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EM-Gegenprogramm: Frauen in der TV-Abseitsfalle

Für die gelangweilte Spielerfrau meinen die Programmchefs der TV-Sender das ideale Gegenprogramm zur EM gefunden zu haben: eine Mischung aus Rosamunde Pilcher und Hochzeitsshows. Da gibt es nur ein Problem: Wir Frauen sind nicht so.

Von Katharina Miklis

Schmonzetten, Hochzeitssendungen und George Clooney. Die Programmverantwortlichen glauben zu wissen, was Frauen wollen. Glücklich diejenigen, die zurzeit im EM-Fieber sind und kein Spiel verpassen. Allen anderen wird ein TV-Programm zwischen Kitsch und Herzschmerz geboten, dass nur schwer zu ertragen ist. Mitleid gebührt dem, der bei der Fußball-EM während der Halbzeit den Fehler begeht, wegzuzappen. Der bekommt nämlich ein Trauerspiel der ganz anderen Art geboten: Das TV-Programm, das sich die Programmdirektoren für diejenigen ausgedacht haben, die kein Fußball schauen. Und das müssen demnach frustrierte, liebesbedürftige Overkill-Romantikerinnen im Hochzeitswahn sein.

Ein beliebiger Abend während der EM, Mittwoch, 20.15 Uhr: Während Johannes B. Kerner, Urs Meier und Jürgen Klopp im ZDF auf das Spiel Schweiz-Türkei einstimmen, setzen die Privaten auf Romantik bis zum Erbrechen. Super RTL zeigt "Romeo & Julia" mit dem vermeintlichen Frauenschwarm Leonardo DiCaprio, und auf RTL nervt Sonja Zietlow mit "Die zehn romantischsten Hochzeiten". Pamela Anderson gibt Kid Rock im Bikini das Ja-Wort. Auf dem NDR dann gleich das zweite Horrorszenario des typischen Frauenklischees: Knut. Zur EM muss der kleine Eisbär wieder herhalten und den weiblichen Zuschauerinnen, die ihn ja "sooo süß" finden, das perfekte Gegenprogramm bieten.

Knut und Kitsch statt Klose und Kuranyi

Das mit Knut mag ja vielleicht noch ein Zufall gewesen sein. Das mit den romantischen Hochzeiten ist es aber nicht. Bei der Probe aufs Exempel am gestrigen EM-Abend beschleicht den Zuschauer eine böse Vorahnung: In den Programmplanungs-Etagen muss irgendwer das Gerücht gestreut haben, dass Frauen, wenn sie nicht Fußball-, dann aber Hochzeitsfanatiker sind. Und so zeigte Sat1 daraufhin gestern, während Ballack Deutschland zum Sieg schoss, die TV-Romanze "Heirat mit Hindernissen". Zufall? Dann schalten Sie heute doch mal während Italien und Frankreich kicken auf RTL2. Dort gibt es den absoluten Hochzeits-Kitsch-Albtraum mit Aleksandra Bechtel: "Heirate mich! Geheimprojekt Traumhochzeit". Sie ahnen es schon. Am nächsten Tag geht's weiter. Vox macht den Romantik-Overkill perfekt und zeigt "Wedding Planner - Verliebt, verlobt, verheiratet". Wie konnte es so weit kommen?

Romanzen, Schmonzetten und Herz-Schmerz-Dramen

Es sind nicht nur die Hochzeitssendungen, die während der EM rauf und runter gezeigt werden. Nahezu alles, was parallel zur EM im TV-Programm läuft, ist an Kitsch nicht zu überbieten: "TV-Romanze", "Schmonzette", "Herz-Schmerz-Drama" und "Liebeskomödie" steht da um 20.15 Uhr in der Programmzeitschrift. Bei der Traumzielgruppe der Privaten, den 14- bis 49-Jährigen, kommt das allerdings nur mäßig an.

Während die privaten Sender auf Nachfrage vom großen Zufall sprechen, stehen die Öffentlich-Rechtlichen zu ihrem frauenaffinen Programm. Sie versuchen gar nicht erst an diese junge Zielgruppe heranzukommen, sondern setzen gezielt auf die älteren Damen. Martin Berthoud, Leiter der ZDF-Programmplanung gegenüber stern.de: "An den Tagen, an denen die ARD die EM-Spiele überträgt, haben wir Filme ins Programm genommen, die vor allem Frauen ansprechen, zum Beispiel 'Traumschiff' oder 'Rosamunde Pilcher'." Letzte Woche konnte sich die Rosamunde-Pilcher-Schmonzette mit um die 4,5 Millionen Zuschauer noch einigermaßen neben König Fußball behaupten. Gestern ging dann aber auch die Folge "Magie der Liebe" mit 2,4 Prozent bei der werberelevanten Zielgruppe parallel zum Deutschlandspiel unter. Im Schnitt 28 Millionen Zuschauer verfolgten im Ersten, wie die Deutschen Österreich besiegten. Das ist ein Marktanteil von 78,8 Prozent in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen.

Während der EM bei den jungen Zuschauerinnen mit einer derartigen Romantik-Offensive zu punkten, können sich die Programmverantwortlichen also abschminken. Während sich die älteren Zuschauerinnen zumindest vereinzelt noch dem TV-Schmalz hingeben, befinden sich die 14- bis 49-Jährigen längst dort, wo das echte Leben spielt: auf dem Fanfest oder beim Public Viewing und nicht vor dem Fernseher.

  • Katharina Miklis