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Fernsehen: Ein Wort zum Sonntag

Christiansen hört auf, Jauch löst sie ab. stern-Mitarbeiter Till Raether sieht die Fernsehwelt nun in völlig neuem Licht.

Niemand weiß, was genau passieren wird, wenn Günther Jauch im September 2007 die erfolgreichste deutsche Polit-Talkshow übernimmt: Wird die Sendung "Günther Jauchs Sabine Christiansen" heißen? Werden die geladenen Politiker einmal für 30 Sekunden ihre Referenten anrufen dürfen, wenn sie nicht mehr weiterwissen? Fest steht nur eines: Christiansens angekündigter Abschied und die Nachfolgeregelung der ARD lassen das Fernsehen im Allgemeinen und die Hauptfiguren dieser Personalentscheidung in neuem Licht erscheinen. Vier Thesen dazu:

1. Der Wochenanfang wird um einen halben Tag nach hinten verschoben

Für Millionen von Deutschen, die zu geschwächt sind, um nach dem "Tatort" ab- oder umzuschalten, beginnt der Montagmorgen sonntags um 21.45 Uhr. "Sabine Christiansen" hat trotz des Sendetermins nichts sonntäglich Resümierendes, gnadenlos wird der werktätige Fernsehzuschauer schon zehn Stunden vor Beginn der Arbeitswoche in den Ernst des Lebens geschleudert: Gefühlt hat es seit Januar 1998 zirka 2000 "Christiansen"-Sendungen gegeben, in deren Titel die Formulierung "Ist dies und jenes noch zu retten?" vorkam, die Antwort war immer: "Eher nicht, gute Nacht." Günther Jauch stellt Fragen, die sich beantworten lassen, ihm liegen die sympathische Pointe und das menschliche Maß näher als der Weltuntergang. Er ist der richtige Mann für den Sonntagabend, und die neue Woche beginnt endlich wieder montags um sieben.

2. Sabine Christiansen gibt es gar nicht

Vieles ist an Sabine Christiansen kritisiert worden, aber eines kann man ihr beim besten Willen nicht vorwerfen: dass sie aus der nach ihr benannten Sendung eine Personality-Show gemacht hätte. Nie ist sie vor der Kamera Sabine Christiansen gewesen, sondern immer "Sabine Christiansen", kompetent, professionell, aber letztlich eine Frau ohne Eigenschaften. Immer umweht sie eine Aura der Irrealität. Vielleicht liegt es schlicht an den Gänsefüßchen, vielleicht aber auch daran, dass sie sich in den Jahren seit 1998 in ihrem Sendestudio, der "blauen Kugel", zusammen mit ihren Talk-Gästen immer mehr in ein Paralleluniversum gebeamt hat: Je schonungsloser und dichter die Sendung an die gesellschaftlichen Probleme herangeht, desto weiter scheint sie von ihnen entfernt. So sehr, dass das Unwirkliche der Sendung längst auf ihre Stammgäste abgefärbt hat. Guido Westerwelle, dem nach dem Zustandekommen der Großen Koalition ins Gesicht geschrieben stand: Das kann doch gar nicht sein, ich hab doch jede Woche bei Sabine gesagt, dass ich mitregieren werde! Und Michael Glos, dem erst ganz langsam zu dämmern scheint, dass die Fähigkeit, jede dröge "Christiansen"-Runde mundartlich aufzulockern, nicht genügt, um ein halbwegs passabler Wirtschaftsminister zu sein. Folgerichtig entschwindet Sabine Christiansen nun ganz im ätherischen Nebel: geht nach Paris, um einen Jeans-Millionär zu heiraten, und moderiert auf Englisch für den Wirtschaftskanal CNBC. Die Frage ist jetzt: War sie je wirklich da?

3. "Wer wird Millionär?" ist sowieso die beste Polit-Talkshow im deutschen Fernsehen

Das aufgeregt vorgetragene Expertenwissen der Fachpolitiker, Demoskopen und Professoren bei "Christiansen" konnte niemals mithalten mit dem dahergeplauderten, zufällig zusammengetragenen Weltwissen der "Wer wird Millionär?"-Kandidaten. Seit September 1999 spricht Günther Jauch in seiner Quiz-Show mit ganz normalen Wählern über ihren Arbeitsalltag, ihre Jobsuche, ihre Kinder - lauter Themen, die die Politik-Talker nie in den Griff kriegen. Immer wenn die Kandidaten die 16 000 Euro sicher haben, fragt Jauch: "Und, was machen Sie mit dem Geld?" Die Antworten (vernünftige Autos, vernünftige Reisen, Kredite abzahlen oder Hausreparaturen) sagen mehr über die gesellschaftliche und wirtschaftliche Realität in Deutschland als 400 "Christiansen"-Sendungen auf einmal: "Wer wird Millionär?" ist seit je der wahre Geschäftsklimaindex.

4. Privat? Öffentlich-rechtlich? Eh völlig egal!

Eine Zeit lang war alles klar: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen döste vor sich hin, die Privaten hatten die große Kohle und die großen Namen. Und die Bundesliga. Jauch wird zwar weiter im gewohnten Umfang für RTL arbeiten, aber als Teil-Rückkehrer reiht er sich in eine eindrucksvolle Liste ein: Beckmann, Kerner, Gottschalk, Monica Lierhaus, Harald Schmidt ... Dank der Gebühren-Milliarden haben die Öffentlich-Rechtlichen heute die große Kohle und die großen Namen, die Bundesliga sowieso. Jetzt ist Jauch plötzlich sowohl bei RTL als auch bei der ARD, das ist die neue Unübersichtlichkeit. Eine Faustregel, um den Durchblick zu bewahren: Privatfernsehen plus Volksmusik gleich öffentlich-rechtliches Fernsehen.

Diese Regel wird felsenfest, wenn Günther Jauch im September 2008 dann noch die Nachfolge von Florian Silbereisen antritt.

Till Raether / print