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Die Medienkolumne: Quiz-Kobold im Quotentief

"Wie viel Prozent der Deutschen finden sich in Badehose schön?" - mit solchen Fragen und dem knuddeligen Dirk Bach als Quizmaster sollte die Show "The power of ten" für den Sender "Vox" ein Erfolg werden. Das ist gründlich schief gegangen - warum nur?

Von Bernd Gäbler

"Vox" hat ein Problem. Kein großes, aber doch ein Problem. Vor einiger Zeit galt der Sender als der Shooting-Star. Mit Kochshows und Ratgebersendungen zu Wohnen, Autofahren und Tieren, mit Reisemagazinen und US-Serien war der Sender zum stärksten der Kleinen geworden. Seit einige Zeit aber ist etwas Sand im Getriebe - wie so oft haben die Programm-Macher dann eine Super-Idee, die alles retten soll: Quiz! Das passt zwar nicht wirklich zum Sender, aber unter den "Kreativen" und Trend-Scouts wird längst gemunkelt: "Reality-TV" sei out, "Help-TV" erst recht. Die TV-Zukunft heiße Quiz.

Also kaufte Vox ein in den USA bereits zu gut laufendes Format und verpflichtete mit Dirk Bach als Quizmaster einen schrillen Kobold, der zumindest aus dem Einerlei der glatten Zweitliga-Moderatoren herauszuragen versprach. In der ersten Woche sollte das Quiz täglich laufen, dann dienstags um 22.15 Uhr. Aber die Fernsehrealität sieht anderes aus als am grünen Planungstisch. Die Sendung ist schon tot, bevor sie überhaupt in den wöchentlichen Rhythmus kommt. 1,32 Mio. Zuschauer schauten die erste Sendung an, bei der zweiten waren es nur noch halb so viele. Am Ende der Woche holte die Sendung in der Zielgruppe der werberelevanten Zuschauer der 14- bis 49-Jährigen einen Marktanteil von miserablen 3,6 Prozent.

Das falsche Kalkül

Das Desaster liegt zu einem großen Teil am falschen Format, aber auch Dirk Bach ist nicht schuldlos. Als Quizmaster ist der Kobold gescheitert. Im dem Quiz "Power of ten" geht es darum, dass zwei gegeneinander antretende Kandidaten jeweils das Ergebnis von Meinungsumfragen erraten müssen. Wie viel Prozent der Deutschen haben schon einmal Tierfutter gegessen? Wie viel Prozent der deutschen Männer finden sich in Badehose schön? Die Kandidaten kommen aus dem Nirgendwo, also aus einem Casting. Die Gewinnschritte sind 100, 1000, 10.000, 100.000 und 1 Mio. Euro - allerdings wird die erlaubte Abweichung vom tatsächlichen Ergebnis immer kleiner. Am Ende muss das Prozentergebnis der Umfrage exakt getroffen werden - da ist es fast unmöglich, jemals die Million zu gewinnen.

Dirk Bach aber hat sich für die Marktschreier-Variante entschieden und krähte schon in der ersten Folge neun mal, dass man "in nur fünf Schritten" die Millionen gewinnen könne. Eine Media-Markt-Werbung war nichts dagegen. Zwar sagt er hin und wieder "Ihr Lieben", hat sich ansonsten aber für eine freundliche Neutralität gegenüber den Kandidaten entschieden, die gelegentlich an Desinteresse grenzt. Vom Lichteffekt bis zu den Musikakzenten läuft alles wie am Schnürchen in diesem Quiz - es fehlt nur eins: Herzlichkeit. Das ist aber die Stärke von "Wer wird Millionär?" und Günther Jauch, das alle TV-Macher am liebsten kopieren würden: einfache Regeln, Kandidaten, die unsere Nachbarn sein könnten und zum Mitfiebern einladen - und vor allem Günther Jauchs Umgang mit deren Individualität. "Power of ten" ist das glatte Gegenteil - eine herzlose Maschinerie.

Die Puppe im Anzug

Dirk Bach tritt laufend im Fernsehen auf - meistens in quietschbunten Kostümen. Er besteht aus Bauch, daran baumelnden Ärmchen und klimpernden Wimpern - wie eine Knuddelpuppe. Er ist das ewige Kind im Manne. Manchmal qiekt es vor Vergnügen, manchmal ist es besonders boshaft. Dieser Dirk Bach kann einem auf die Nerven gehen, manches kann er aber auch. Dass absurd boshafte "Dschungelcamp" gewann durch seine Moderationen, weil er zur ohnehin stattfindenden Verhöhnung der Kandidaten noch den Spott hinzugab. Witzig kann er sein, wenn er ausschließlich auf die Wirkung seiner Figur vertraut - oder wenn er "gescriptete" Gags vorträgt. Im "Dschungelcamp" hat ihm ein Autorenteam um Jens Oliver Haas, Ehemann von Ko-Moderatorin Sonja Zietlow, die Witze auf den Leib geschrieben.

Von Shakespeare zu Urmel

Wie Hella von Sinnen, Ralph Morgenstern, Domian oder der Lindenstraßen-Darsteller Georg Uecker entstammt auch Dirk Bach ursprünglich einer schrägen, oft lesbisch-schwulen Kölner Theater-Szene um Walter Brockmeyer, die bald vom damals wild wuchernden Privatfernsehen an- und aufgesogen wurde. Bach war sicher der talentierteste. Mit seinem ersten Soloprogramm "Edgar" bezauberte er. Bald spielte er Shakespeare. Als junger Schauspieler schoss er in der Rolle des "Puck" in Shakespeares Sommernachtstraum wie ein Derwisch über die Bühne.

Dann hat er sich einseitig für den Klamauk entschieden. Bedauerlicherweise. Gelegentlich hat er Klassisches noch parodiert, aber selbst als er in der derben Sat.1-Theaterversion in die Rolle des "Urmel" schlüpfte, war da noch etwas von seinem grazilen Spiel spürbar. Den Zauberer "Pepe" in der "Sesamstrasse" gibt er mit vollem Ernst, ausschließlich albern durfte er in der Improvisationsshow "Frei nach Schnauze" sein, die vom gleichen Erfinder, Drew Kelly, stammt wie das jetzige Quiz. Seine ernsthafte Seite entfaltet er leider nur jenseits der Rollen, wenn er wie kein Zweiter für "political correctness" ficht und sich sogar in die Verträgen zur Quäl-Sendung "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" hereinschreiben lässt, dass der Tierschutz jederzeit zu beachten sei. Ansonsten bleibt Dirk Bach der ewige Quietsche-Kobold. Das Quiz "The power of ten" hat ihm keinen neuen Weg, weg vom reinen Quatsch, eröffnet.

Diesmal waren die Autorenwitze karger. Zur Frage, wie viele Deutsche schon einmal eine Leiche angefasst hätten, hatte man ihm aufgeschrieben: "Ich habe zumindest Ute Ohoven schon einmal die Hand gegeben, ich weiß nicht, ob das zählt." Der Witz gefiel ihm so gut, dass er ihn anlässlich der Quiz-Promotion bei Stefan Raab gleich noch einmal erzählte. Weil Quizmaster aber keine kauzigen Kobolde sind, haben die Macher von Vox die Knuddelpuppe in einen Anzug gesteckt, den traditionellen Dirk Bach also neutralisiert. Mit den Kandidaten hatte er nicht viel zu reden, also begab sich Dirk Bach freiwillig in die Rolle des Marktschreiers. Wer unbedingt wollte, konnte darin eine Spur Ironie erkennen - oder Verzweifelung.