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Die Medienkolumne: Das Scheitern der ARD

Die ARD und Günther Jauch konnten sich nicht einigen. Das lag nicht an Günther Jauch. In der ARD aber wollen einige dies gar nicht als Desaster wahrnehmen. Tatsächlich ist spürbare Desorganisation und Kakophonie Symptom für eine tiefe ARD-Identitätskrise.

Von Bernd Gäbler

Natürlich gibt es wichtigeres im Leben als die Frage, ob Günther Jauch in Zukunft im "Ersten" am Sonntagabend zu sehen sein wird. Aber für das Teilsystem Fernsehen ist dies nicht unbedeutend. Günther Jauch ist einfach der universellste Moderator dieses Mediums. Sein Erfolg hat nichts damit zu tun, dass die Leute blöd sind. Er ist ein Meister des Timings und der Stimmungen, der es sogar versteht, mit seiner Popularität einigermaßen stilvoll umzugehen. Jetzt hat er sich entschieden: Danke, das war's.

Es lag nicht an ihm. Liebend gern hätte er die Nachfolge von Sabine Christiansen angetreten. Aber die ihn wollten und schon früh den vermeintlichen Coup mit reichlich öffentlichem Feuerwerk feierten, sattelten drauf, diktierten immer neue Bedingungen, waren unfähig, Günther Jauch wenigstens willkommen zu heißen. Jauch lässt sich aber nicht knechten. Als allenfalls Geduldeten bekommt man ihn nicht. Das ist jetzt entschieden. Viele haben sich mittlerweile geäußert. Allmählich verzieht der Rauch. Konturen treten hervor. Die höfliche Absage Günther Jauchs hat etwas freigelegt. Sie ist Symptom für eine tiefe Identitätskrise der ARD.

Manche Kommentatoren sehen das Hin und Her anders. Sie hoffen und erwarten die Selbstfindung der ARD. Diese Analyse wäre zutreffend, hätte es innerhalb der ARD eine klar konturierte Fraktion gegeben, die den Jauch-Wechsel offensiv abgelehnt und damit eine Profildiskussion über "das Erste" verbunden hätte. Ihr Sieg hätte zur Besinnung auf ursprüngliche öffentlich-rechtliche Ziele führen können. Tatsächlich aber ist es völlig anders: Durchgesetzt haben sich Desorganisation, Kakophonie und Widersprüche.

Dass nun, nach dem Hin und Her, ARD-Obere noch fröhlich tönen: "Ohne Jauch geht’s auch" oder unbeeindruckt zu Protokoll geben, dass man auf den nun wirklich nicht angewiesen sei, zeigt nur, dass einige ARD-Leute gar nicht begreifen, was für ein Desaster sie angerichtet haben. Einkehr wäre die Voraussetzung für Umkehr.

Desorganisation.

Das wäre selbst für die föderale ARD normal: Die Intendanten beraten, dass sie Jauch wollen, einigen sich auf Kriterien und ein Verhandlungsmandat. Selbst bei den Fußball-Bundesliga-Rechten schafft die ARD das inzwischen einigermaßen. Jauch verhandelte mit einem ARD-Programmdirektor (Günter Struve) und zwei Intendanten (Jobst Plog und Fritz Pleitgen). Die wollten ihn. Schnell einigte man sich über Geld, Werbung und Zuordnung. Dann aber zeigt sich, dass die ARD gar nicht präzise wusste, was sie wollte, außer: irgendwie Jauch und dann auf Dauer noch mehr Jauch. Aber zu ihren Konditionen und Gewohnheiten. Also wurde fröhlich draufgesattelt.

Als abstrakte Wahrheit ist es auch völlig richtig: Was Politik ist, gehört in den Beritt der Chefredaktion. Das gilt selbst für den privilegierten Kolumnisten. Das hätte man Jauch gut von vornherein sagen können. Das tat aber keiner. Dass sie das wollte, fiel der ARD erst später ein. Kein Wunder, denn der Chefredakteur versteht sich selbst ja lediglich als Koordinator. Für das, was jeder normale Chefredakteur zu tun hat, die Bestückung von Programmplätzen, die Abnahme von Formaten, richtet er dezentrale Arbeitsgruppen ein. Über manche Sendeplätze wird autonom von Fachgremien bestimmt: sei es die Sport- oder die Kirchen-Koordination. Je nach Kräfteverhältnis exponiert sich der Chefredakteur oder duckt sich weg. Er ist der Kopf in einem System der organisierten Verantwortungslosigkeit und aufgeregten Selbstbeschäftigung.

Da hätte eine Zuordnung gar nichts genutzt. Dass der ARD-Polit-Koordinator dann am Ende pikiert zum besten gibt: was Jauch mit "Farbenlehre" meine, sei ihm völlig unbekannt. Statt ihm einfach geistige Freiheit zu versichern, taucht ihn noch einmal in genau jenes Licht, das Günther Jauch als beengend befürchtet hatte. Als abstrakte Wahrheit ist auch völlig richtig: Mitbestimmung ist eine bedeutende Größe in der ARD.

Schmidt hat Sondervertrag

Als der willige Harald Schmidt in die ARD gelockt wurde, gelang ein mitbestimmungsfeindlicher Coup. Er erhielt einen Sondervertrag mit der ausgelagerten ARD-Tochter Degeto. Es war klar: Das ist nicht wiederholbar. Längst ist die ARD kein Angestellten-Fernsehen mehr, aber einheitliche Richtlinien für ihre frei agierenden Stars hat sie auch nicht. Günter Struve und Jobst Plog hatten diesmal tatsächlich vor, den Vertrag mit Günther Jauch durch neun Gremien zu bringen. Absurd! Da dürften den Beckmanns, Maischbergers und Pilawas ordentlich die Knie schlottern. Nein, doch nicht - sie wissen ja inzwischen, dass es mal so, mal so geht. Eben Desorganisation.

Kakophonie. Da es vorab keine klare Meinung gab und keine Kriterien, der Erfolg aber bereits gefeiert war, brach logischerweise eine wilde ARD-interne und öffentliche Kakophonie los. Wie die Sendung sein müsse, dass es doch auch ohne Jauch ginge, dass man doch eigene Talente habe, wie er agieren müsse, was er zuzusagen habe - jeder wusste es besser, jeder musste sich äußern: gegen Ende endlich auch der ARD-Vorsitzende, amtierende, wie noch nicht amtierende Intendanten, auf diese Weise an Bedeutung gewinnende Gremienfuzzis.

Wenn man sich an Jauch reibt, so spekulierten einige, kann sogar etwas Glanz abfallen. Eitelkeit wuchs. Drittklassige Gremienfüchse, wie der sozialdemokratische Rundfunkpolitiker Marc Jan Eumann, die von unseren Gebühren 16.500 Euro Sitzungsgelder im Jahr für das Ausharren in WDR-Gremien abgreifen, fühlten sich nun zu staatsmännischen Posen berufen: Ganz oder gar nicht müsse Jauch der ARD zur Verfügung stehen. Mit einem Wort: es schlug die Stunde der Gremlins und Möchtegerns. So kann man nicht arbeiten.

Widersprüche.

Gäbe es aus Anlass der Bemühungen um Jauch eine deutliche, in sich schlüssig argumentierende Opposition, könnten fruchtbare Debatten entstehten. Warum soll nicht ein ordentlicher Politik-Journalist aus den eigenen Reihen Sabine Christiansen nachfolgen? Dagegen wäre nichts zu sagen. Es wirkt aber willkürlich, dass ausgerechnet an Günther Jauch nun die Gefahr öffentlich-rechtlicher Selbstaufgabe festgemacht werden soll, während weiter geschwiegen wird über die Verdrängung der Politik, der Magazine und des Dokumentarischen aus der 20.15-Uhr-Schiene; über die plattenindustriehörige Volksmusik; über das Nachäffen der Privaten in den Soap- und Serien-Nachmittagen; über die Vielzahl der Winzer, Tier- und Humanmediziner und entsprechenden Kitsch zur Prime Time; über die Sendeflächen für Burda und Springer und deren Preisverleihungen; über die Verlegung von Filmen wie "Wut" oder "Gegen die Wand" auf späte Stunden; über die de facto Verbote von Experiment und Irritation. Stattdessen wärmt man sich an Jauch und produziert Widersprüche.

Nehmen wir die künftige WDR-Intendantin Monika Piel. Auch sie ergriff das Wort. Es müsse klar sein, wo jemand hingehöre: entweder zu den Privaten oder den Öffentlich-Rechtlichen. Das klingt logisch und wäre als Prinzip in Ordnung. Tatsächlich agiert sie anders. Sie weiß schon aus ihrer Tätigkeit als Hörfunkdirektorin, dass selbst die Mini-Stars des Jugendfunks bei etwas Popularität so nicht mehr zu behandeln sind. Parallel zu ihren öffentlich-rechtlichen Moderationen bei "Eins Live" moderiert Miriam Pielhau die Tchibo-Werbeschau, die bei RTL in den Pausen der "Super Nanny" läuft, und "Eins Live"-DJ Thorsten Schorn erscheint bei seinen für RTL produzierten Einspielfilmen oder dem RTL-"Kochüberfall" selbstverständlich auf dem Bildschirm. In der Causa Jauch wollte Frau Piel dem Großen verbieten, was sie den "Kleinen" schon nicht verwehren kann. Das ist nicht prinzipientreu, sondern absurd.

Als eine der tollen Programm-Innovationen des WDR Fernsehens stellt sie den "Großen Finanz-Check" vor, exakt dieselbe Sendung, die der Protagonist Michael Requardt auf DMAX sendet. Aber dieses: "Mal so, mal so", mal puristisch, mal pragmatisch, ist typisch für die ARD. Sie beharrt auf Abgrenzung, aber schickt für ihr eigenes Unterhaltungsflaggschiff, den "Eurovision Song Contest", ohne Scheu die von ProSieben erfundene Mädchenband "Monrose" ins Rennen, und während die ARD mit Jauch feilschte, meldete die öffentlich-rechtliche Tochterfirma "Telepool" stolz, dass sie von nun an die RTL-Serien wie "Alarm für Cobra 11" im Ausland vermarkte.

Identität.

So geht es eben nicht. Die ARD will alles sein: ein normales Unternehmen und eine gebührenfinanzierte öffentliche Institution; quotenstarker Marktführer und Informationsprogramm Nr. 1; Sport rund um die Uhr senden und für kritischen Journalismus stehen; die Alten halten und reihenweise Stars abwerben; sich selbst aber nicht hinterfragen. Das geht auf Dauer nicht gut. Es müssen Richtungsentscheidungen getroffen werden. Bis jetzt besteht Einigkeit nur in einem Punkt: Für die nächste Runde soll unbedingt wieder eine Gebührenerhöhung her!