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Günther Jauch kommt zur ARD: Teurer Flirt mit Happy End

Einst bezeichnete Günther Jauch seine Verhandlungen mit der ARD als seinen "teuersten Flirt". Jetzt hat sich die Liebesmüh doch gelohnt: Nicht nur RTL hat das Nachsehen. Auch Anne Will gehört zu den Verlierern des Coups.

Von Katharina Miklis

Tut er's oder tut er's nicht? Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren gemunkelt, der Starmoderator von RTL könnte zur ARD zurückkehren. Dorthin, wo seine Karriere begann. Jetzt ist es tatsächlich so weit. Das Buhlen und Baggern des öffentlich-rechtlichen Senders hat sich gelohnt: Im Herbst 2011 wird Günther Jauch im Ersten eine politische Gesprächssendung bekommen. Sonntags, direkt im Anschluss an den "Tatort" soll die Sendung laufen.

Dadurch verliert Anne Will den begehrten Sendeplatz am Sonntagabend. Aber auch in die Woche kommt Bewegung: Die ARD will den lange ersehnten einheitlichen Ausstrahlungsbeginn der "Tagesthemen" auf 22:15 Uhr festlegen. "Beckmann", "Maischberger" und "Hart aber fair" werden somit jeweils am Montag, Dienstag und Mittwoch um 22:45 Uhr platziert.

"Gremien voller Gremlins"

Der Wechsel von Günther Jauch vom Privatsender RTL zur ARD ist spektakulär, kommt aber nicht überraschend. Nicht nur, dass Jauchs Produktionsfirma I & U in jüngster Zeit verstärkt für die ARD arbeitete. Bereits 2006 standen der ehemalige NDR-Intendant Jobst Plog, WDR-Chef Fritz Pleitgen und Programmdirektor Günter Struve in intensiven Verhandlungen mit dem Quotengaranten von RTL. Jauch wurde als Nachfolger von Talkerin Sabine Christiansen gehandelt. Jedoch platzte der Deal zu Begin des Jahres 2007. In einem Interview sagte Jauch damals, er fühle sich von "Gremien voller Gremlins", "Irrlichtern", "Profilneurotikern" und "Wichtigtuern" umzingelt. Und weiter: "Ich sollte bei der ARD unter Aufsicht gestellt werden wie in grauer Vorzeit.“ Später bezeichnete er die Verhandlungen mit der ARD als "teuersten Flirt" seines Lebens. Eine sonntägliche Talkshow war für ihn "abgehakt".

Nun scheint sich der teure Flirt für alle Beteiligten doch zu lohnen. "Schön, dass es im zweiten Anlauf geklappt hat. Jetzt freue ich mich auf meine Sendung am Sonntagabend im Ersten", kommentiert Jauch seinen Wechsel. Mit einem Drei-Jahres-Vertrag haben NDR, WDR und ARD den 53-Jährigen für sich gewinnen können. "Es lohnt sich, Geduld und einen langen Atem zu haben", freut sich Lutz Marmor, Intendant des Norddeutschen Rundfunks. Auch Monika Piel, Intendantin des Westdeutschen Rundfunks, ist froh, dass Jauch zurückkehrt. Vor drei Jahren klang Piel in Bezug auf Jauchs RTL-Jobs allerdings noch pingeliger: "Entweder ist einer bei uns oder bei den Kommerziellen". ARD-Vorsitzender Peter Boudgoust betont, dass die Verpflichtung des Starmoderators den Gebührenzahler "keinen Cent mehr" koste. "Wir bieten dem Großmeister der journalistischen Unterhaltung ein Programmumfeld, das seinen Fähigkeiten entspricht," so Boudgoust.

Wo Jauch ist, ist Quote

Tatsächlich profitiert auch Jauch von dem Deal, indem er wieder journalistischer arbeiten kann als beim Privatsender. Vor allem aber für die ARD ist Günther Jauch ein Glücksfall. Die gescheiterten Verhandlungen aus dem Jahr 2007 hingen dem Sender lange nach. Irgendwie schien es lange nicht zu klappen, mit einem erfolgreichen Sendergesicht. Hoffnungsträger Oliver Pocher brachte im Zusammenspiel mit Harald Schmidt nicht den gewünschten Erfolg und flüchtete 2009 zu Sat.1. Showliebling Jörg Pilawa hatte kein Interesse, seinen im Herbst diesen Jahres auslaufenden Vertrag zu verlängern, ging zum ZDF - und hinterließ eine große Lücke. Nach der erfolgreichen Eurovision-Song-Contest-Kooperation mit Stefan Raab ist die Verpflichtung Jauchs der zweite große Coup der ARD innerhalb kurzer Zeit. Der beliebte Moderator, den Umfragen zufolge viele Zuschauer auch gern als Bundespräsidenten sehen würden, ist ein echter Coup für die ARD. Er ist seriöser als Pocher, beliebter als Pilawa, und wo Jauch ist, ist Quote.

Bei RTL ist die Stimmung derzeit dagegen nicht so rosig. "Wir sind natürlich nicht glücklich über seine Entscheidung in Sachen stern TV", so RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt. Gegenüber stern.de betont der Sender jedoch, dass man sich nicht als verschmähte Ex-Geliebte fühle: "Es ist nicht so, dass Günther Jauch RTL für die ARD verlässt", betont ein Pressesprecher. Denn die Erfolgssendung "Wer wird Millionär" soll definitiv fortgeführt werden. "Seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeite ich gut und vertrauensvoll mit RTL zusammen", lässt sich Jauch vom Sender zitieren. "Diese erfolgreiche Kooperation werden wir fortsetzen.“ Auch will man in Köln an neuen Showkonzepten mit dem Moderatoren arbeiten.

Neuordnung im ganzen Programm

Lediglich stern tv wird Jauch nach 20 Jahren im Zuge des neuen Engagements bei der ARD aufgeben. Das Magazin soll jedoch weiter bei RTL laufen. Wer die Moderation des beliebten Infotainers übernehmen wird, soll Anfang 2011 bekannt gegeben werden. Für RTL kam die ARD-Verpflichtung Jauchs nicht überraschend. Man habe regelmäßig Gespräche geführt, heißt es in Köln. Genützt hat es in Bezug auf stern tv nichts.

Doch auch innerhalb der ARD gibt es Verlierer: Anne Will muss den begehrten Sendeplatz nach dem "Tatort" aufgeben. Wie und wo es für sie im Ersten weitergehen soll, will die ARD zunächst für sich behalten. Vermutlich wird der späte Donnerstagabend für ihre Sendung in Frage kommen. In Konkurrenz zu Maybritt Illner im ZDF. Die Pressesprecherin der Will Media GmbH erklärte am Donnerstag, das Team sei erst am Morgen vom NDR über die Entscheidung informiert worden. Das gesamte Team befinde sich gerade in der Sommerpause und werde danach in aller Ruhe entscheiden, wie es weitergehe. Die Quoten des Will-Talks sind in den vergangenen Wochen zwar leicht gestiegen, die Sendung sorgte jedoch auch vor einiger Zeit für Unruhe, als die "Bild"-Zeitung titelte, der Talk sei in der Produktion doppelt so teuer (3164 Euro pro Sendeminute) wie Sandra Maischbergers Sendung.

Wie auch immer die Entscheidung fallen wird, klar ist, dass der Jauch-Deal bis zum Herbst kommenden Jahres hohe Wellen schlagen wird. RTL braucht einen Ersatz, der praktisch nicht zu finden ist, das Abendprogramm im Ersten wird neu gemischt und vor allem an eine Tatsache wird man sich erst gewöhnen müssen. Günther Jauch ist nicht mehr RTL. Und umgekehrt.

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