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Dieter Wedel und der TV-Zweiteiler "Gier": Ein Trauerspiel

Der ausladende TV-Zweiteiler "Gier" kündete weniger von betrügerischen Tricks in der Finanzbranche als vom künstlerischen Ende des Großregisseurs Dieter Wedel. Ein Abgesang.

Von Peter Luley

Fast trotzig wirkte der gestrige Eröffnungsbeitrag des ARD-Politmagazins "Panorama". Womöglich hätten Zuschauer gedacht, "da hat der Dieter Wedel wohl ein bisschen dick aufgetragen", erklärte Moderatorin Anja Reschke - und präsentierte einen Einspielfilm, der das Gegenteil beweisen sollte: ein Interview mit dem Finanzbetrüger Jürgen Harksen, der als Vorbild für die fiktionale Hauptfigur Dieter Glanz (gespielt von Ulrich Tukur) im vorangegangenen Dieter-Wedel-Zweiteiler "Gier" gedient hatte. Zwischen die Einlassungen des mittlerweile aus der Haft entlassenen auf Mallorca lebenden Hochstaplers waren Filmszenen geschnitten, die exakt seine Schilderung bebilderten (etwa, wie er "Partys als Betäubungsspritzen" für seine Gefolgschaft eingesetzt habe).

Zuvor hatte bereits ARD-Programmdirektor Volker Herres die durchwachsene Quote von 5,75 Millionen Zuschauern beim ersten Teil (Teil zwei: nur noch 4,92 Millionen) per Pressemitteilung als "vollen Erfolg" gefeiert. Wie auch den ganzen drumherum gestrickten "Themenabend": Schließlich hatten sich am Mittwoch bereits der Dampfplauderer Frank Plasberg ("Genug ist noch zu wenig - Warum regiert uns die Gier?") und eine Dokumentation ("Geld für alle! Gibt es eine bessere Welt?") mit der Materie befasst. Ganz abgesehen von der Vorab-Ausstrahlung des 180-Minüters auf Arte, von einem Porträt in der ARD-Reihe "höchstpersönlich", von der zeitgleich erschienenen Wedel-Autobiografie "Vom schönen Schein und wirklichen Leben" und von den parallel erfolgten Buch- und DVD-Veröffentlichungen.

Zeit der Wedel-Straßenfeger ist vorbei

Sechs Millionen Euro Produktionskosten, Ausstrahlung in zwei öffentlich-rechtlichen Programmen, Begleitmusik in "Hart, aber fair" und "Panorama": Betrachtet man die volle Wedel-Dröhnung in Relation zu dem teuer besetzten, erschreckend schlichten, redundanten und altväterlichen Film, kann man nur staunen und ein bisschen traurig werden. Zum einen, weil es scheint, als hätten ein paar Senderverantwortliche noch nicht erkannt, dass die Zeit der Wedel-Straßenfeger vorbei ist. Zum anderen, weil der Mann ja wirklich mal ein Großer war.

Die ruhmreiche Geschichte des 70-jährigen Dr. phil., von manchen liebevoll als "Königspudel" des deutschen TV-Gewerbes bezeichnet, beginnt in den 70ern. Da legte Wedel den Grundstein für seine Saga über die Familie Semmeling ("Einmal im Leben", 1972, ARD) und erzielte damit über 60 Prozent Marktanteil. Sie setzt sich fort mit "Wilder Westen inklusive" (1988, ARD) über "Der große Bellheim" (1993, ZDF) bis hin zu "Der Schattenmann" (1996, ZDF).

Der Niedergang beginnt beim "König von St. Pauli"

Zwar gab es schon bei letzterem Mafia-Epos Plagiatsvorwürfe, die sich ohnehin wie ein roter Faden durch Wedels Gesamtwerk ziehen. Zuschauer und Kritiker fühlten sich wahlweise an Oliver Stones "Wall Street" und John le Carrés "Der Nacht-Manager" erinnert. Aber der Fünfteiler zeigte Mario Adorf als Clan-Chef auf der Höhe seiner Kunst, er hatte den jungen Stefan Kurt als verdeckten Ermittler auf der Habenseite und nicht zuletzt die furiose Jennifer Nitsch als verführerische Mätresse. Damals brachte Wedel noch unbekannte Schauspieler zum Funkeln - heute verheizt er die bekannten. Das vielleicht schlimmste Dialog-Beispiel aus "Gier": Sibel Kekilli nötigt den unbeholfenen Devid Striesow, auf einem Schimmel zu reiten. Er: "Ich krieg' die Beine gar nicht so weit auseinander." Sie: "Wir Frauen sind da geübter." Ach so, ähem, ach ja.

Derart platt wurde Wedel auch schon beim "König von St. Pauli", seinem 1998 für Sat 1 inszenierten Kiez-Panorama. Da ließ der Regisseur, der auch in abgedunkelten Räumen gern Sonnenbrille trägt und sich selbst regelmäßig mit Hitchcock-artigen Cameo-Auftritten beweihräuchert, in einem Hamburger Krankenhaus eine minutenlange Sequenz aus Francis Ford Coppolas "Der Pate" nachspielen. Die Wiederaufnahme der "Affäre Semmeling" (2002), die Tragikomödie "Papa und Mama" (2006) und die "Mein Freund Harvey"-Variation "Mein alter Freund Fritz" (2007, ebenfalls mit Tukur) waren dann deutliche, jedoch vergleichsweise dezent präsentierte Wegmarken des Niedergangs.

Wedel, der Westentaschen-Fellini

Noch nie aber wirkte Wedel so sehr wie ein Westentaschen-Fellini wie bei "Gier" - unabhängig davon, dass heute keiner mehr 70er-Jahre-Quoten erreicht. Geradezu symbolhaft in dem dekadenten Party-Reigen: die Szene, in der Anouschka Renzi als abgehalfterte Chanteuse die Schnulze "Hello Joe" zum Besten gibt. Dazu gräbt Uwe Ochsenknecht als hessisch babbelnder Proll-Unternehmer hilflos tänzelnd die Glanz-Gespielin Gloria (Jeanette Hain) an ("biste im Bett so gut wie 'de aussiehst?"), derweil diese Uma Thurmans Gesten aus "Pulp Fiction" imitiert. Die Melodie des Lieds, das belegte Fernsehblogger Stefan Niggemeier, verwendete Komponist Eberhard Schoener bereits 1983 für die TV-Serie "Schau ins Land" und 1987 für "Das Erbe der Guldenburgs".

Der Glanz ist weg. Dieter Wedel hat seinen Zenit längst überschritten. Ob er selbst das noch bemerkt, ist fraglich. Aber vielleicht erkennt es ja nun auch die ARD.