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Anke Engelke bei "Ich kann Kanzler!": Ohne Hackebeil zum Schnarchsender

Eine Komödiantin in ungewohnter Rolle: In der ZDF-Castingshow "Ich kann Kanzler!" sucht Anke Engelke zusammen mit Günther Jauch und Henning Scherf nach Nachwuchspolitikern. Im Interview mit stern.de spricht sie über eigene Polit-Qualitäten, Late-Night-Pläne und erzählt, warum sie nicht zum "Schnarchladen" ZDF wechseln will.

Frau Engelke, für das ZDF gehen Sie auf "Kanzler-Suche". Was meinen Sie, können Sie Kanzler?

Ich? Auf keinen Fall. Ich könnte mich niemals da hinstellen und für meine Ideen angreifen lassen. Ich bin auch viel zu wenig in der Lage, andere von meiner Sache zu überzeugen. Im Zweifelsfall finde ich es auch immer total super, was andere machen. Außerdem - das habe ich gemerkt als meine Show "Anke Late Night" abgesetzt wurde - nehme ich es mir viel zu sehr zu Herzen, wenn jemand meinetwegen seinen Job verliert. Deswegen dürfte ich niemals in die Politik.

Wäre Günther Jauch, der mit Ihnen in der Jury sitzt, ein guter Kanzler?

Sympathien allein reichen da nicht. Es reicht auch nicht, dass man gebildet, geistreich und eloquent ist. Günther hat da den Vertrauens-Bonus. Das ist natürlich alles klasse. Am Ende zählen aber die Inhalte. Also schreiben Sie jetzt bitte nicht: Anke Engelke will Jauch als neuen Kanzler!

Das ZDF will mit der Sendung "Ich kann Kanzler!" vor allem junge Menschen für die Politik begeistern. Waren Sie als Teenager politikinteressiert?

Interessiert schon, aber ich habe mich niemals irgendwo festgekettet oder so. Ich war besser im Unterschriften sammeln und geben. Ich bin Jahrgang 65, "Stoppt Strauß"-Buttons waren an unserer Schule ein großes Thema. Für alles andere war ich zu feige. Lichterketten fand ich super. Vor mehr hatte ich zu viel Bammel.

Herrscht heute eine Politikverdrossenheit bei den deutschen Jugendlichen?

Also viele, die ich bei dem Casting kennengelernt habe, waren richtige Politik-Junkies. Zwei davon wird man definitiv innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre bundesweit auf Wahlplakaten sehen. Die wollen das Land retten. Aber der Großteil der Jugendlichen blickt doch gar nicht mehr so richtig durch, was in der Politik abgeht. Bei politischen Diskussionen muss es darum gehen, dass hinterher alle mehr verstehen, als vorher. Das habe ich jedoch nur selten erlebt. Kein Wunder, dass viele Leute kein Bock mehr auf Politik haben.

Hat die Obamamania das Interesse an der Politik in Deutschland verändert?

Im Moment spüre ich davon nichts. Für mich ist das mehr ein Pop-Phänomen. Und dem misstraue ich gerade. Mir fehlt da noch das Fundament.

Sie bezeichnen sich selbst als moderne Feministin - regieren Frauen eigentlich anders als Männer?

Nein. In der Politik gibt es da keine Unterschiede. Da ist man dann vom Geschlecht Politiker. Natürlich war die Aufmerksamkeit erstmal eine ganz andere, als Frau Merkel an die Macht kam. Das ist aber immer so, wenn etwas Unvorhersehbares passiert. Ob Mann, Frau oder ein Elefant regiert - das ist letztlich egal: Die Reden von Politikern sind auf dem Papier geschlechtsfrei.

Was würde die Kanzlerin Engelke als erste Amtshandlung ändern wollen?

Ich würde alles viel durchsichtiger machen. Wofür kriegen die Politiker ihr Geld, wie lange kriegen die das, kriegen die das auch wenn sie nicht mehr arbeiten? Wie sieht deren Arbeitstag aus? Das muss erstmal für den Bürger klar sein. Klarheit wünsche ich mir, nicht nur in der Wirtschaft, vor allem auch in der Politik. Das Thema Lobby muss besprochen werden. Warum werden Entscheidungen gefällt? Wer entscheidet etwas, weil er daraus einen persönlichen Nutzen zieht? Nehmen Sie den Fall Opel: Das schnallt doch kein Mensch, was da gerade abgeht.

Es ist nicht das erste Mal, dass das ZDF wie die Privaten auf Castingshows setzt. Wie viel Dieter Bohlen steckt in Henning Scherf?

