VG-Wort Pixel

"Germany's next Topmodel" 2011 Und da laufen Heidis Mädchen wieder


Die Meisterin des Hochleistungslaufens hat ihre Mädchen wieder um sich geschart. Der Start der sechsten Staffel von "Germany's next Topmodel" macht deutlich: Heidi Klum hat aus dem Quotendebakel des vergangenen Jahres nichts gelernt.
Von Mark Stöhr

Was, schon wieder ein Jahr vorbei? Sie laufen wieder, die dürren Stangenmädchen? Das gleiche Gewackel und Gedackel wie die fünf Staffeln davor? Und das Modelleben, immer noch eins der härtesten Leben überhaupt?

Ja, es ist, wie es war. Heidi Klum, die Mutter des Hochleistungslaufens, knipst ihr Hochleistungslächeln an und krakeelt: "Ich freue mich riesig auf die neuen Mädchen – ihr auch?" Klar doch, wir konnten es kaum erwarten. Und doch ist Klums Modelzirkus, in dem sich so viel um Mode dreht, im Begriff, selbst aus der Mode zu geraten. Vielleicht war er das schon bei der fünften Staffel, als ein Viertel der Zuschauer wegblieb. Sie hatten offenkundig den ewigen Druck und die endlosen Dramen satt. Diese Hamsterrad-Existenzen, in denen es immer nur darum geht, den Kopf höher zu halten als die Konkurrenten.

Doch Klum, die ansonsten so eine tüchtige Geschäftsfrau ist, hat aus dem Konjunkturabsturz nichts gelernt. Sie macht weiter wie bisher. Sogar noch schlimmer. Die Auftaktprüfung zur neuen Show war anscheinend die Messlatte für alles Kommende. Die 50 Kandidatinnen mussten sich in knallengen Badeanzügen und mit hochhackigen Pumps auf 50 Laufbändern abquälen. Das Ziel: insgesamt 175 Kilometer in einer Stunde und damit ein Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde. Wer denkt sich so etwas aus? Athletik stand bei "Germany's next Topmodel" schon immer über Anmut – jetzt kommen auch noch Blut und Blasen dazu.

Sherlock Holmes und Fusselbart

Wenn der Mut oder die Fantasie für einen wirklichen Relaunch fehlen, probiert man es mit frischen Gesichtern. Klums Sidekicks am Jurypult heißen jetzt Thomas Rath und Thomas Hayo. Der eine Thomas ist ein schwuler Designer mit einem gemütlichen rheinischen Akzent, der sich gerne als Sherlock Holmes verkleidet. Der andere ein fusselbärtiger Rucksacktourist, Creative-Director von Beruf, der die Nachwuchsmodels bei ihren Turnübungen so durchdringend ansieht, als wolle er einige von ihnen am liebsten gleich noch an Ort und Stelle flachlegen.

Die beiden sind gar kein schlechtes Gespann als Weich- und Klarspüler, als gute Tante und böser Onkel. Sie leiden zwar unter derselben polyglotten Sprachstörung wie offenbar alle in der Branche, Thomas Hayo ganz besonders ("Bei vielen Mädchen weiß man nicht, was sie für einen ethnic background haben"), sind aber noch halbwegs Fachmänner mit Format – im Gegensatz zu den vorherigen Hilfssheriffs Kristian Schuller und Qualid "Q" Ladraa.

Zu sagen haben sie aber nichts, darüber wacht die Chefin. Und die will nicht mehr die beste Freundin ihrer "Mädchen" sein. Die Regeln wurden verschärft. Nun kann jederzeit und auch außer der Reihe fliegen, wer sich Klums Regime nicht unterwirft und jeden Blödsinn mitmacht. Als habe Klum in der drehfreien Zeit die Erziehungsbibel "Die Mutter des Erfolgs" der chinesisch-stämmigen US-Autorin Amy Chua studiert, in der das "Aggressive Parenting", eine Art Kriegserklärung an den Nachwuchs, gepredigt wird. Wenn Heidi in die Erfolgsspur zurück will, ist ihr jedes Mittel recht. Drill made in China – und Drama sponsored by Prosieben.

Anleihen bei "DSDS"

Schon bei der letzten Staffel waren deutliche "DSDS"-Anleihen bei der Aufbereitung des Materials spürbar. Nun wirken ganze Passage wie ein "Superstar"-Plagiat. Da wird animiert und dramatisiert, vor- und zurückgespult, hier ein Gadget aus dem Geräuschefundus, dort ein Einspieler aus einem schweren Leben. Am schlimmsten erwischte es Marie-Luise aus Eisenach. Ihr Catwalk vor der Jury endete im Desaster. Die 21-Jährige, weiß Gott kein Bündel erotischer Begabungen, beging den Fehler, Dita Von Teese als ihr großes Vorbild anzugeben. Also sollte sie tanzen wie der New-Burlesque-Star. Das ging in die Hose.

Sie ("Ich kann nicht räkeln") blamierte sich bis auf die Knochen. Die Postproduzenten von Prosieben schlachteten ihre Darbietung weidlich aus und loopten die peinlichsten Passagen immer und immer wieder. Heidi Klum beendete das traurige Spektakel mit einem Bohlen-Spruch: "Die denkt, die ist Dita Von Teese und ist eher Dieter Hallervorden."

So landet ein Casting-Format, das mondän sein könnte und glamourös, endgültig in der Schmuddelecke der deutschen Fernsehprovinz. Dabei weiß Heidi Klum selbst am besten, wie raffiniert ein TV-Wettbewerb auch sein kann. Im vergangen Jahr war sie für ihre Moderation der US-Show "Project Runway" für den Emmy nominiert. Dort geht es professioneller, schillernder und weitaus unterhaltsamer zu. Junge Nachwuchsdesigner treten gegeneinander an, der Gewinner bekommt eine eigene Modelinie. „Project Runway“ ist eine Reality-Soap voller schräger Vögel mit großem Ego. Klum verzichtet dort weitgehend auf ihre abgelesene Theatralik. Wenn ein Kandidat ausscheidet, verabschiedet sie ihn kurz und knapp auf Deutsch mit "Auf Wiedersehen", inzwischen Kult in den USA. Dort Premium-Unterhaltung, hier Trash.

Den Kandidatinnen der aktuellen "GNTM"-Staffel ist das herzlich egal. Sie sind froh, dass sie dabei sind. Gestern wurden aus 50 Teilnehmerinnen 25. Diejenigen, die beim abschließenden Livewalk in einem Schwimmbad den Gang über einen wackligen Schwebebalken gut hinter sich gebracht hatten, feierten ihr Weiterkommen mit einer spritzenden Arschbombe ins Wasser. Eine sagte: "Wenn‘s mit 'Germany's next Topmodel' nichts wird, dann schlafe ich mich halt nach oben." Gute Idee. Vielleicht sollte sie sich mal mit Thomas Hayo zusammensetzen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker