Die Medienkolumne Hallo Türke, komm - lass' Dich integrieren


Während in der Gesellschaft die Idee vom Multi-Kulti-Zusammenleben als naiver Glaube gegeißelt wird, hat sie in den Medien Hochkonjunktur. Der Störfaktor dabei: die permanente Verwechselung von Journalismus und Pädagogik.
Von Bernd Gäbler

Mut und "Wut". Toll! Der WDR entdeckt seinen Mut. Nachträglich. Nur neun Monate nach der Erstausstrahlung in der ARD zu später Stunde, wird der inzwischen vielfach preisgekrönte Fernsehfilm "Wut" am 14. Juni tatsächlich bereits um 20,15 Uhr ausgestrahlt werden - im Dritten Programm. Damals, im September 2006, bekam der geneigte öffentlich-rechtliche Seher an dem zunächst angekündigten Sendetermin statt der aufrüttelnden fiktionalen Produktion die Idylle "Paradies der Berge" zu sehen. So Süßes verklebt die Augen. Aber nicht nur die fürsorgliche Verschiebung war kurios. Unbedingt musste der Film eingepackt werden in die Watte einer versöhnenden Diskussion. Die Verantwortlichen sahen sich gezwungen vorzubeugen. Ohne mündliches Zusatzmaterial, so glaubten sie, hätten wir den Film missverstehen können: z.B. als ausländerfeindlich. Auch die Gewalt - uns ansonsten ja aus dem Fernsehen völlig fremd - hätten wir womöglich nicht verkraftet. Jetzt soll er früher laufen dürfen, weil er dem öffentlich-rechtlichen "Integrationsauftrag" entspreche. Wie das?

Warum "Wut"gut tut.

Was tatsächlich für den Film "Wut" spricht, ist seine künstlerische Qualität. Er zeigt eben nicht, wie manche Inhaltsangabe glauben machen will, eine "nicht aufzuhaltende Spirale der Gewalt", sondern Gewalt als Resultat menschlichen Handelns. Was wir sehen, mögen Ideologen als "clash of civilisations" deuten, die Film-Handlung ausschließlich als Modell und Typisierung wahrnehmen. Ja, das ist sie auch. Aber Plot, Dialoge und Schauspiel sind gut genug, uns das Leben greifbar zu machen. Man muss den Film nicht für ein naturalistisches Abbild nehmen, um seinen realistischen Atem zu spüren. Dabei wird uns auch die Doppelmoral und die Zerbrechlichkeit einer freien, auf Individualismus gegründeten Gesellschaft vor Augen geführt. Felix, Sohn aus gutem Hause, bezieht vom starken "Türkenjungen" (oder muss man sagen: "Jungen mit Migrationshintergrund") Can Haschisch und Demütigungen. Aber er bewundert ihn: die Stärke, den Zusammenhalt, das Ehrgefühl.

Wie schwächlich wirkt dagegen der anfangs liberale Vater, angehender Literaturprofessor, der seine Leidenschaft für Liebeslyrik gerne nützlich einsetzt zum Anbaggern begeisterter Studentinnen. Der Mann des Geistes ein schwächlicher Dummschwätzer, der auch noch seinen virilen Freund, hinterrücks Liebhaber seiner Ehefrau, anheuert, um dem türkischen Herausforderer eine Abreibung zu verpassen. Alles ist Lug und Trug, Individualismus längst Vorwand für Egoismus, Toleranz schlägt um in Aggression. So dünn ist das Eis einer offenen Gesellschaft. Man kann dies lesen wie Schäuble, der mehr westliche Wehrhaftigkeit einfordert oder als Nachfrage nach unserer inneren Stärke und menschlichen Substanz, eben weil unsere Gesellschaft strukturell verletzlich ist. Darum ist der Film interessant: er folgt gerade nicht einem "Integrationsauftrag", sondern zeigt wie es ist, wie es sein könnte. Da liegt seine Klasse: Es wird erzählt, nicht belehrt.

"Integrationsauftrag".

Und darin liegt genau der Unterschied zu den wohlfeilen Programmen mit "Integrationsauftrag". Im Moment scheint alles gut zu sein, taucht nur gehörig "Multikulti" auf. Mit einigen Jahren Verzögerung schwappt eine Welle durch die Medien, die sich in Berlin-Kreuzberg und Bremen-Tenever, in Köln-Mülheim und Hamburg-Wilhelmsburg längst an der Realität gebrochen hat. Vieles ist einigermaßen lustig: da kippt dann die Autorität des türkischen Vaters, religiöser Fundamentalismus ist pubertärer Trotz, das Machismo der Jungs nur Fassade - so wird die kulturelle Differenz stets heruntergelacht zum menschlich Allzumenschlichen. Ob "Türkisch für Anfänger" oder "Alle lieben Jimmy", ob Kaya Yanar oder Erkan & Stefan, die ihre Rolle nicht loswerden - auf unterschiedlichem Niveau ist das alles ähnlich. Comedy versöhnt. Das Schöne daran ist: das Fremde ist am Ende stets ungefähr so wie wir auch. Das Fatale daran ist: Toleranz ist keine Anstrengung, keine Veränderung, sondern unsere Eigenschaft, die wir selbstherrlich feiern.

Journalismus und Pädagogik. Ferdinand Lassalle hat wohl einmal gesagt, alle Politik fange damit an, auszusprechen, was ist. Der Journalismus doch wohl erst recht. Für einiges - z.B. wann bei Verdächtigen deren ethnische Herkunft erwähnt werden soll - gibt es Regeln. Ansonsten sollte er - statt vorab Erziehungszeile auszugeben - präzise beschreiben und neugierig untersuchen. Vieles wäre da zu tun. Aber selbst einen simplen Moscheen-Report gibt es nicht. Reportagen dieser Art sind auch nicht geplant. Am Ende kommt noch etwas raus, das dem Integrationsauftrag widerspricht.

Die mediale Lieblingsfigur.

Selbst bei Wikipedia wird Necla Kelek, deren Verdienst es gewiss ist, auf Zwangsehe und Frauendiskriminierung auch im heutigen muslimischen Alltag hingewiesen zu haben, als "muslimische Aktivistin" aufgeführt. Inzwischen ist sie "Mercator"-Professorin der Universität Essen-Duisburg, aber sie ist nicht gläubig. Gern genommen werden im Fernsehen auch die MdBs Ekin Deligöz und Lale Akgün oder die Schriftstellerin Hatice Akyun. Sie sind alle prima, nur sollen sie als etwas auftreten, was sie eben nicht sind - als Repräsentantinnen. Sie sollen islamische Erfahrung, aufgehoben in Modernität und Aufklärung zeigen. Sie spielen als Frauen heute eben jene beliebte Rolle, die fünf Talk-Show-Jahre früher Cem Özdemir so strahlend erfüllt hat: unser türkischer Uncle Tom - oder Ali Dayi.

Die Ausbildung.

Solche werden beim WDR inzwischen ausgebildet. Denn durch den Integrationsauftrag ist das Volontariat inzwischen quotiert. Im Ernst kann ja auch niemand dagegen sein, dass es endlich einmal einen türkisch-stämmigen Tagesschausprecher oder einen farbigen Moderator auch außerhalb von Sport- oder Musiksendungen gibt. Aber Quotierungen haben auch Tücken: z.B. ist es schwerer geworden beim WDR ein Volontariat zu erobern für begabte junge Leute, die nicht wenigstens bosnisch, mazedonisch oder serbisch sprechen oder bei denen nicht mindestens einen Elternteil aus der Türkei oder Ghana stammt. Die damalige Diskussion am späten Freitagabend zu "Wut" wurde von Sandra Maischberger geleitet. Schon gar nicht mehr in Erinnerung ist, dass ihr natürlich auch eine Journalistin mit "Migrationshintergrund" zur Seite stand. Das ist jetzt üblich. Sie sind gefragt. Sie haben Zukunft, erst recht, wenn sie sich ebenfalls einem "Integrationsauftrag" verpflichtet fühlen.

Einen eigenen Ausdruck finden.

Ist dies eine Polemik gegen Integration? Nein. Ich glaube nur nicht an die simplen Widersprüche: Integration oder Islamisierung, "Multikulti" oder Parallelgesellschaft, Toleranz oder Gefahrenabwehr. Schlechte Pädagogik nimmt den zu Integrierenden als Objekt der eigenen Bemühung. Gute Pädagogik fragt: wer erzieht den Erzieher? Oder anders gesagt: Zur Integration der Afro-Amerikaner in die US-Gesellschaft haben "Black Power" und Muhammad Ali am Ende mehr beigetragen als sämtliche Uncle Toms und Floyd Patterson. Wir brauchen nicht mehr bemühte Agenten der Integration sondern mehr Artikulation des je Eigenen. Zuhören und zulassen ist die Basis von Integration. Das Deutsch-Türkische, ja alles, was hierzulande zugleich beheimatet und fremd ist, braucht einen eigenen Ausdruck, eine Film- und Literatursprache - also: schafft ein, zwei, viele Fatih Akins und Feridun Zaimoglus. Nur auf diesem Grund kann Integration wachsen.


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