Kein bisschen. Ihm geht es nicht um die eigene Pointe. "Ich kann Kanzler!" und "Deutschland sucht den Superstar" sind nicht vergleichbar. Auch ich habe kein Hackebeil dabei und will niemanden verletzen. Bei "DSDS" habe ich nichts verloren. Nichts gegen Castingshows. Ich gehe dahin, wo es Sinn macht.

Lesen Sie auf Seite 2 welchem Politiker Anke Engelke Entertainerqualitäten zuschreibt und warum sie das ZDF für einen "Schnarchsender" hält

Wo macht es denn Sinn?

Bei Stefan Raab saß ich einmal als Gast in der Jury, bei Stefan sucht den Schlagmichtot... Da geht es um Musik und da kenne ich mich recht gut aus. Das war klasse. Seine Shows sind astrein.

Welcher Politiker hat Ihrer Meinung nach echte Entertainer-Qualitäten?

Ach, da gibt es schon ein paar. Gysi, Fischer... die finde ich ganz dufte. Denen höre ich gerne zu. Sogar wenn sie großen Müll reden oder mich bewusst verwirren. Das find ich unterhaltsam. Das sind richtige kleine Entertainer...

...die man sich auch mit einer Show bei Sat1 vorstellen könnte?

Nein, auf keinen Fall! Da sind schon ganz andere gescheitert. Unter anderem: ich!

Können Sie sich mittlerweile wieder vorstellen, noch einmal Late Night zu machen?

Sehr gerne. Wir reden ständig darüber. Das hat uns großen Spaß gemacht, 78 Folgen lang. Leider war die öffentliche Wahrnehmung etwas verzerrt. Dadurch, dass der Sender sich direkt mit dem Boulevard ausgetauscht hat, war es sehr schwierig zu arbeiten. Wir waren unter ständiger Beobachtung.

Im Herbst versucht es Oliver Pocher bei Sat1 endlich mal wieder mit einer Late-Night-Show...

Ihm traue ich ganz viel zu. Er ist wild und angstfrei. Das heißt nicht, dass er mutig ist, das darf man nicht verwechseln. Ihm fehlt da einfach ein Angst-Gen, er begibt sich bewusst auf ganz schön dünnes Eis. Ich finde es spitze, wie er sich diesen ganzen Jugend-Kultur-Musik-Trendquatsch reinzieht. Ich wünsche ihm nur, dass man ihm Zeit lässt. Dass er sich austoben kann und er Fehler machen darf.

Heißt das, wenn das Angebot kommt, könnten Sie sich trotzdem vorstellen, es noch mal zu tun?

Das hängt ganz stark von der Mannschaft ab, von dem Sendeplatz, von dem Sender, von den Inhalten, was man machen darf, welche Freiheiten einem gelassen werden... Aber wenn ich mir die neue Sendung von Oliver Welke im ZDF angucke: da läuft es super. So muss es sein. Das würde ich gerne wöchentlich sehen, nicht nur einmal im Monat.

Bei den Öffentlich-Rechtlichen werden nach dem Wechsel von Kerner und Pocher zu Sat1 neue Sendergesichter gesucht. Eine Option für Sie?

Ich bleibe bei Sat1. Für mich gibt es keinen Grund, woanders hinzugehen. Ich war über zwanzig Jahre bei den Öffentlich-Rechtlichen. Beim ZDF und beim Südwestfunk. Das ist mir da aber alles viel zu langsam. Mit so einer Sache wie "Ladykracher" würden wir da fürchterlich scheitern, weil zum Beispiel die Bücher ja erstmal durch so viele Instanzen gehen. Das dauert immer alles so lange bei denen und richtig frei wären wir da nicht.

Ist das der Grund, warum es jetzt schon seit vier Jahren keine neue Folge von "Blind Date" gibt, ihrer ZDF-Filmreihe mit Olli Dittrich?

Genau, es hätte schon 100 weitere Folgen geben können. Aber es dauert einfach alles so lange da. Das ZDF ist vielleicht ein Schnarchladen in dieser Hinsicht. Die sind da nicht flexibel genug. Die Sendeplätze sind auch so ein Problem. Wenn "Blind Date" wiederholt wird, dann um 0.15 Uhr oder so. Da ist es aber nicht zu finden. Ich nehme das dann auf dieses lustige Festplattendingsbums auf. Trotzdem: Das ZDF ist der richtige Sender. Auf so einem ernst zu nehmenden, nicht kommerziellen Sender muss man so ein Format machen. Das ist das tollste, dass wir das da machen dürfen. Olli und ich sind heiß, wir stehen in den Startlöchern.

Die Live-Show "Ich kann Kanzler!" läuft am 19. Juni um 21.15 Uhr im ZDF. Am 18. Juni ist um 21 Uhr "Die Vorentscheidung" zu sehen

Interview: Katharina Miklis