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Neue Folgen "jerks." Fahri Yardim: "Immer, wenn Dieter Nuhr etwas von sich gibt, schäme ich mich fremd"

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Ab dem 23.12. zeigt Joyn eine neue Doppelfolge von "jerks." mit Fahri Yardim und Christian Ulmen
© PR
Die Impro-Comedy-Serie "jerks." kehrt an Weihnachten mit einer Doppelfolge zurück. Hauptdarsteller Fahri Yardim spricht über Fremdscham, warum er sich an den Feiertagen die soziale Erkältung wegdröhnt und erzählt, was ihn an der Coronakrise am meisten berührt. 

Mit einer Doppelfolge meldet sich an Weihnachten "jerks." zurück und wie immer tut das Zuschauen ein bisschen weh: Dieses Mal stürzen sich Christian Ulmen und Fahri Yardim  bei der Geburt von Fahris Tochter von einem Fettnäpfchen ins andere. Googlen Sie lieber nicht "Gentleman's Stitch"! Ab dem 23. Dezember gibt's das Ganze bei Joyn zu sehen. Im stern-Interview spricht Fahri Yardim über Fremdscham, warum er sich an Weihnachten die soziale Erkältung wegdröhnt und erzählt, was ihn an der Corona-Krise am meisten berührt. 

Bei "jerks." funktioniert viel über Fremdscham – wie gut können Sie Fremdscham aushalten?

Fahri Yardim: Obwohl ich mich im Grunde durchgehend schäme, auch sehr gerne fremd, habe ich keinen Umgang damit gefunden. Vielleicht lässt es sich besser ertragen, wenn ich sie würdige, diese vielleicht intimste aller Regungen. Ist sie nicht ein exklusiv menschliches Phänomen? Ich schäme mich, also bin ich.

Wann war denn die letzte Situation, in der Sie sich fremdgeschämt haben?

Eigentlich immer, wenn Dieter Nuhr etwas von sich gibt, gehen drei Sonnen unter. Zur Selbstberuhigung stelle ich mir jedes Mal vor, wie ich ihm - ihn liebevoll im Arm wiegend - ein russisches Gutenachtlied singe, um seine offensichtlichen Qualen zu mildern.

Für "jerks." improvisieren Sie und die Kollegen die Dialoge. Fällt es Ihnen leicht, in solchen Situationen den "jerk", also den Vollidioten, raushängen zu lassen?

Sich im vollen Bewusstsein einem unbewussten Feigling hinzugeben, hat immer eine Ungleichzeitigkeit, die schmerzt. Sich gut gekämmt diesem blinden Scheitern auszuliefern ist, als würde Dieter Nuhr zwischendurch aufwachen, aus seiner Selbstgefälligkeit. Stellen Sie sich nur die Schmerzen vor! Daher immer wieder, (singt): Schlaf mein Dieter, schlaf ein bisschen, bajuschki baju.

"jerks.“ wird an Weihnachten zu sehen sein, gucken Sie traditionell Weihnachtsfilme?

Nein. Ich tue so gut wie nichts traditionell. Leider. Ich bin eine immer fluide Identität. Eine menschgewordene Lavalampe. Bekifft bin ich auszuhalten. Obwohl, seit zwei Jahren gucke ich an Weihnachten, dafür ohne Freude, Instagramstories.

Gibt’s kein Weihnachtsfest, das in Erinnerung geblieben ist?

An Weihnachten sind wir gerne in die Kirche gelatscht. Wahrscheinlich, um uns zu vergewissern, warum wir es sonst nie tun. Eigentlich aber wollte ich immer an die streng gezopften Harburger Girls rankommen. Ich erinnere mich gerne daran, wie unfassbar grauenvoll die Reden des Pastors waren. Worauf jedes Mal die fürchterlich gespielten Krippenspiele folgten, regelmäßig hat es mich zerfetzt. Bis zum Erbrechen musste ich heftigste Lachattacken unterdrücken, bis es schmerzte, als würde ich ans Kreuz genagelt. Nie war ich Jesus so nah.

Wie verbringen Sie dieses Jahr die Feiertage?

Was Wenige wissen: Wir sind der einzige Clan im Prenzlauer Berg, der Yardim-Clan. Können Sie sich das familiäre Gejaule vorstellen, bei den strengen, jedoch nötigen Auflagen, wer jetzt mit wem darf und wer nicht? Eine Bedürfnisschlacht vom feinsten. Es wird am Ende irgendwas schrecklich Verstümmeltes, im kleinsten Kreis. Hinzu kommt: Dieses Jahr ersetzt uns ungezügelter Materialismus die fehlende Menschlichkeit. Übermaß bis zur Ernüchterung. Und wenn das Kind schläft, vom Plastikgift der achtzigsten Unnötigkeit, verlieren wir uns vermutlich auch im Drogenkonsum. Die soziale Erkältung wegdröhnen.

Jetzt mal ernst: Wie gehen Sie mit der aktuellen Corona-Situation um? Kommen Sie gut durch den Lockdown?

Um meine privilegierten Wehwehchen kann es nicht gehen, angesichts einer Wirklichkeit aus echter Betroffenheit. Der menschlichen und kulturellen. Angesichts sich aufopfernder Helfer*innen und angesichts Angehöriger, die sich nicht verabschieden können von ihren Lebensgefährten. Ich bekomme es gedanklich nicht zu fassen: Aber dieser Aspekt, dass wir uns nicht hautnah verabschieden können, löst bei mir einen fürchterlichen Schmerz aus. Da ist etwas Wesentliches verletzt. Da trotzt etwas in mir jeder Vernunft, da steige ich aus. Es ist, als würden wir im Überlebenwollen unsere Würde opfern.


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