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Talk-Kritik: "Günther Jauch": "Man sollte das Unglück nicht mit Fantasie anreichern"

Natürlich beschäftigte sich Günther Jauch mit dem Germanwings-Absturz: Und natürlich ging es darum, was an Bord passiert war. Lufthansavorstand Kay Kratky wehrte sich gegen wilde Spekulationen.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Kay Kratky, Pilot und Vorstand Lufthansa Passage, zu Gast in der Runde bei Günther Jauch

Kay Kratky, Pilot und Vorstand Lufthansa Passage, zu Gast in der Runde bei Günther Jauch

Es ist ein Versprecher gleich zu Beginn der Sendung. Talkgast Kay Kratky, Lufthansa-Pilot und Vorstandsmitglied, redete von den "Ereignissen der letzten Wochen". Dabei hat sich der Absturz der Germanwings-Maschine erst am Dienstag, also vor sechs Tagen ereignet. Aber, kein Wunder, all die Berichterstattungen, Spekulationen, Talkshows rund um die Tragödie, da kam so viel zusammen, dass es wohl vielen vorkommt, als würde bereits seit Wochen darüber gesprochen. Bei Lanz noch, am Dienstagabend, mutmaßte man, technische Defekte seien verantwortlich. Nun ist die Diskussion bei der Theorie des "erweiterten Suizids" angekommen.

Dass auch Günther Jauch dazu besprechen musste, was seit Tagen längst besprochen wurde, es wäre erstaunlich gewesen, wäre das ausgeblieben. Allein: Wer will das? Im Online-Forum zur Sendung zeigte sich deutlich der Unmut der Zuschauer. "Auf die Frage nach dem, was brauchen die Angehörigen jetzt, möchte ich Ihnen, Herr Jauch, sagen, dass sie auf keinen Fall diese Sendung brauchen", so ein User. "Beschämend", kommentierten andere. "Ich mach den Fernseher jetzt aus", verkündete eine weitere Nutzerin. Und stand damit nicht allein.

Viel Spekulationen

Klar ist: Um über Fakten zu sprechen, muss man die Fakten kennen. Also: Irgendwer da, der die Wahrheit kennt? Wohl nicht. Auch wenn die bisherige Indizienkette, abgeleitet aus den Aufzeichnungen des Cockpit-Voicerecorders, schlüssig klingen mag, bewiesen ist noch nichts. Beispielsweise fehlen immer noch die Daten des Flugdatenschreibers. Aber: Soll das Jauchs Sorge sein? Bekanntlich führen die Ermittlungsbehörden, daher der Name, die Ermittlungen. Gerhart Baum, Jurist und FDP-Politiker, verwies dann auch schnell und wiederholt darauf, dass man sich bei dieser Diskussion im Rahmen der Spekulationen bewege. Auch das kümmerte Jauch nicht. Unter anderem wollte er rekonstruieren, wie es wohl kurz vor dem Aufprall an Bord zugegangen sein könnte. Kratky lehnte das ab. Man solle das Unglück "nicht mit Fantasie anreichern".

Krankschreibung belastet Co-Piloten

Zur Frage, ob bei der Lufthansa bekannt gewesen sei, dass der Co-Pilot angeblich gesundheitliche Probleme gehabt habe, antwortete Kratky: "Es gibt keine Kenntnis darüber, dass etwas nicht in Ordnung war." Zur Aktenlage und etwaigen Vermerken wollte Kratky keine Angaben machen. Dennoch, so führte er weiter aus, die jetzige Indizienlage gegen den Co-Piloten sei erdrückend, es gäbe eine Konkretisierung in "diese Richtung". Nicht gefragt wurde, warum der Co-Pilot offenbar für den Tag des Absturzes krank geschrieben gewesen sei.

Grenzen der Psychologie

Überlegt wurde, wie denn zu verhindern sei, dass Piloten in einem psychisch labilen Zustand in das Cockpit steigen. Kratky gab an, dass es Gesprächsangebote gäbe, die von Betroffenen genutzt würden. In zwei Fällen allerdings kam es letztlich zum Entzug der Lizenz. Aber auch: Flugpsychologe Reiner Kemmler bestätigte, dass psychologische Begutachtungen nach der Ausbildung nicht mehr stattfänden, es sei denn, es gäbe berechtigten Anlass dazu. Ohnehin, so Kemmler weiter, sehe er auch hier die Grenzen der Psychologie. Man würde in entsprechenden Untersuchungen nicht erkennen können, was im Kopf eines Piloten vorgehe. Besser sei, auf gegenseitige Kontrolle und Wachsamkeit durch das Bordpersonal zu setzen. Im vorliegenden Fall sprach der Flugpsychologe davon, dass es sich beim Co-Piloten nicht ausschließlich um Depressionen gehandelt haben könnte, sondern auch um andere, wahrscheinlich narzisstische Persönlichkeitsstörungen. Gerhart Baum intervenierte sofort: "Stopp. Was machen wir hier? Wir stellen eine ärztliche Diagnose." Er machte deutlich, dass er damit nicht einverstanden sei.

Sorge um die Angehörigen

Wolfgang Huber warnte davor, Depressive zu stigmatisieren und unter Generalverdacht zu stellen. Er verwies auf "einen Einzelfall". Auch er erweckte so den Anschein, es würde über eine gesicherte Faktenlage gesprochen. Doch lenkte er seinen Fokus schnell in eine andere Richtung. "Die Sorge um die Angehörigen muss unser erstes und wichtigstes Thema sein", so der evangelische Theologe. Dem schloss sich auch Baum an: "Wir müssen die Angehörigen vor neuen Traumatisierungen schützen". Er appellierte hier insbesondere an die Medien. Sabine Rau betreut als leitende Notfallpsychologin der Stadt Düsseldorf auch Angehörige der Opfer und ist demnach als Einzige nahe dran an denen, die nun Hilfe brauchen. Diesen Menschen in ihrem Leid zu begegnen, das habe ihr, so Rau, wehgetan. Und zu Jauch gewandt, im Hinblick darauf, dass sie vor der Sendung aufgeregt gewesen sei: "Mehr als sie mir heute weh tun können." Ja, Jauch, weh tat es schon, was am Sonntagabend abgeliefert wurde. Aber die echten, die tiefen Schmerzen, die sind anderswo.

  • Sylvie-Sophie Schindler