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Günther Jauchs überraschender Wechsel: Die ARD macht auf

Aus "Mister RTL" wird der wichtigste Polittalker der ARD. Der spektakuläre Personal-Transfer zeigt eine strukturelle Veränderung der Fernsehlandschaft: Die großen öffentlich-rechtlichen Sender verstehen sich zunehmend als Plattform, und die Produktionsfirmen der TV-Prominenz gewinnen an Gewicht.

Ein Kommentar von Bernd Gäbler

Für die ARD ist das schon ein sensationeller Coup - und nützlich ist er für beide. Günther Jauch erreicht ein Ziel, das er schon lange anstrebt. Immer sah er sich eher als Journalist denn als Unterhalter, nannte Hanns Joachim Friedrichs als Vorbild, erinnerte daran, dass er schon in frühen Jahren als Moderator für das "heute-journal" des ZDF im Gespräch war, wo ihn aber Siegmund Gottlieb, der heutige Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, aus politischen Gründen verdrängt habe. Als er dann Nachfolger von Sabine Christiansen werden wollte, scheiterte er an den "Gremlins" der ARD, wie er die Gremienvertreter wenig freundlich nannte. Damals waren es aber auch einige Intendanten, namentlich die WDR-Chefin Monika Piel, die die ARD-Identität gefährdet sahen, wenn Günther Jauch nicht parallel zum Umzug in die ARD von seinen RTL-Engagements abschwöre.

Hier hat sich die Lage verändert. Die ARD ist beweglicher geworden. Man könnte auch sagen: kompromissbereiter, weniger besorgt um Verwässerungen des Ansehens. Jetzt darf Günther Jauch parallel zum großen ARD-Polittalk am Sonntagabend auch weiterhin auf RTL die Unterhaltungssendung "Wer wird Millionär?" moderieren, die Informationssendung stern.tv allerdings gibt er ab.

ARD: Wir betreiben eine Plattform

Die ARD signalisiert mit diesem Entgegenkommen nicht nur Pragmatismus, sondern auch ein latent verschobenes Selbstbewusstsein. Zwar fühlt sie sich in der deutschen TV-Landschaft wie Bayern München in der Bundesliga - die hatten lange Zeit auch stets einfach die Besten der anderen weggekauft -, die ARD hat aber auch neue Beweglichkeit gelernt. Ein starres Entweder-Oder konnte sie nicht mehr aufrechterhalten. Nicht zuletzt die Kooperation mit Stefan Raab beim Eurovision Song Contest hat sie gelehrt, dass sie profitieren kann, auch wenn die Konkurrenz - in Raabs Fall ProSieben - ebenfalls alle Chancen für den eigenen Sender gnadenlos ausnutzt. Anders gesagt: Die große ARD verändert sich unter der Hand schleichend von einem Sender mit einheitlicher und geschlossener Identität zu einer großen Plattform, die viele mit ihren jeweiligen Inhalten füllen können.

Dies ist auch das Signal an die Konkurrenz: Die Besten sind uns willkommen! Wir verlangen gar keinen "Verrat" an ihrem bisherigen Auftraggeber, bei uns herrscht lediglich die größte Stabilität - Krise ist woanders!

Das Know how wird ausgelagert

Die Sender haben zwar noch eine Markenidentiät, sind im Kern aber nur noch ein zentraler Distributionsweg zu den Zuschauern. Das Management kümmert sich um Imagepflege, Marketing und "Programmflow". Die Erstellung der eigentlichen Inhalte ist - bis auf wenige Kernbereiche (Nachrichtensendungen und Magazine) - längst ausgelagert in Firmen mit spezialisiertem Know how.

Für Filme und Serien gilt das längst. Da ist es auch mittlerweile selbstverständlich, dass UFA oder TeamWorx, White Balance, Tresor oder MME und wie immer diese Firmen heißen, ihre Produkte für viele unterschiedliche Sender anbieten und herstellen. Es mag Vorlieben und besondere Beziehungen geben, aber aus einem Abhängigkeitsverhältnis zu einem Sender haben sich diese Firmen aus nahe liegendem ökonomischen Eigeninteresse schon längst herausgearbeitet.

Auch die Moderatoren und Talker, die wir als bekannte Figuren aus dem Fernsehen kennen - wie Reinhold Beckmann, Johannes B. Kerner, Sandra Maischberger, Anne Will, Jörg Pilawa, Frank Plasberg und eben auch Günther Jauch - sind längst Unternehmer in eigener Sache. Ihre Firmen wie zum Beispiel Beckground (Beckmann), Vincent-TV (Maischberger), Klarlogo (Plasberg) oder "I&U" (Jauch) sind teilweise ausgestattet wie kleine Sender.

Fast alle Redaktionen sind ausgelagert

Den Frontleuten selbst eröffnen sich dadurch neue Chancen, aber sie gehen auch Risiken ein. Sie sind die Chefs ihrer Redaktionen, und das Geschäft steht und fällt mit der eigenen Sendung. Die Verantwortung wächst - im Einzelfall für eine dreistellige Zahl von Mitarbeitern. Nur Maybrit Illner gestaltet ihren Talk noch mit einer ZDF-internen Redaktion. Alle anderen Redaktionen sind ausgelagert. Die Sender haben dadurch beweglichere Zulieferer, werden vom Inhalte-Produzenten zum Kunden und Controller. Ein bisschen ist es wie auf dem Fußball-Transfermarkt: die Macht der Stars - auch gegenüber den Sendern - wird tendenziell immer größer. Jedenfalls solange sie Stars sind! Sichtbar wurde dies schon, als Günther Jauchs Firma Information & Unterhaltung die beiden Gala-Shows zum 60. Geburtstag der ARD produzieren durfte. Das hat RTL garantiert nicht gefallen. Aber der Sender ist machtlos, solange er den Protagonisten Jauch im eigenen Programm behalten will. Auch das ist eine strukturelle Veränderung: Trotz Krise nimmt die Macht der Fernsehfirmen, die den Stars gehören, auch gegenüber den Sendern zu. Die ARD wollte also nicht nur, sondern musste auch in einen Kompromiss einwilligen.

Wok-Rennen in der ARD?

So lockern sich die Bindungen einzelner TV-Größen an "ihren" Sender. Das kann zwar auch nach hinten losgehen - wie bei Oliver Pocher und Johannes B. Kerner. Aber Grenzen fallen. Schon sehen wir Oliver Welke auf Sat.1 und im ZDF, heuert Stefan Raabs "Praktikant" Elton gleichzeitig bei einer ZDF-Kindersendung an. Warum soll Frank Plasberg auf Dauer nur für den WDR und den NDR Sendungen produzieren? Wann wird Stefan Raab, ohne sich von ProSieben abzuwenden, auch mal der ARD eine seiner schrägen Wettkampf-Shows anbieten? Weshalb sollte Sandra Maischberger nicht auch auf Sat.1 einen ihrer schönen Dokumentarfilme ausstrahlen?

Günther Jauch hat sein Ziel zäh verfolgt. Jetzt ist auch die ARD soweit. Beckmann, Maischberger, Plasberg, Will - so wird wohl von Montag bis Donnerstag die Talk-Schiene am späteren Abend lauten. Die Erwartung, ab Herbst 2011 zumindest am Sonntagabend mit "Tatort" und "Jauch" unschlagbar zu werden, könnte sich erfüllen.

  • Bernd Gäbler