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Fernseh-Kritik "Günther Jauch": Talken für die Tonne

Wer ob des zähen "Tatorts" in der ARD noch nicht ganz weggedämmert war, der holte sich am Sonntagabend den Rest Bettschwere beim Talk mit Günther Jauch. Im Mittelpunkt: herzförmige Kartoffeln, krumme Gurken und abgelaufener Joghurt.

Von Ingo Scheel

Essen für die Tonne - wie stoppen wir den Wegwerfwahnsinn? Das war die zentrale Frage in Günther Jauchs Sonntagabendtalk. Wer dem Schnatterwahn der letzten Wochen noch nicht ganz erlegen war und auch beim Anne-Will-Nachfolger einen Blick riskierte, ahnte, dass diese Frage eher nicht beantwortet werden würde. Stattdessen hüpfte ein leidlich zusammengecastetes Ensemble von der Mülltaucherin bis zur Edelköchin vom Hölzchen aufs Stöckchen, ohne auch nur im Ansatz das Fragezeichen in ein Ausrufezeichen verwandeln zu können.

100 Kilogramm Lebensmittel – so viel wirft jeder Bundesbürger pro Jahr weg, teilweise noch in der ungeöffneten Verpackung. Anders ausgedrückt: Ein Drittel aller Lebensmittel in Deutschland landet unverzehrt direkt auf dem Müll. Weltweit sind es 20 Millionen Tonnen. In LKW verladen ergäbe das einen Konvoi rund um den gesamten Äquator. Während Jauch diese Zahlen als Einstieg zum Besten gibt, fährt die Kamera den gesamten Innenraum des stimmungsvoll illuminierten, ehemaligen Gasometers ab, der jetzt als Studio dient. Es gibt sicher passendere Orte, um über Verschwendung zu diskutieren, als hier, jenseits der Donnerkuppel.

Diskussionsfreies Runterbeten von Standpunkten

Apropos Donnerkuppel: Vielleicht hätte irgendein Mad Max dieser Runde ganz gut getan. Ein Kinski, ein Meese, Helge Schneider, meinetwegen sogar eine Alice Schwarzer. Die isst ja schließlich auch irgendwann mal. Und schmeißt sicher auch mal den einen oder anderen Joghurt weg. Ihren Part sollten Filmemacher Valentin Thurn und Hanna Poddig übernehmen. Thurn hatte jüngst mit seiner Dokumentation "Taste the Waste" über just jenes Thema der Sendung für Aufsehen gesorgt. Hanna Poddig lebt vom "Containern". Sie durchwühlt Mülleimer von Supermärkten und ernährt sich durchweg von den noch essbaren Lebensmitteln, die sie dabei findet. Vielleicht hätte Thurns Film allein oder eine Stunde mit der Mülltaucherin für mehr Spannung gesorgt. So kam es zu einem beinah diskussionsfreien Runterbeten und Darlegen von Standpunkten. Schlagabtausch Fehlanzeige, stattdessen die Gebetsmühlen der Beteiligten.

Verbraucherministerin Aigner stellte klar, dass jetzt auch endlich krumme Gurken in den Handel dürfen, Stefan Genth vom Handelsverband gab den gütigen Einzelhändler, dem natürlich das Herz blutet, wenn Lebensmittel vernichtet werden. Starköchin Sarah Wiener beklagte sich über Kinder, die keine Tomaten und keine Petersilie mehr kennen würden. Mittendrin ein merkwürdig unaufgeregter, ja fast teilnahmsloser Jauch. Der, so hatte es zuweilen den Anschein, möglicherweise lieber das tun würde, was Vorgängerin Will am Sonntagabend - ihr Promo-Clip der ARD hatte es kürzlich gezeigt - jetzt wieder mit Genuss tun kann. Auf der Couch liegen und Chips essen. Keine überlagerten, versteht sich.

Was bleibt als Lektion aus diesem behäbigen Betthupferl über Mindesthaltbarkeit, Verbrauchsdatum und Überlagerungsschäden? Von 5000 Apfelsorten kommt nur ein Dutzend in den Handel. Herzförmige Kartoffeln gelangen, obwohl doch sehr putzig, nicht in den Supermarkt, sondern werden mit Glück noch zu Chips oder Pommes verarbeitet. 73 Prozent der anwesenden Zuschauer essen auch abgelaufene Lebensmittel. Und Sarah Wiener isst sogar schwitzenden Käse. Stichwort Schwitzen: In selbiges brachte Gastgeber Jauch am Ende noch Ministerin Aigner - mit einem Bier. Nach dem am längsten abgelaufenen hatte die Redaktion in Berlin gesucht und war bei einer Flasche Lichter's Helles fündig geworden, Mindesthaltbarkeit Mai 2006. Taste the Waste, dachte sich der Gastgeber, öffnete ungeschickt den Deckel und stieß mit der Ministerin an. Wohl bekomm's. Etwas fade sei es schon, bemängelte diese. Mithin das passende Bier zur Sendung.

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