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Das Fernsehgericht tagt: "Die Toten von Hameln" Das Geheimnis des deutschen Walds


Bei einem Chorausflug verschwinden vier Schülerinnen. "Die Toten von Hameln" führt in den dunklen Wald rund um die mittelalterliche Stadt. Vor allem Julia Koschitz macht diesen ZDF-Krimi sehenswert.
Von Oliver Creutz

Wer sich schon einmal in ihm verlaufen hat, weiß: Der deutsche Wald kann ganz schön dunkel sein. Böse Wölfe leben dort, kinderfressende Hexen und vielleicht auch Rüdiger Nehberg. Von daher war es eine gute Idee vom ZDF, mal einen ordentlichen Waldkrimi zu drehen. "Die Toten von Hameln" spielt im Gehölz rund um die mittelalterlich pittoreske Stadt zwischen Bielefeld und Hannover. Ein Mädchenchor ist gekommen, um in der Kirche aufzutreten. In ihm singen pubertierende Biester mit hellen Stimmen, die sich entweder an den Organisten (gespielt von Hannes Wegener) heran machen oder Mitsängerinnen mobben. Als sie gemeinsam das finstere Grün durchwandern, angeführt von der Chorleiterin Johanna Bischoff (Julia Koschitz), fühlen sich einige von ihnen angelockt von den Höhlen im Wald. In eine von ihnen am Berg Ith soll vor 700 Jahren der Rattenfänger die Kinder von Hameln geführt haben. Der Ausgang ist bekannt.

Vier Mädchen und der Organist sind plötzlich weg, der Ith hat sie verschluckt. Nun beginnt ein Krimi, der auf mehreren Ebenen funktioniert. Zum einen suchen Polizisten und Rettungskräfte nach Lebenszeichen. Da der Polizeichef von Bjarne Mädel gespielt wird, geschieht dies nicht bitterernst, sondern eher linkisch tastend. Zum anderen entfaltet sich die Geschichte der Chorleiterin Johanna. Sie wurde in Hameln geboren, ihr Vater (Matthias Habich) lebt seltsamerweise zusammen mit seiner Schwester (Ruth Reinecke), und auch hier findet sich eine (metaphorische) Höhle, in der dunkle Geheimnisse ruhen. Johanna sieht seit ihrer Kindheit Gespenster, jetzt lernt sie die Beschaffenheit dieser Trugbilder kennen - sie hat die vielen Pillen abgesetzt, die sie von ihrer Tante verabreicht bekommen hatte. Sie sollten die Erinnerung an ein Verbrechen vernebeln.

Der Film setzt voll auf die Mimik und Gestik von Julia Koschitz, eine Schauspielerin, die ihr komödiantisches Talent erfolgreich ins Drama verlegt hat. Sie spielt mit ihren Gesichtsmuskeln, hält ihren Körper selbst da, wo Hektik und Panik angebracht wären, unter Kontrolle. Die Frau mit den Rehaugen will eben kein Reh sein, das durch den Wald gejagt wird. Bjarne Mädel besitzt die Größe, erneut den Typus des Provinz-Beamten zu spielen, den er schon in "Mord mit Aussicht" darstellt - diesmal aber weniger behäbig und trottelig. Allein seine Anwesenheit nimmt dem Krimi jeden falschen Spuk.

"Die Toten von Hameln" schafft eine Atmosphäre, in denen sich gute Schauspieler so durch das Labyrinth der Bäume bewegen können, dass wir ihnen gern folgen. Die Auflösung führt geradewegs in die deutsche Vergangenheit, die Schlussszene leider völlig in die Irre.

Urteil: Unter vielen guten Gründe, diesen Krimi einzuschalten, lautet der beste: Julia Koschitz.

Das ZDF zeigt "Die Toten von Hameln" um 20.15 Uhr.


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