Der Moderatorencheck Vom Torwart-Titan zum Tele-Talker


Seit gestern Abend macht er alleine, was vorher Jürgen Klopp und Urs Meier gemacht haben: Oliver Kahn, legendärer Torhüter des FC Bayern, analysiert zusammen mit Johannes B. Kerner die Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft im ZDF. Taugt er als Kommentator?
Von Michael Rossié

Der Humor, den Kerner testen wollte - sollte Kahn ihn denn überhaupt haben – war noch nicht so deutlich zu sehen. Das Lächeln von Kahn taucht immer nur sehr kurz und etwas gequält auf. Nicht nur, weil die deutsche Nationalmannschaft nur 3:3 gespielt hat. Kahn wollte authentisch bleiben, hatte er vorher gesagt, und das ist wohl eher nachdenklich, ernst, konzentriert. Oder war er von Kerners Fragen genervt?

Unruhe vor der Kamera

Wenn er zu Anfang behauptet, er spüre überhaupt keinen Druck, so ganz glaubt man es ihm nicht. Er schaut lieber vor sich ins Leere als zu Kerner oder in die Kamera, und das ständige Wechseln des Standbeines führt dazu, dass er im Bildausschnitt ständig von einer Seite zu anderen wippt. Aber er hat es auch nicht einfach. Jemand, der in einem Film vorab mit massiver orchestraler Unterstützung als Phänomen und Rekord-Champion vorgestellt wird, darf einfach nicht versagen.

Das tut er auch nicht. Formulieren kann er. Locker bildet er lange und anspruchsvolle Satzkonstruktionen ("Die Automatismen fangen an zu greifen."). Dabei hat er einen großen Wortschatz und kann denselben Sachverhalt in Variationen formulieren. Souverän, selbstbewusst und klar kommentiert da jemand Dinge, von denen er etwas versteht. Ein bisschen schnell kommt manche Antwort, die Sätze hängen aneinander wie Eisenbahnwaggons, aber Kerner ist Profi genug, immer wieder dazwischen zu grätschen und das Tempo zu verlangsamen. Trotzdem muss auch Kerner dann ein paar Duelle ums Wort verloren geben. Kahn gewinnt eben gern. Das wird sich einspielen. Die beiden üben ja noch.

"Wie" statt "als"

Außer einer kleinen Schwierigkeit mit dem "ig" ("wichticher Spieler" oder "brenzliche Situation") gibt es keine Probleme mit Dialekt oder Aussprache. Da, wo bei anderen "ähs" sind, muss man sich bei Kahn in den meisten Fällen an die Wiederholungen von Satzteilen gewöhnen.

Grammatikalisch ist auch nicht alles in Ordnung ("eine andere Nummer wie gegen Belgien" oder "kein Geringerer wie der..."), ein paar Verdreher ("Man darf nicht auch immer..."), oder es wird sehr volkstümlich („der Ball wird vorbeigemacht" oder "aus dieser Geschichte draus lernen"). Manches ist ein bisschen unentschieden ("Fußballspiele werden immer meist..."), und außerdem sind alle psychischen Probleme der Spieler natürlich "psychologische Probleme". Doch das machen andere auch.

Auch Blech in der Rede

Erst auf den zweiten Blick fällt dann so manches Blech auf, das der Titan produziert. Da erklärt er blumig, wie "das Glück erzwungen werden muss". Das Glück musst du dir "im Gespräch mit dem Trainer erarbeiten." Die Spieler müssen "die richtige Körpersprache haben" und "in der Mannschaft werden Signale gesetzt". Da zündet Kahn doch eine ganze Menge Nebelkerzen an. "Jetzt springt der Ball vor die Füße, und das ist genau das, was der Spieler erzwingen muss." Aha. Jetzt verstehe ich, wie es zu einem Tor kommt. "Bei einem Länderspiel gehört es dazu, dass die Spieler Wege gehen, die sie sonst nicht gehen." Da spricht ein Insider. Aber soviel gibt es über 22 Männer, deren einziges Ziel es ist, einen Ball in das jeweils andere Tor zu schießen, vielleicht auch nicht zu sagen.

Deswegen ist ab der Pause neben dem Wort "letztlich", mit dem Kahn immer wieder Zeit gewinnt, die häufigste Formulierung: "Wie ich schon gesagt habe...", variiert mit "wie schon gesagt" und "ich kann es nur wiederholen!". Und anstatt es damit gut sein zu lassen, weiß der Profi, was sich gehört: Er sagt es tatsächlich noch einmal. Erst das, was er selbst schon gesagt hat. Dann das, was Kerner schon gesagt hat. Dann das, was Löw schon gesagt hast. Schließlich wird er für das Füllen von Sendezeit bezahlt.

Wenn man sich wirklich fragt, was man durch die Fachkompetenz von Herrn Kahn eigentlich erfahren hat, dann bleibt vor allem, dass die deutsche Mannschaft "mehr Druck machen muss". Sie muss "einfach druckvoller" sein. Sie muss "mehr Gas geben". Seine messerscharfe Analyse lautet: "Zum Schluss kann man dann sagen, ob das ein gewonnener oder ein verlorener Punkt war". Jetzt sollte die Mannschaft - Sie ahnen es schon- "erst mal weiter Druck machen". Kahns klarer Tipp heißt: "Man muss einfach mal sehen, wie das Spiel weiter läuft!" Und das haben wir dann gesehen. Es ging unentschieden aus.

Kahn bekommt den Punktsieg für die souveräne Wirkung und den lockeren Autritt, so genau untersuchen darf man das, was er sagt, nicht in jedem Falle.


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