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TV-Kritik

"Bares für Rares XXL": "Herrlisch!" und "Sa-gen-haft!": Ein Trödelträumchen aus der "Haschhölle"

Die erfolgreiche ZDF-Trödelshow kommt erneut ins Abendprogramm. Große Mönchsfiguren und kleine Flohfallen wechseln auf Schloss Drachenburg den Besitzer. Promi Bill Mockridge und Frau Margie Kinsky verscherbeln Tafelsilber.

Von Simone Deckner

Das Schauspieler- und Comedian-Ehepaar Margie Kinsky und Bill Mockridge, "Bares für Rares"-Moderator Horst Lichter und Experte Detlev Kümmel (v. l.)

Das Schauspieler- und Comedian-Ehepaar Margie Kinsky und Bill Mockridge, "Bares für Rares"-Moderator Horst Lichter und Experte Detlev Kümmel (v. l.)

ZDF

schnauft. Er muss da mal bitte mal "janz schnell" vorbei an dem seriösen Herren mit dem Einstecktüchlein, vorbei an der gepflegten Dame, der kiloweise Geschmeide an Hals und Armen baumelt, vorbei auch an dem gewienerten Oldtimer, der da fotogen auf der Wiese im Sonnenlicht glänzt – dann hat er es geschafft: "Ein Träumchen!", "Herrlisch!", "Sa-gen-haft!", quasselt er gewohnt salopp in die Kamera.

Lichter, der Mann, der zu 75 Prozent aus Schnauzbart und zum Rest aus Jefüüühl besteht, ist wieder voll in seinem Element. Das ist: alter, womöglich wertvoller Klumpatsch, der sich auf Dachböden, in Kellern oder auf Flohmärkten findet und nun von seinen Besitzern vor laufender gegen schnöden Mammon eingetauscht wird. Das ist das Erfolgsrezept der ZDF-Erfolgsshow "Bares für Rares". Ideelle Werte gegen Penunzen. So buchstabiert man Erfolg heute.

"Bares für Rares" aus der "Haschhölle"

Mehr als zwei Millionen Menschen schauen nachmittäglich zu, wenn "Bares für Rares" auf dem Programm steht. Wenn Gabi Mustermann und Männe entrümpeln und ihre Dachbodenfunde von Experten taxieren lassen, bevor sich eine Handvoll ebenso echter wie skurriler Antiquitätenhändler darüber streiten darf, wer den Zuschlag bekommt, darunter ein sehr kleiner Mann mit bunten Hosenträgern, der in einem früheren Leben als "Handstand-Lucki" nach Rom zum Papst lief, auf den Händen natürlich, eine Diamantgutachterin und Pferdesportlerin und ein androgyner Gothik-Fan aus dem Osten, der Tunnel, Nasenring und anspruchsvolle Frisur trägt. Der 26-Jährige hat durch sein Auftreten vermutlich schon mehr für die Akzeptanz von Nicht-Normalos beim ZDF-Stammpublikum getan hat als hundert gesellschaftskritische "37 Grad"-Reportagen es je schaffen werden.

Am Donnerstag platzierte das ZDF "Bares für Rares" nun bereits zum fünften Mal auf dem prominenten 20:15 Uhr-Sendeplatz und in Langfassung. Die Kulisse: Schloss Drachenburg in Königswinter. Das als "märchenhaft" gepriesene Gemäuer bröckelte noch in den 70er-Jahren vor sich hin und war in der Lokalpresse als "Haschhölle" verschrien. Irgendwann erbarmte sich ein gütiger Privatier und rettete, was noch zu retten war. So dass Lichter vergönnt ist, in weißem Sommer-"Wetten, dass ..?"-Gedächtnis-Outfit, herzlich Wagenküsschen verteilend, im Schlossgarten zu wandeln. Ächzend zwar, aber immerhin.

Bienenmänner und Flohfallen

Und was gibt es nicht wieder alles zu bestaunen: eine mannshohen Mönchsfigur aus Holz, in deren Hinterteil sich eine Einflugschneise für befindet etwa. "Sehr selten", murmelt der Experte, während Lichter einen Hintenrum-Witz nach dem anderen reißt. "Er ist hohl", sagen die Schwestern, die sich "so 50 bis 100 Euro" für ihren "Bienenmann" vorstellen, der einst beim Großvater in Krems im Weingarten stand, nun aber seit Jahren bei ihnen im Keller vor sich hin rottet.

Am Ende gibt ihnen Händler Walter "Waldi" Lehnertz 800 Euro in die Hand, obwohl er "Muffen hat vor Bienen", aber den ungewöhnlichen Bienenstock zu schätzen weiß. "Die sind wichtig für die Welt", wirft einer der anderen Händler ein. Öffentlich-rechtlicher Bildungsauftrag erfüllt. Bienen = gut.

