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ESC 2021 NDR stellt deutschen Song vor – es ist alles noch viel schlimmer

Jendrik Sigwart sitzt bei Fotoaufnahmen in einem Studio auf dem Boden
Jendrik Sigwart aus Hamburg vertritt Deutschland beim ESC in Rotterdam mit "I Don't Feel Hate"
© ARD
"I Don't Feel Hate" heißt der deutsche Beitrag für den ESC 2021 in Rotterdam. In einer Pressekonferenz stellte der NDR das Lied vor. Das Ergebnis der aufwendigen Suche ist ernüchternd.

Eine "Weltpremiere" sei es. Darunter geht es beim NDR an diesem Donnerstagmittag nicht. In einer digital durchgeführten Pressekonferenz stellte der Sender den Song für den Eurovision Song Contest 2021 vor. Fünf sogenannte Songwritingcamps haben die Hamburger in ihrem internen Auswahlverfahren veranstaltet, darunter in Malmö und in England. 160 Lieder haben die teilnehmenden Musiker produziert. Ein enormer Aufwand. Allerdings: Zum Sieg hat es für keinen gereicht. Denn am Ende gewann ein Song, der bereits vorab eingereicht worden war. "Der hat aber das besondere Etwas, da kann man sich wirklich anschnallen", schwärmte die deutsche Delegationsleiterin Alexandra Wolfslast. Hat der NDR ein neues "Achterbahn" oder zumindest einen würdigen Nachfolger von "Satellite" gefunden?

Die Antwort darauf heißt "I Don't Feel Hate". Das ist der Titel des Gewinnerliedes des deutschen Kandidaten Jendrik Sigwart. Der 26-jährige Hamburger war bereits vor zwei Wochen als Teilnehmer für das Finale des ESC am 22. Mai in Rotterdam vorgestellt worden. Er vertritt Deutschland mit einem selbst komponierten Song, der schwer zu beschreiben ist. Auf die Frage, in welches Genre er das Lied einordnen würde, sagte Sigwart: "Ich habe alles, was ich schön finde, reingepackt. In dem Sinne passt er nicht in ein Genre rein." Vielleicht triff am besten der Ausdruck Gute-Laune-Song. In "I Don't Feel Hate" wird gepfiffen, der Musicaldarsteller spielt auf der Ukulele und auch eine gestopfte Trompete darf am Schluss nicht fehlen. Also das, was sich der NDR offenbar unter zeitgenössischer Musik vorstellt.

NDR hält ESC-Song für "passend"

"Das passende Lied zur Zeit", nannte ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, der innerhalb des Senders auch für den ESC verantwortlich ist, den Song. Denn der Text des Liedes richtet sich gegen Hate-Speech im Internet, gegen Trolle und Hasskommentare, von denen es ja leider sehr viele gebe. Dass Schreiber damit recht hat, kann er in diversen ESC-Foren nachlesen. Dort war das Lied bereits vorab geleaked und von den meisten Kommentatoren zerrissen worden. Noch schlimmer als befürchtet sei es, damit würde Deutschland wieder auf dem letzten Platz landen. Das bezeichnende Fazit eines ESC-Fans dazu lautete: "Ich habe mir eure Hasstiraden jetzt zwei Tage still angehört. Ihr habt Recht."

Was also gibt es Gutes zu "I Don't Feel Hate" zu sagen? Leider nicht viel. Positiv fällt auf, dass Interpret Sigwart Spaß hat. Nicht nur bei der Pressekonferenz und an seinem Song, sondern vor allem daran, dass ein lang gehegter Wunsch für ihn in Erfüllung geht. "Dabei zu sein war mein Traum – und den hab' ich geschafft", sagt er über seine ESC-Teilnahme. Da rücke die Platzierung in Rotterdam in den Hintergrund. Seine positive Ausstrahlung ist bemerkenswert. Ob diese aufgedrehte Fröhlichkeit in Europa verfängt? Fraglich.

Wer soll dafür anrufen?

Es müsste schon das von Katja Ebstein einst beim ESC besungene "Wunder" geschehen, dass sich "I Don't Feel Hate" neben Bausa, Tiesto oder Meduza in den deutschen Charts platziert. Daran ändert wohl auch der Auftritt bei Florian Silbereisen am kommenden Samstag nichts. Doch darauf kommt es am Ende gar nicht an. Entscheidend sind beim ESC in Rotterdam die Votings. Aber wer soll für dieses Lied anrufen? Diese Frage scheint sich offenbar niemand gestellt zu haben. Dabei ist sie entscheidend. So groß kann die Corona-Verzweiflung in Europa gar nicht sein, um sich ein Ilse-Werner-Gedächtnis-Lied schön zu hören.

Leider hat der NDR die gleichen Fehler wie in den Jahren zuvor gemacht. Mit riesigem Aufwand und in mehrstufigen Verfahren wird nach einem Song und einem Interpreten gesucht. Gerade so, als müsse man nur eine ESC-Hitmaschine anwerfen, die dann mit sicherer Wahrscheinlichkeit einen Song ausspuckt, der es auf der Grand-Prix-Bühne schon irgendwie unter die Top Ten schaffen wird. Dass das nicht klappt, haben wir bereits in Tel Aviv gesehen. "Sorry Germany, zero Points", lautete das niederschmetternde Ergebnis von Moderatorin Bar Refaeli bei der Punktevergabe. Dabei war man in Lokstedt auch bei den Sisters sicher, dass sie mit ihrem Verschwesterungslied den Zeitgeist treffen. Um es mit Lena bei einer Pressekonferenz 2010 in Oslo zu sagen: "Niet."

Dem NDR fehlt Chuzpe. Denn am Ende können sich die Verantwortlichen bei schlechten Ergebnissen hinter einer 100-köpfigen Fach- und Expertenjury verstecken. Motto: Wir waren's nicht. Früher war Merkel an den schlechten Punktzahlen schuld, jetzt sind es eben die Juroren. Ein unwürdiges Schauspiel. Dabei müssten sie beim NDR nach den Erfolgsjahren mit Lena und Roman Lob doch wissen, wie's besser geht. Es braucht eben einen ESC-Verrückten, der gute Verbindungen in die Musikbranche und ein Gespür für den richtigen Song hat. Jahrelang war Zeit, diesen zweiten Stefan Raab zu finden. Passiert ist scheinbar nichts. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen scheint nicht gemacht für mutige Entscheidungen.

So bleibt den ESC-Fans am Ende nur die Hoffnung. Darauf, dass es nächstes Jahr besser wird und am 22. Mai vielleicht doch nicht so schlimm kommt, wie befürchtet. In der Halle dabei sein werden die Anhänger wahrscheinlich aus Coronagründen ohnehin nicht. Und ein Bonmot hält der NDR am Schluss der Pressekonferenz auch noch bereit: Der Plüschmittelfinger, der ursprünglich als Kostüm für einen der Backgroundtänzer geplant war und im Video zu sehen ist, wird nicht auf der Bühne in Rotterdam dabei sein. Stattdessen soll es ein Peace-Zeichen werden. Besser wird's nicht.


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