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TV-Kritik zu "Hart aber fair": Es gibt auch schlechte Gewinner

Kann Hannelore Kraft auch Kanzlerin? Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen über die Auswirkungen der NRW-Wahl. Dabei zeigte sich, dass es nicht nur schlechte Verlierer gibt, sondern auch schlechte Sieger.

Von Mark Stöhr

Im Ranking der nervigen Politiker schafft es Andrea Nahles mühelos aufs Treppchen. Die SPD-Generalsekretärin steht für alles, was man an Politikern nicht mag: die immergleichen Leersätze, das immergleiche Kreisen um den eigenen Parteibrei, null Außenkontakt, null Ausstrahlung. Bei Frank Plasberg gestern sagte sie einen einzigen Satz mit Substanz: "Wir haben fett gewonnen." Dagegen ließ sich nichts einwenden, das war einfach so. Das breite Grinsen, das sie die gesamte Sendung hindurch zur Schau trug, war jedoch schwer auszuhalten. Man wünschte ihr anderntags einen ausgiebigen Gesichtsmuskelkater.

Nach der Elefantenrunde bei #link;http://www.stern.de/kultur/tv/guenther-jauch-90250017t.html?sort=datedown; Günther Jauch# am Wahlsonntag langte es bei "Hart aber fair" naturgemäß nur zum Maultiertreffen. Neben Nahles war Peter Altmaier zu Gast, wie sie ein Parteibeamter, nur von der CDU und mit ein bisschen mehr Grips gesegnet. Dazu kamen die Journalisten Wilfried Scharnagel, Hans-Ulrich Jörges und Sabine Christiansen. Was Ingo Appelt an der Plasberg-Theke verloren hatte, blieb bis zum Schluss rätselhaft. Der Komiker ist seit 20 Jahren SPD-Mitglied und hatte offenbar nur eine dramaturgische Funktion: sich freuen. Das tat er ausführlich.

"Der war vollkommen neben sich"

So ein Wahl-Talk einen Tag nach dem Urnengang ist immer undankbar. Unzählige Analysen, Einschätzungen und Kommentare wurden inzwischen schon veröffentlicht - was soll man dem noch Neues hinzufügen? Der Trick von Plasberg und Co.: Sie versuchten es erst gar nicht. Der Wahlverlierer Röttgen bekam noch einmal ordentlich sein Fett ab. Jörges, politischer Chefdenker beim "stern", nannte ihn "einen Menschen, der nicht menschentauglich ist" und erinnerte genüsslich daran, wie Röttgen im Wahlkampf ein Kind gesiezt habe. "Der war vollkommen neben sich." Scharnagel, langjähriger Chefredakteur des CSU-Kampfblatts "Bayernkurier", forderte nicht minder genüsslich einen "Rettungsschirm für die CDU".

Altmaier, der CDU-Mann, war nicht zu beneiden. Doch er schlug sich erstaunlich tapfer. Er verzichtete auf das nervtötende Propagandagetrommel, übte ein bisschen Medienkritik ("'Hosianna!' und 'Kreuzigt ihn!' liegen heute nah beieinander") und räumte in einem ziemlich sportlichen Spagat aus Parteiloyalität und gesundem Menschenverstand ein, dass mit Hannelore Kraft einfach die glaubwürdigere Person das Rennen gemacht habe. Altmaier hat - ganz im Gegensatz zu Nahles - ein ziemlich gutes Gespür dafür, wie Dinge draußen ankommen. Trotzdem möchte man mit ihm dort draußen nicht unbedingt ein Bier trinken gehen.

Mit Hannelore Kraft schon. Alle wollen mit der alten und neuen NRW-Ministerpräsidentin ein Bier trinken gehen! Das ist ihr Erfolgsgeheimnis. Jörges: "Heute zählt nicht die Partei, sondern die Persönlichkeit." Davon profitierten auch die FDP-Granden Lindner und Kubicki. Doch ist Kraft dank ihrer Bodenhaftung und Volksnähe schon automatisch die ideale kommende Kanzlerkandidatin? Jörges wiegelte ab: "Die soll erstmal Nordrhein-Westfalen ein bisschen regieren." Da wollte auch Nahles, in deren Partei schon drei männliche Alphatiere um die K-Kandidatur konkurrieren, nicht widersprechen.

"Sparen kann keiner mehr hören"

Krafts Konzept für NRW ist bekannt: Jetzt ein bisschen weniger sparen, dafür später umso mehr. Dieser Bruch mit dem Spardiktat der Regierung komme gut an in der Bevölkerung, wusste Sabine Christiansen zu berichten. "Sparen kann keiner mehr hören. Die Leute sehen, wie die Schulen ruiniert werden und kein Geld für Lehrmittel mehr da ist." Nun begann sich das Zahlenkarussel zu drehen, dem Frank Plasberg gerade noch rechtzeitig hinterherrufen konnte, dass jede genannte Zahl im "Faktencheck" überprüft werde. Ganz groß am Rechenschieber: die Konservativen Altmaier und Scharnagel.

Altmaier rechnete vor, dass jedes Jahr 60 Milliarden Euro für die Schuldentilgung drauf gingen. Der letzte ausgeglichene Bundeshaushalt, so der passionierte Twitterer, gelang 1969, unter dem damaligen Finanzminister Franz-Josef Strauß. Das war der Weckruf für den mürrischen CSU-Greis Scharnagel. Bayern, referierte er, mache seit 2006 keine Schulden mehr. Und wer danke das dem Freistaat? Keiner. 3,4 Milliarden habe Bayern seit 1949 über den Länderfinanzausgleich erhalten, 40 Milliarden überwiesen - an "Nehmerländer" wie, wer hätte das gedacht, Nordrhein-Westfalen.

Ob die Zahlen genau so stimmen, weiß man nicht, der "Faktencheck" wird es erweisen. Doch Scharnagels Rechenspiele hatten zumindest einen Effekt: Sie löschten für einen Moment das breite Grinsen aus Nahles' Gesicht. Und allein das war es schon wert.