Flöhe = widerlich, findet Lichter hingegen bei einem anderen Objekt. "Das sieht aus wie eine Flöte", flötet Lichter, das Objekt entpuppt sich jedoch als antike Flohfalle. Zuvor hatte die euphorische Expertin Heide Rezepa-Zabel (genau so großartig wie ihr Doppelname) erläutert, dass man in solche Fallen früher Flöhe mithilfe eines in Blut getränkten Schwämmchens gelockt habe. "Das saugen die dann auf, werden immer dicker und kommen dann nicht mehr aus der Falle raus." "Nee, schon klar", winkt Händler "Waldi" ab, als die Kandidatin die Erklärung später wortgleich wiederholt. "Was kostet eigentlich das Kilo Flöhe heute?", feixt Händler Fabian.

Schüchterne Altenpflegerin wird überrascht

Seinen Preis hat auch das rote Mercedes-Cabrio, ein seltener SL 190 aus zweiter Hand. "Unter 100.000 Euro gebe ich den nicht her", sagt sein Besitzer, ein sparsam schauender Mann namens Fröhlich. "Ich werd‘ wahnsinnig", sagt Autofan Lichter. "90.000 Euro, das ist jetzt wirklich mein letztes Wort, sagt Händlerin Susanne Steiger, nachdem Herr Fröhlich auch wirklich jedes Angebot zuvor mit einem beharrlichen "ganz sicher nicht" abgebügelt hat. "Wie kann man denn bitte bei 90.000 Euro 'nein' sagen?", fragen sich die Händler. Herr Fröhlich fragt sich nicht. Er hat ja noch einen Sohn, der zwar 1,92 misst und damit "zu groß" ist für das Cabrio, aber dann fährt Herr Fröhlich eben selber noch eine Weile SL 190.

Weitaus bescheidener kommt Altenpflegerin Natascha mit ihrem Porzellan-Döschen daher. Die Großeltern haben es ihr vermacht. Nun soll es andere Menschen erfreuen. Sie wäre froh, wenn sie "etwa 150 Euro" dafür bekäme, sagt sie schüchtern. Experte Detlev Kümmel widerspricht. "Ich bin tief beeindruckt von diesem Kleinod", fachsimpelt er und gerät dann geradezu in einen Rausch: "Tadellos", "von bester Qualität" sei das Stück, noch dazu aus Meißen! 4500 bis 5000 Euro sei das bestens erhaltene Döschen wert. Altenpflegerin Natascha schluckt, Lichter sagt "Ich habe Tränen in den Augen" und "versprich mir aber, dass du von dem Geld auch was für dich tust!"

Am Ende bekommt sie tatsächlich die 4500 Euro und vor den Bildschirmen kann für kurze Zeit niemand mehr etwas sehen, weil alle Tränen in den Augen haben und sich wünschen, dass die Natascha jetzt aber wirklich mal was für sich tut und nicht nur für andere da ist.

Bill Mockridge und Frau wollen ihr Tafelsilber verscherbeln

"Sie führen ein eigenes Improvisationstheater, das könnte bei den Verhandlungen helfen", werden Bill Mockridge (bekannt als Erich Schiller aus der "Lindenstraße") und Frau Margie Kinsky anmoderiert. Die Beiden vergnügten Trachtenjankerträger wollen ein Silber-Tafelservice los werden, das Mockridges Vater ihnen einst zur Verlobung schenkte. "Dat wird schwarz. Dat is fimmschig", unkt die Noch-Besitzerin wenig wertschätzend, während ihr Gatte eine gefühlt halbstündige Geschichte erzählt davon, wie sein Vater das Tafelservice einst auf der Straße stehen ließ, es aber auch nach vier Stunden unversehrt wiederfand – in Toronto. "Dat musste mal in Köln versuchen", kalauert Lichter.

Später setzt Mockridge bei den Händlern dann auf Gefühlsduselei, Schauspieler eben. "Wir sind bald 35 Jahre verheiratet und wollen gern nach Las Vegas fliegen, um unser Ehegelübde zu wiederholen", sagt der Mann, den man gedanklich leider nur mit Mutter Beimer zusammen bekommt. Obwohl sich das Tafelsilber als bloß versilbert herausstellt und sich Margie schon mit einer zweiten Hochzeit in Remagen anfreundet, sind die Händler am Ende gnädig. Sie kaufen dem prominenten Paar das Geschirr für einen Tausender ab. Las Vegas kann kommen. Abseits der Kamera kann man Horst Lichter schnaufen hören.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo