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Eurovision Song Contest Auftrittsverbot beim ESC? Nein, lasst die Russin singen

Julia Samoilowa will für Russland beim ESC singen
Julia Samoilowa will für Russland beim ESC antreten.
© EBU
Ist es Kalkül, dass Russland eine Rollstuhlfahrerin zum ESC schickt? Noch dazu eine, die mit ihrem Auftritt auf der Krim für einen Eklat sorgen könnte? Gut möglich. Trotzdem sollte Julia Samoilowa in Kiew singen dürfen.

Wochenlang war unklar, ob Russland beim Eurovision Song Contest 2017 in der Ukraine überhaupt teilnehmen würde. Am Sonntagabend dann die Bestätigung: Julia Samoilowa fährt mit "Flame is Burning" nach Kiew. Eine in zweierlei Hinsicht bemerkenswerte Entscheidung: Erstens, weil Samoilowa im Rollstuhl sitzt. Zweitens, weil sie im Juni 2015 auf der Krim aufgetreten ist. Beides bringt die Ukraine in ein Dilemma.

"Celebrate Diversity" heißt das Motto des diesjährigen ESC. Dass eine Schwerbehinderte an diesem Wettbewerb teilnimmt, könnte ein schönes Zeichen für diese gefeierte Vielfalt und ein Symbol für Inklusion sein. Doch ukrainische Kritiker wie der Blogger Ilja Warlamow wittern eine Verschwörung. "Ich werde das Gefühl nicht los, dass das Mädchen zu politischen Zwecken verwendet wird", schrieb er.

Russland droht beim ESC ein Pfeifkonzert

Seine Theorie: Viele Ukrainer in der Arena von Kiew würden beim russischen Beitrag gerne buhen. Zu sehr schwelt der Konflikt zwischen beiden Ländern. Doch da Samoilowa im Rollstuhl sitze, würde dies ein schlechtes Bild auf das Publikum werfen. Ein Pfeifkonzert für eine Schwerbehinderte? Zynisch und undenkbar.

Und es geht noch weiter. In den Fall Samoilowa hat sich der ukrainische Geheimdienst eingeschaltet. Grund ist ihr Auftritt in der Stadt Kertsch auf der Krim. Reisen auf die Halbinsel über Russland sind seit der Annexion von ukrainischer Seite verboten und werden mit einer mehrjährigen Einreisesperre geahndet. Laut Dekret müsste die 27-Jährige mit einem Einreiseverbot belegt werden. Doch das käme einem Auftrittsverbot beim ESC gleich.

Julia Samoilowa
Julia Samoilowa vertritt Russland beim ESC. 2014 sang die im Rollstuhl sitzende Sängerin bei der Eröffnung der Paralympischen Spiele in Sotschi.
© Ekaterina Lyzlova/AP

Es droht ein Eklat. Sollte Samoilowa ein Auftritt verweigert werden, müsste die European Broadcasting Union (EBU) als Veranstalter tätig werden. Die sieht den Wettbewerb laut Statuten als unpolitisch, würde eine Verweigerung der Einreise deshalb vermutlich nicht akzeptieren. Die Auseinandersetzung könnte eskalieren, eine gesichtswahrende Lösung für beide Seiten würde schwierig.

Dass Russland genau diesen Streit mit der Nominierung von Samoilowa provozieren wollte, ist nicht auszuschließen. Seit Jahren wählt der russische Sender Perwy Kanal seinen Beitrag ohne Beteiligung des Publikums intern aus, das Volk wird nicht gefragt. Die Kriterien dafür sind undurchsichtig. Vermutet wird, dass die Entscheidungen im Kreml abgenickt werden.

Ukraine schadet sich mit Auftrittsverbot selbst

Doch politisches Kalkül hin oder her: Samoilowa muss in Kiew singen dürfen. Nicht weil der ESC ein unpolitisches Event ist - das war er noch nie. Sondern weil die Ukraine Größe zeigen sollte. Ein Auftrittsverbot würde den Wettbewerb in Kiew, den das Land sich geschätzte 20 Millionen Euro kosten lässt, überschatten. Damit würde die Ukraine nicht Russland, sondern sich selbst schaden.

Mit einer ESC-Teilnahme werden Jurys und das Publikum Europas über Wohl und Wehe des russischen Beitrag entscheiden. Gut so. Die lassen sich nicht für dumm verkaufen. 


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