VG-Wort Pixel

Flüchtlinge und Europa Merz bei Dunja Hayali: Sorgenfalten und Sätze voller technokratischer Kälte

Bei Dunja Hayali zu Gast: EKD-Vorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und CDU-Politiker Friedrich Merz
Bei Dunja Hayali zu Gast: EKD-Vorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und CDU-Politiker Friedrich Merz
© ZDF
Fünf Jahre nach dem Merkel-Satz "Wir schaffen das" zog Dunja Hayali Bilanz. Ihr Fazit: Wir haben tatsächlich viel geschafft. Friedrich Merz wollte Verständnis für die aktuelle Lage in Moria zeigen, relativierte aber doch immer wieder.
Von Mark Stöhr

In Moria und anderen Flüchtlingscamps auf den griechischen Inseln geht gerade das Abendland unter. Die Bilder von Kindern mit Krätze und noch viel schlimmeren Krankheiten machen fassungslos. Slums vor unserer Haustür, ohne ausreichende Wasserversorgung, ohne Zugang zu Hygieneprodukten, ohne Mund-Nasen-Masken – inmitten einer Pandemie. Dazu Videos von Küstenpatrouillen, die mit Stangen auf hilflose Menschen in Schlauchbooten einprügeln und sie beschießen. Ist das dieses Europa, auf das wir uns so viel einbilden?

Die evangelische Kirche hat mit Hilfe von Spendengeldern ein ehemaliges Forschungsboot zu einem Seenotrettungsschiff umgebaut. Anfang August soll die "Sea-Watch 4" auslaufen. Nicht nur im Umfeld der rechten Hater ist der Aufschrei groß. Wie kann man nur? Schlepperkomplizen, Pull-Effekt! Das ganze – längst widerlegte – Blablabla der Abschottungsarmee.

Sätze voller technokratischer Kälte

Dunja Hayali hatte Heinrich Bedford-Strohm, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, eingeladen. Er ist ein leidenschaftlichen Verfechter der privaten Seenotrettung, die für Schiffbrüchige oft die einzige Chance sei, mit dem Leben davonzukommen. Denn staatliche Seenotretter gibt es im Mittelmeer nicht mehr. Bedford-Strohms realpolitischer Gegenpart im Studio war Friedrich Merz, der mögliche künftige CDU-Vorsitzende. Der legte immer wieder sorgenvoll die Stirn in Falten, als wäre er ehrlich bedrückt. Um im nächsten Moment Sätze voller technokratischer Kälte abzufeuern. Die Merz-Position in Kurzform: Das sei alles schrecklich, aber Deutschland habe in den vergangenen Jahren sehr viel für Flüchtlinge getan und müsse sich daher schon mal gar nichts vorwerfen lassen. Doch Merz betonte auch: "Seenotrettung ist eine staatliche Aufgabe". Da waren sich Merz und Bedford-Strohms dann einig.

Dunja Hayali baute Merz eine Brücke, damit er aus sich einen letzten Rest Humanität herauskratzen konnte: Ob man nicht wenigstens Moria, das schlimmste aller griechischen Lager, mit seinen rund 16.000 Bewohnern auflösen könnte, fragte sie. Doch Merz blieb hart. Auf das Flüchtlingsproblem gäbe es nur eine "gesamteuropäische Antwort".

Da platzte selbst dem höflichen Kirchenmann Bedford-Strohm der Kragen. "Wir können nicht mehr warten, bis alle Staaten des sich oft christlich nennenden Europas dahinterstehen", rief er aus. In sechs Wochen beginnt der Herbst, danach kommt der Winter und spätestens dann erreicht die humanitäre Katastrophe eine neue Stufe der Grausamkeit. In einem Einspieler kam ein Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" zu Wort, der schon in vielen Flüchtlingscamps war, aber noch nie so erschütternden Zustände wie in Moria erlebt hat. "Wir müssen uns darüber bewusst werden", sagte er, "dass Europa gerade einen Albtraum produziert. Und wir alle sind daran beteiligt. Wir werden uns irgendwann dafür rechtfertigen müssen, warum 2020 so eine Schande in Griechenland passieren konnte."

Beispiele gelingender Integration

Friedrich Merz betrieb indes lieber Klientelpolitik. Er tritt ja mit dem erklärten Ziel an, als CDU-Vorsitzender – und möglicherweise Kanzler –, der AfD so viele Wähler wie möglich abspenstig zu machen. Also erzählte er von zwei Grundschullehrerinnen, die sich bei ihm über ihre Probleme mit muslimischen Kindern beklagt hätten. "Die sind völlig disziplinlos, völlig respektlos gegenüber weiblichen Lehrern. Sollen wir dieses Problem weiter eskalieren lassen?"

Niemand bestreitet solche Schwierigkeiten. Was dieses Narrativ des Scheiterns aber bewusst ausblendet, sind die Beispiele gelingender Integration. Und deren Zahl übertrifft die der Intensivtäter und Randalierer um ein Vielfaches. Bei "dunja hayali" waren zwei Geflüchtete zu Gast, die es 2015 zu einiger Berühmtheit gebracht haben: Anas Modamani durch sein Selfie mit Angela Merkel – und Reem Sahwil, die bei einem Bürgertalk mit der Kanzlerin in Tränen ausbrach. Zwei ganz normale junge Leute, die sich in Deutschland eine Zukunft aufbauen. Modamani studiert Wissenschaftskommunikation, Sahwil macht in zwei Jahren ihr Abitur und möchte später Sozialpädagogin werden.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker