HOME

Der Moderatorencheck: Wickerts Schuhe passen noch nicht

Am 1. September hat Tom Buhrow seinen neuen Job als Moderator der "Tagesthemen" angetreten. Trotz eines ordentlichen Einstands - sein Vorgänger Ulrich Wickert ist noch nicht vergessen.

Von Michael Rossié

Die Kritiken über Tom Buhrows erste Moderation der "Tagesthemen" waren überwiegend postitiv: Die Kritiker vertrauten darauf, dass die noch fehlende Lockerheit durch die Routine entstehen würde. Und sie haben Recht: Er artikuliert deutlich, verspricht sich kaum und bleibt sachlich distanziert. Da versucht jemand, keinerlei Angriffspunkte zu bieten. Wenn man genauer hinhört, dann gibt es ein paar deutliche Unterschiede zum großen Vorbild: Buhrow singt den Trailer und auch die Off-Texte am Anfang wie Heiner Bremer zu seinen besten Zeiten. Manche unsinnige Pause hat er dagegen von seinem Vorgänger übernommen ("Mehr dazu - gleich in den Tagesthemen.").

Auffallend ist die hohe Anzahl von Betonungen, die das Zuhören sehr viel anstrengender macht als bei Will oder Wickert ("Es STERBEN auch IMMER noch junge MÄDCHEN"). Die Worte werden dabei nicht einfach betont, sondern Buhrow haut auf das Wort wie auf eine Kesselpauke. Das hat für ihn den Vorteil, dass sich der Satz verlangsamt und die Gefahr eines Versprechers sinkt. Gleichzeitig wirkt es so, als wollte er uns aufrütteln. Für den Zuschauen führt dies bisweilen zu Irritationen, wenn er bei den betonten Wörtern danebenhaut ("WORÜBER man sich DENN einigen KONNTE"). Und über den Satz "Mehr dazu mit Susanne Daubner" lässt sich sicher auch diskutieren. Wir hören die Neuigkeiten ja nicht MIT Frau Daubner, sondern VON ihr.

Mehr Untertöne bei Anne Will

Schwierige englische Ausdrücke wie "Enduring freedom" meistert Anne Will noch deutlich besser als Buhrow sein "World of warcraft", aber das ist eine Frage der Übung. Zwar macht Anne Will häufiger Fehler ("ein MachtWORT", "Standsanwaltschaft", "dort findet sich auf Hörbüchern gebanntes Wort"), dafür besitzen ihre Sätze mehr Untertöne und klingen wie erzählt. "Joachim Wager - danke nach Berlin!". So würden man das nicht schreiben, aber eben sagen. Die Geschwindigkeit und die Satzlänge wechseln bei ihr. Als Zuschauer glaubt man kaum, dass Anne Will Teleprompter zur Hilfe nimmt. Man hört ihr einfach gerne zu.

Wenn Buhrow Fragen an Korrespondenten hat, wirkt er am besten. Das starre Gesicht bekommt mehr Ausdruckskraft, die Sätze bekommen mehr den Charakter der gesprochenen Sprache, sie werden kürzer und die Hände bewegen sich. Hier wirkt er deutlich sympathischer und lockerer.

Buhrow fragt nicht nach

Ärgerlich wird es dann aber bei einem Interview mit dem Siemens-Chef zu BenQ. Buhrow liest brav seine Fragen herunter und Herr Kleinfeld bekommt die Gelegenheit, die sprachlichen Versatzstücke, die ihm seine PR-Abteilung antrainiert hat, mindestens jeweils zweimal aufzusagen und auf die verdienstvolle 160-jährige Firmengeschichte hinzuweisen, ohne auch nur andeutungsweise auf die Fragen eingehen zu müssen. Auch wenn Herr Kleinfeld mit der Zusammenfassung des Interviews durch Tom Buhrow nicht ganz zufrieden gewesen ist, bei Siemens werden sie gejubelt haben, dass in diesen Minuten nicht Herr Wickert im Studio nachgefragt hat.

Aber auch unser Bundesverteidigungsminister strahlt nach einem Interview mit Frau Will, weil er von keinerlei kritischer Nachfrage behelligt, seine Statements unterbringen durfte. In solchen Momenten sehnt man sich sehr nach Ulrich Wickert zurück.

Alles in allem ist der Einstand von Herrn Buhrow geglückt. Aber es gibt durchaus einiges zu verbessern. Ob er daran arbeitet und ob er sich zu einem kritischen Gesprächspartner entwickelt, können wir fast jeden zweiten Abend in der ARD verfolgen.