HOME

Behörde war in Lügde-Fall involviert: Landrat von Hameln-Pyrmont tritt wegen Burn-out zurück – und prangert Beschimpfungen im Netz an

Im Missbrauchsfall von Lügde standen er und seine Behörde in der Kritik: Tjark Bartels, der Landrat von Hameln-Pyrmont. Nun tritt der SPD-Politiker wegen einer Erkrankung zurück – und richtet einen Appell an uns alle.

Tjark Bartels (SPD), Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont

SPD-Politiker Tjark Bartels wurde 2013 Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont

DPA

Politik war seine Leidenschaft, sagt er. Dafür zu sorgen, dass es Menschen besser geht, dass die Schulen in Ordnung sind, dass die Infrastruktur in Schuss ist, das Flüchtlinge vernünftig untergebracht werden. Doch nun kann er nicht mehr. Tjark Bartels, seit 2013 Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont im Süden Niedersachsens, hört auf. Muss aufhören, auf dringenden Rat seiner Ärzte und seiner Familie. "Seit gut drei Monaten bin ich erkrankt", sagt der 50-Jährige in einer Videobotschaft. Die Diagnose: ein schwerer Burn-out (siehe Kasten unten).

Darum tritt Tjark Bartels als Landrat zurück

"Ich habe das Innenministerium des Landes informiert (...) und dort ist das Verfahren zur Beendigung meines Dienstes aus gesundheitlichen Gründen eingeleitet worden", erklärt Bartels in dem gut neunminütigen Video.

Herr über mehr als 500 Mitarbeiter sein, die Interessen von 150.000 Bewohnern im Blick haben, die 38-Stunden-Woche eher als Ausnahme: Der Job des Landrats ist anspruchsvoll und mitunter anstrengend. Doch Bartels sagt, er habe die Arbeit gerne gemacht. Was ihn jedoch in den vergangenen Monat offenbar besonders viel abverlangte, sei der Umgang mit dem Fall massenhafter sexueller Kindesmisshandlung im benachbarten Kreis Lippe: der Missbrauchsfall von Lügde (lesen Sie hier im stern Hintergründe zu dem Fall).

Auch Bartels und seine Behörde gerieten im Zuge der Enthüllungen massiv unter Druck, wiederholt wurde der Rücktritt des Behördenleiters gefordert. Denn eines der mindestens 40 Opfer wurde vom Jugendamt des Landkreises Hameln-Pyrmont in die Pflege des Hauptverdächtigen gegeben, obwohl es Hinweise auf die Pädophilie des Mannes gegeben hatte. Zudem wurden Akten manipuliert. In seinem Video räumt Bartels die Vorwürfe gegen seine Behörde erneut ein. "Wir sind es den Menschen schuldig, dass ein neues Lügde (...) am besten nie wieder vorkommen kann", so der SPD-Politiker. Dazu habe er beitragen wollen.

Doch die Art der öffentlichen Diskussion über die Taten erschwere es, Konsequenzen aus ihnen zu ziehen und hat möglicherweise zu seiner Erkrankung ihren Beitrag geleistet. "Wir sind es als Politikerinnen und Politiker gewohnt, beschimpft zu werden, und das auch in übler Form. Und auch ich habe das jahrelang ausgehalten", erklärt Bartels. "Im Fall Lügde war meine Grenze deutlich überschritten." 

In der Tat wurde der Landrat in den sozialen Netzwerken massiv beschimpft, beleidigt und bedroht. Viele der verächtlichen Äußerungen sind auch heute noch nachzulesen. "Ich finde es nicht richtig, dass wir Hate Speech dulden und – das ist noch viel schlimmer –, dass es ein Teil der Medienwelt geworden ist." Sender, Zeitungen und Magazine würden solche Worte als öffentliche Meinung wahrnehmen – "dabei ist es nur ein Zerrbild", sagt Bartels.

Landrat von Hameln-Pyrmont Opfer von Hate Speech

Es ist die Erfahrung, die viele machen, die – ob freiwillig oder unfreiwillig – in die Öffentlichkeit geraten oder sich in gesellschaftlichen Fragen positionieren: Bundes-, Landes-, Kommunalpolitikerinnen, Beamte, Schauspieler, Musikerinnen. Aber auch Feministinnen, Vertreter von religiösen Organisationen oder anderen Verbänden, Flüchtlingshelfer, Journalistinnen. Sie alle machend die Erfahrung, dass für die Täter nicht Argumente, sondern das Verächtliche, das Drohende, das Beleidigende zum Diskurs gehören – und dass es noch immer kein Mittel gibt, um sie konsequent und effektiv für ihre Taten zur Rechenschaft zu ziehen. Auch der stern berichtete mehrfach darüber.

Bartels warnt in seinem Statement vor den Folgen für die Gesellschaft: "Viele, die in der Politik tätig sind, wägen im Inneren ab, wie das, was sie sagen, wohl bei Facebook, bei Twitter und bei Instagram ankommen wird. Und das führt nicht zu guten Ergebnissen." Sein dringende Appell: "Wir (alle) müssen uns darüber ernsthaft Gedanken machen."

Bis zur möglichen Neuwahl eines Landrates wird die Verwaltung des Landkreises Hameln-Pyrmont von hohen Beamten weitergeführt, repräsentative Termine übernehmen die bisherigen Stellvertreter Bartels.

Der Rückzug des 50-Jährigen aus dem Kreishaus rief unterschiedliche Reaktionen hervor. Ulrich Watermann, SPD-Fraktionsvorsitzender im Kreistag, sprach im Norddeutschen Rundfunk von einem großen Verlust. CDU-Politikerin Ursula Körtner habe dem Sender gegenüber die Erkrankung des Landrats zwar als bedauerlich bezeichnet, den Rücktritt als solches bedaure sie jedoch nicht.

In den Kommentarspalten im Internet haben viele Menschen dem Politiker eine baldige Genesung gewünscht. Andere haben ihn – beschimpft und beleidigt.

Quellen: Landkreis Hameln-Pyrmont, Norddeutscher Rundfunk, Deutsche Depressionshilfe