duschkopf im Schritt. Chethrin raucht. Heult dann. Raucht noch eine. Plötzlich Mike Shiva, mit Mittelscheitel und Knotenzöpfchen wie Witwe Bolte aus der Zwischenwelt. Kann nicht liegen. Kann sich nicht kämmen. Und das Klo sieht auch aus wie die Sau. Dabei hat er doch so übel Durchfall. Silvia erzählt schon wieder von den Kindern. Chethrin spielt mit der Gummiente von Gottlieb Wendehals. Alphonso gähnt. Daniel grinst. Zigaretten. Bierchen. Wälz. Reib. Gähn.

Wo sind die Wutbürger, wenn man sie tatsächlich mal braucht?

"Promi Big Brother"-Finale: Best of Fasching. Best of Beschimpfungen. Best of Weinkrämpfe.

Zwischendrin Millionen von eingeblendeten Telefonnummern. Muss. jetzt. anrufen. Jeden Moment rechnet man damit, dass die Zwillinge aus "Shining" im Wohnzimmer stehen. "Komm, telefonier’ mit uns!". Im Studio Jochen Schropp und die Lufen, beide wohl die einzigen, bei deren Medikation sich wirklich Mühe gegeben wurde. Alert, bestens gelaunt, ja, euphorisch moderieren sie das hier weg. Im Hintergrund sitzt Sophia Vegas und bringt beidhändig Ordnung in den nachlässig verdeckten Balkon, Umut Kekilli rutscht ein wenig unruhig hin und her (auch Durchfall womöglich?), Johannes geht im Geiste die Shows durch, bei denen er als nächstes unterschlüpfen könnte. Fort Boyard? Die Lottozahlen? Dschungelcamp? Das Dschungelcamp …

Irgendwie geht es dann doch weiter. Mit allen "Best ofs" dieser Welt. Best of Duelle. Best of Schenkelklopfer. Best of Kippenausdrücken. Best of Klogänge. Best Always Rest. Chethrin startet noch eine Last-Minute-Luderei, aber da ist dann sogar Daniel, der sonst so viagröse Dauer-Bachelor, viel zu müde für eine kleine Kalamität, so kurz bevor hier das Licht ausgeht. Zur Strafe wird er schließlich rausgeschmissen, denn das hier ist Finale und obwohl das seit zwei Wochen bestens vermieden wurde, kommt nun kurz, ganz kurz, Bewegung in die Chose. 

Anschließend tritt Alphonso den Schritt in die Freiheit, Verzeihung, nach nebenan in den Studiosaal an. Drinnen alsbald das Finale der darbenden Dusen, Silvia und Chethrin. Wieder Best ofs. Best of Standpauken. Best of Fasching. Best of Beschimpfungen. Best of Weinkrämpfe. Ganz kurz, aber wirklich wieder nur ganz kurz, bekommt man das Gefühl, hier sei tatsächlich was passiert.

Chethrin raucht. Silvia seufzt. Chethrin guckt. Silivia stöhnt. Chethrin. Silvia. Rauch. Stöhn.

Ein Gefühl wie beim Doktor im Wartezimmer. Wenn es sich so lang zieht, so verdammt lang, dass man irgendwann doch zur ADAC-Zeitschrift oder zum Garten-Journal greift. Fußball-WM, komm’ zurück, alles ist verziehen.

Spannend sieht anders aus, aber es hätte auch noch öder sein können. Theoretisch.

Im Studio wird als Wiederbelebungsmaßnahme für das Publikum zumindest schon mal das Ergebnis veröffentlicht: 57,1% zu 42,9%. Schropp dazu, oder war es Frau Lufen: "Knapp sieht anders aus, aber es hätte auch weiter voneinander entfernt sein können." Ganz genau. Spannend sieht anders aus, aber es hätte auch noch öder sein können. Theoretisch.

Drinnen hat sich die kurz vor dem Kollaps stehende Silvia Wollny mittlerweile die obersten Schichten ihrer Gesichts-Epidermis abgerieben, Chethrin ist in völlige Paralyse verfallen, aus der sie mit der dröhnenden Mitteilung aus dem Off, Zweite geworden zu sein, erlöst wird. "Schlimmer wie ein Kaiserschnitt", entfährt es der multiplen Mutter Wollny zwischenzeitlich. "Ich fühle mich wie bei 120 Ka-Em-Ha, oder wie das heißt!" Schließlich geht es auch für sie zurück in den Saal.

Als Königin Silvia bekommt sie den Geldkoffer überreicht. Jetzt kann es losgehen mit ihrem nächsten großen Ding. Sie will sich ab sofort um Jugendliche auf der Straße kümmern, "damit die nicht das erleben müssen, was wir hier drin erlebt haben." Also, so schlimm war es ja nun auch wieder nicht. Die sieben, acht Zuschauer, die bis zum Ende dieser Staffel drangeblieben sind, hätten da sicher mehr Grund zur Klage.

Zum Schluss wird das Licht im Wohnbereich gelöscht - "und in einem Jahr wieder angemacht", so die Drohung. Also, bis dahin wird jetzt erstmal gepennt.

Katja Krasavice bei "Promi Big Brother"