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Der Moderatorencheck: Keiner wie Kerner?

Nach zwölf Jahren beim ZDF wechselt Johannes B. Kerner wieder zu Sat1. Verliert der Sender damit einen ausgezeichneten Moderatoren oder kann er froh sein, den Schmalspur-Talker los zu sein? Die Qualitäten und Schwächen des JBK im Moderatorencheck.

Von Michael Rossié

"Gunaaabend!" Das klingt bei den Mainzelmännchen noch ein bisschen quietschiger als bei ihm, aber wir sind unüberhörbar beim ZDF. Eine beliebige Sendung von "Johannes B. Kerner": Besuch von Ministerpräsident Dieter Althaus. Die Willkommensarie ist sehr konventionell ("Ein herzliches Willkommen gilt..." und "ein ebenso herzliches Willkommen für"). Auch der Einstieg ist so schlecht geschrieben, dass man sich fragt, warum der Moderator Kerner sich das gefallen lässt. Die Sätze sind lang und voller Moderatoren-Phrasen. Da hat sich ‚"der Mensch Dieter Althaus" wieder "auf der politischen Bühne zurückgemeldet." Und "Was könnte man sich für so eine Sendung Schöneres wünschen als...". Das klingt nach Vorabendprogramm. "Sie sind der 100. Mensch, der unschuldig freigelassen wurde." (Die anderen wurden schuldig freigelassen). Oder versuchen Sie mal die folgende Frage intelligent zu beantworten: "Wie schmal schätzen sie den Grad zwischen Sensibilisierung und Panikmache?"

Manche Sätze sind von einer beängstigenden Schlichtheit ("In Bezug auf die Schweinegrippe gibt es eine Form von Aufregung"). Wenn Kerner einen Minister fragt, ob "die Ausrufung des Notstandes in Deutschland vorstellbar wäre oder ob hier die Besonnenheit reagiert", liegt die Antwort schon in der Frage. Das Gleiche gilt für: "Als es neue Beweise gab, sind ihre Chancen dann größer geworden?"

Nicht so eitel wie Gottschalk, nicht so gelangweilt wie Pilawa

Die eigentliche Stärke von Kerner liegt aber darin, dass er auch nach so vielen Sendungen immer noch neugierig ist. Ermüdungserscheinungen kann ich bei ihm beim besten Willen nicht entdecken. Er ist nicht so eitel wie Gottschalk, nicht so gelangweilt wie Pilawa und viel professioneller als Raab. Er hört zu, ist gut gelaunt und entwickelt die meisten Fragen aus den Antworten seiner Gäste. Er ist witzig und hat auch selbst jede Menge Spaß. Er ist sich für nichts zu schade, probiert Lebensmittel, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, macht vor, wie man richtig niest und wirft mit kindlicher Freude Marmeladenbrote auf den Boden. Dabei ist sein Lachen jederzeit echt und natürlich. Das steckt an.

Meist stützt er sich auf den mächtigen Schreibtisch, der wie eine Barriere wirkt. Dabei hält er sich auch schon mal an der gegenüberliegenden Seite des Tisches fest, als wollte er gleich über die Platte kriechen. Aber die meiste Zeit verschränkt er die auf den Tisch gestützten Arme und hört zu. Leider führt dieses System, bei dem völlig unterschiedlichen Gäste fast immer der Reihe nach drankommen, zu langweiligem Wortgeklingel. Was soll die Frau eines Schauspielers über die Schweinegrippe sagen? Oliver Bierhoff wird zu dem Unfall von Herrn Althaus gefragt, "ob Schuld hier eine Kategorie ist, die überhaupt interessant ist". Was fällt Herrn Bierhoff dazu mundwinkel-verziehend ein? Richtig - gar nichts! Politische und philosophische Fragestellungen kontrastieren mit der Frage, was Frau Milberg funktionabel findet, um es aus dem "Schattendasein seiner Funktionalität herauszuholen." Eine nette kleine Abendunterhaltung plätschert dahin, die nicht in die Tiefe geht und nur ganz vereinzelt richtig spannend wird, wenn zum Beispiel Michael Jürgs und Dieter Althaus über den Umgang mit der Presse diskutieren. Fußball kommt immer vor, das ist gut für die Quote. Wie herzlich Boris Becker küsst und die Finanzkrise folgen zusammenhanglos hintereinander.

Kerner ist auf seinen kleinen roten Moderationskarten immer bestens vorbereitet, hat aber auch immer gerade irgendetwas gehört, gelesen oder im Fernsehen gesehen. Manchen Gästen ist Johannes B. Kerner aber auch nicht ganz gewachsen. Auf Werner Schneyders Rundumschlag gegen die Zockermentalität der Banker kontert er mit Sätzen Beckmannscher Belanglosigkeit, wie der Feststellung, dass "die Wirtschaftskrise also doch über Klinsmann und der Schweinegrippe steht". Eine sehr präzise Analyse. "Im Wort 'Krisenmanagement' ist also das Problem schon verbalisiert". Aha.

Ob im ZDF etwas fehlen wird, wenn er nicht mehr da ist? Ganz sicher. Kerner ist beliebt und erfolgreich und macht seine Sache verdammt souverän und gut. Aber er ist weder unerreichbar noch unersetzlich. Markus Lanz läuft sich ja schon ziemlich vielversprechend warm. Doch der allein wird als Ersatz nicht ganz reichen.