HOME

Stern Logo Medienkolumne

TV-Zweiteiler "Die Grenze": Sat.1 stößt an seine Grenzen

In dem Zweiteiler "Die Grenze" baut Sat.1 die Mauer wieder auf. Was ein spannendes Gedankenspiel sein könnte, erstickt an Opulenz. Das Scheitern ist bezeichnend für den Zustand des Senders.

Von Bernd Gäbler

Bravo! Endlich macht Sat.1 auch einmal wieder mit seinem Programm von sich reden. In der letzten Zeit ging es vor allem um Sparen und den furchtbaren Zwang, als TV-Sender sogar Nachrichten anbieten zu müssen. Jetzt scheint der Sender wieder an die Tradition von "Wambo" und "Der Tunnel" anzuknüpfen. Sat.1 hat viel Geld ausgegeben für einen opulenten Fernsehfilm. Republikweit ist Werbung für den großen, dreistündigen TV-Zweiteiler "Die Grenze" plakatiert. Er zielt mitten ins Herz der deutschen Befindlichkeit: "Was wäre, wenn Deutschland wieder gespalten würde?" Nach einer Idee von Nico Hofmann, so steht es in Abspann und Pressematerial, sei das "Event-Movie" entstanden. Und Hofmanns umtriebige Filmschmiede Teamworx hat ja oft genug bewiesen, dass sie weiß, wie es geht.

Gespart wurde auch nicht an der Besetzung. Wer im deutschen Fernsehen einen Namen hat, ist dabei: Benno Fürmann, Thomas Kretschmann, Uwe Kockisch, Jürgen Heinrich, Marie Bäumer, Anja Kling, Inka Friedrich - und sogar Sabine Christiansen spielt sich selbst. An der Schauspielschar liegt es nicht, dass der Film gründlich schief geht.

Ein absurder Plot


Der Plot strotzt vor Absurditäten. Anders als früher so oft, wenn Teamworx eine Liebesdreiecksgeschichte vor großem historischen Hintergrund erzählte, soll es diesmal um eine Vision gehen, ein Gedankenspiel in der nahen Zukunft. Al Kaida hat alle großen Ölraffinerien angegriffen, eine Wirtschaftskrise bricht aus, das Land ist zerrissen zwischen arm und reich, rechts und links. Die DNS, eine hochmoderne, medienaffine Nazi-Partei ist kaum zu stoppen. Ihr Arturo Ui heißt Maximilian Schnell und ist ein charismatischer Millionär. Dagegen formiert sich bis zu bürgerkriegsartigen Unruhen in Rostock eine "Neue Linke", die Mecklenburg-Vorpommern wieder von Deutschland abspalten will.

Da steckt sehr viel "Ende von Weimar" und Lehrstückhaftes drin. Die Bundesregierung will per Geheimdienst die Rechte stoppen und unterstützt heimlich die Linke, weil ein neues, sozialistisches Niedriglohnland das leichter kontrollierbare Übel wäre. Das ist der zentrale Kniff des Drehbuchs - und er ist leider überhaupt nicht schlüssig. Durch ihn aber ist die Genre-Entscheidung für den Film getroffen - und es ist eine falsche. Nicht ein Lehrstück, ein Agenten-Thriller soll uns in den Fernsehsessel bannen.

Ein Film, der nur groß tut
Diesem Zweiteiler soll man ansehen, dass er aufwändig produziert wurde. Anfangs ist er allerlei: die klassische Teamworx-Liebes-Dreiecksgeschichte mit Hafenmilieu und "kleiner-Leute"-Romantik und Kinderleid. Aber dann ist klar, wohin die Reise geht. Holly Finks großartige Kamera verschreibt sich der Hollywood-Ästhetik, der Film arbeitet mit allen Tricks des emotionalen Überwältigungskinos, und Benno Fürmann gibt einen Gelegenheitsagenten, der nichts anderes wird als ein schön deutscher Knuddel-James-Bond. Wer ein "Gedankenspiel" inszenieren will, der muss auch zum Denken anregen. Genau das aber vermeidet der Sat.1-Zweiteiler. Er will überwältigen und bombastisch sein. Er erstickt an seinem eigenen Drang zu Größe und Bedeutung. Er traut dem Publikum letztlich nichts zu. Liegt das am Sender?

Kann Sat.1 ein "Gedankenspiel" senden?


Der Film hat keine Ästhetik gefunden, die seinem vorgegebenen Anliegen entspricht. Er zitiert ständig Sehgewohnheiten, die er vom Publikum erwartet. Er verdoppelt sie, statt zu verblüffen oder gar zum Nachdenken einzuladen. So fällt er erst recht zurück auf seine Absurditäten. Im Kleinen wie im Großen. Fast ironisch ist es, dass in diesem Film N24, der von Sat.1 so wenig geliebte Nachrichtensender, noch einmal einen Auftritt als ernstzunehmendes Medium bekommt. Selbst im Kanzleramt wird ständig nur N24 geguckt. Ein Wahlkampfauftritt der Kanzlerin wird durch ein Medienspektakel des bösen Rechtsradikalen übertönt. Dieser erhält seinen ersten Dämpfer, weil ihm in einer Talkshow mit Sabine Christiansen Vorhaltungen zum Privatleben gemacht werden. Typisch, dass dies für die Politik entscheidend sein soll. Und typisch, dass der ausstrahlende Sender Sat.1 über ein solches Talk-Genre bekanntlich längst nicht mehr verfügt. Auch die letztliche Entlarvung des Bösen erfolgt durch den Zusammenschnitt von verräterischen Video-Sequenzen. Was sich als Aufklärung ausgibt, ist nichts als eine erschütternd naive Vorstellung davon, wie Medien funktionieren.

Kein zweites "Millionenspiel"


Eigentlich wäre die Zeit reif für ein erneutes Nachdenken über Alternativen. Warum sollte nach der größten Finanzkrise und einer deutschen Vereinigung, die von der DDR nicht viel übrig ließ, nicht gewagt über ein "was wäre, wenn?" nachgedacht werden? Auch Übertreibungen und Zuspitzungen könnten da erkenntnisfördernd sein. So wie es einst Wolfgang Menge mit "Millionenspiel" gelang, der frühen Parabel auf das Privatfernsehen. Warum sollte es eine schrille Parabel auf die deutschen Zustände - womöglich inszeniert mit einer Rest-DDR, einem sozialistischen Mecklenburg-Vorpommern oder einem rechtsradikalen Aufsteiger - nicht geben? Genau das aber ist der Sat.1-Zweiteiler nicht geworden. An ihm stimmt nichts. Letztlich fällt er vor lauter aufgeblasener Größe in sich zusammen. Übrig bleibt das Absurde. Unterm Strich ist leider kein zweites "Millionenspiel" deutscher Zustände gelungen, sondern nur ein absurd-vertrackter, reichlich kitschig geratener, also sehr, sehr deutscher Möchtegern-Agententhriller.