"Unsere 60er Jahre" Plötzlich war die Mauer im Weg


Für die TV-Doku "Unsere 60er Jahre" lässt die ARD Menschen aus Ost und West erzählen, wie sie ein für sie prägendes Jahrzehnt erlebt haben. Herausgekommen ist eine beispielhaft persönliche Geschichtsstunde, die spannender anzusehen ist als so mancher Spielfilm.
Von Peer Schader

Natürlich kann man dicke Geschichtsbücher wälzen, um nachzulesen, wie das damals war in Deutschland: Wirtschaftswunder, Mauerbau, Studentenrevolte. Als die Beatmusik den Älteren einen Schrecken einjagte, und die Jungen entdeckten, dass es Zeit wird, bisherige gesellschaftliche Konventionen in Frage zu stellen. Als die ersten "Gastarbeiter" kamen. Der erste Mensch auf dem Mond landete. Und sich Ost und West scheinbar unwiderruflich auseinander entwickelten.

Man kann aber auch einfach die Menschen fragen, die dabei gewesen sind. Für ihre Dokumentation "Unsere 60er Jahre" von Michael Wulfes hat die ARD ganz unterschiedliche Zeitzeugen zuhause in ihren Wohnstuben besucht, eine Kamera aufgestellt – und sie erzählen lassen: aus ihrer Jugend, von der ersten Liebe, der Politik und den Zwängen in Beruf und Gemeinschaft. Herausgekommen ist eine beispielhafte Geschichtsstunde, wie es sie sonst im Fernsehen selten anzuschauen gibt. Denn alle Protagonisten stehen mit ihren ganz unterschiedlichen Erfahrungen für einen Teil dieses Jahrzehnts, das die Deutschen so nachhaltig beeinflusst hat. Und das ist spannender anzusehen als so mancher aufwändige Spielfilm.

Dirk Kuhl aus Remscheid war 20 Jahre alt, als er erfuhr, dass sein Vater im Krieg nicht etwa in britischer Gefangenschaft gestorben ist, sondern als Gestapo-Chef unzählige Menschenleben auf dem Gewissen hatte und hingerichtet wurde. Kuhl ist von zuhause fortgegangen, er hat es bei der Mutter nicht mehr ausgehalten, die das alles so lange vor ihm verschwiegen hatte.

Wirtschaftswunder aus anderer Perspektive

Jürgen Werner ist auch gegangen, schon als er 16 war - weg von den Pflegeeltern im Havelland, die aus ihm einen ordentlichen Sozialisten machen wollten. Als Traktorist hat er die junge DDR nach vorne bringen sollen, schwer in der Landwirtschaft gerackert und gemerkt, dass freiheitliches Denken nicht erwünscht war. Er ging in den Westen, ohne richtigen Job, ohne Abschluss, und ließ sich treiben bis ihn das Heimweh packte. Aber zurück konnte er nicht mehr so einfach: Mitten durch Berlin war eine Mauer gebaut worden, das Land endgültig zweigeteilt und die Grenze scharf bewacht.

Hilde Huckebrinker wuchs im Ruhrpott auf, direkt neben der Zeche, und dachte als Kind, dass die Schornsteine die Wolken machten, die immerzu über ihrem Elternhaus hingen. Der Vater hatte ein Farben- und Tapetengeschäft und war Tag und Nacht im Einsatz. Für die Kinder blieb keine Zeit. Die Tochter sagt: "Ich wurde ernährt, gekleidet und schlief da. Aber nach meinen Schularbeiten hat niemand gesehen." Das Wirtschaftswunder - mal aus anderer Perspektive.

Es sind bewegende, manchmal auch heitere Geschichten, die in "Unsere 60er Jahre" erzählt werden. Die Autoren verbinden sie geschickt mit Fotografien und Originalfilmaufnahmen zu einer beeindruckend dichten Komposition, der man sich als Zuschauer kaum entziehen kann. Natürlich lebt die Dokumentation auch von den Emotionen: Wie Männer mit strahlenden Augen von ihrem ersten VW Käfer erzählen, an den kein Kratzer kommen durfte! Oder die Tochter eines Landwirts, der sich in der DDR nicht dem Bauernkollektiv unterordnen wollte, von der Zwangsumsiedlung ihrer Familie, deren schreckliche Details sich in ihr Gedächtnis gebrannt haben. Aber die Kamera filmt nicht die Tränen ihrer Protagonisten ab, sondern versucht bloß, die entscheidenden Momente ihrer Erzählung einzufangen.

Es war eine andere, eine komische Zeit, deren Regeln einem noch viel absurder vorkommen, wenn man sie so direkt erzählt bekommt oder sich darüber selbst in der Zeit zurück versetzen kann. Geheiratet wurde nicht nur aus Liebe – sondern wenn der Nachwuchs unterwegs war, so wie bei Barbara Kreuzinger, die sagt, man habe es "gerade noch so vertuschen können", wenn der Sohn kurz vor der Eheschließung gezeugt worden sei.

"Es war eine Ehre und eine Pflicht"

Als Arbeitskräfte fehlten, hat man welche aus dem Ausland geholt und wie den Italiener Bernado di Croce zwölf Stunden am Tag schuften lassen, bevor er zur Nachtruhe in ein heruntergekommenes Barackenlager geschickt wurde. Hans Jakob Heger wiederum ist in den 60ern nach Italien gefahren. Als ältester Sohn sollte er die Gießerei seines Vaters übernehmen und "Gastarbeiter" in die Fabrik holen. Die Mutter hat noch gesagt: Du musst vorsichtig sein mit dem Essen in Italien, die kochen da mit Olivenöl!

Hege hat getan, wie ihm geheißen wurde, und Maschinenbau studiert: "Es war eine Ehre, aber auch eine Pflicht". Dabei hätte er sich viel lieber mit Germanistik und Romanistik befasst, erzählt er mit einem Gesichtsausdruck als habe ihm gerade einen Lottogewinn überreicht. Und dann wieder ernster: "Aber darüber gab es kein Nachdenken."

Vor zwei Jahren ist in der ARD bereits die Dokureihe "Unsere 50er Jahre" gelaufen, und die war so erfolgreich, dass man gleich das nächste Jahrzehnt in Angriff genommen hat. Das hat zwar ein Weilchen gedauert, aber die Qualität und Sorgfalt, die man der Reihe nun ansieht, ist auch fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen längst nicht mehr selbstverständlich. Und dass die ARD "Unsere 60er Jahre" nicht irgendwo in der Nacht versteckt, sondern montags um 21 Uhr zeigt, muss auch gelobt werden. Gäbe es im Ersten mehr davon - die ARD hätte im ewigen Zoff um die Gebühren ein echtes As im Ärmel.

"Unsere 60er Jahre - Wie wir wurden, was wir sind", sechs Teile, montags um 21 Uhr im Ersten.


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