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Germanwings-Absturz: Andreas L. drohte die Netzhaut zu verlieren

Der Gesundheitszustand von Andreas L. steht bei der Suche nach einem Motiv für den gezielten Absturz des Germanwings-Airbus im Mittelpunkt. Der Copilot soll um seine Fluglizenz gefürchtet haben.

Die französischen Behörden wollen bis Montag einen Weg zur Absturzstelle der Germanwings-Maschine bauen, um die Bergungsarbeiten zu erleichtern

Die französischen Behörden wollen bis Montag einen Weg zur Absturzstelle der Germanwings-Maschine bauen, um die Bergungsarbeiten zu erleichtern

Bei dem Absturz des Germanwings-Flugs 4U 9525 kamen am Dienstag 150 Menschen ums Leben. Nach bisherigen Ermittlungen soll der 27-jährige Copilot die Airbus-Maschine auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf mutwillig in ein Bergmassiv nordöstlich von Marseille gesteuert haben. Über die Motive des Mannes wird weiterhin gerätselt. Er soll vor seinem Arbeitgeber Germanwings eine Erkrankung verheimlicht haben.

Genauere Erkenntnisse über das Geschehen im Cockpit vor dem Absturz erhoffen sich die Experten vor allem vom zweiten Flugschreiber, der immer noch am Absturzort gesucht wird. Dort sichern Bergungskräfte auch die sterblichen Überreste der Opfer des Absturzes. Rechtsmediziner arbeiten an der Identifizierung derer, die schon ins Tal gebracht wurden.

Die Ereignisse des Tages im stern-Rückblick.

+++ 20.22 Uhr: Suche für die Nacht unterbrochen +++

In den französischen Alpen wird die Suche nach Opfern des Germanwings-Absturzes für die Nacht unterbrochen. Mit der Dämmerung ziehen sich die Einsatzkräfte aus dem Zentrum in Seyne-les-Alpes zurück. In den Nächten sichern Spezialeinsatzkräfte die Absturzstelle in dem schwer zugänglichen Gebiet. Am Montag soll die Bergungsaktion fortgesetzt werden.

+++ 20 Uhr: Experten aus Israel sollen bei Bergung helfen +++

Israel schickt eine kleine Delegation von Bergungsexperten an die Absturzstelle. Acht freiwillige Mitarbeiter des Rettungsdienstes Zaka sollen bei der Identifikation der Leichen helfen, teilt das Büro des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mit.

Die von strengreligiösen Juden gegründete Organisation ist bekannt für ihre Einsätze nach Selbstmordanschlägen in Israel, bei denen sie vor Ort erste Hilfe leistet oder Leichenteile sucht. Zaka sammelt nach Anschlägen auch kleinste sterbliche Überreste ein, damit die Toten vollständig begraben werden können.

+++ 16.47 Uhr: Andreas L. bangte um sein Augenlicht +++

Wie die "Bild am Sonntag" berichtet, drohte Andreas L. eine Netzhautablösung. Im schlimmsten Fall kann diese Erkrankung zur Erblindung führen. Erstsymptome sind Lichtblitze und bewegliche schwarze Flecken. "Wird bei einem bereits aktiven Piloten eine Netzhautablösung per OP behandelt, muss er mindestens sechs Monate pausieren", zitiert die Zeitung den Berliner Fliegerarzt Thorsten Onno Bender.

+++ 15.43 Uhr: Fahrweg zu Unglücksstelle +++

Inzwischen haben Ermittler die DNA von 78 Menschen gesichert. Diese sollen zur Identifizierung der Toten mit DNA-Proben von Familienangehörigen abgeglichen werden, sagt der Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin. Er teilt mit, bis Montagabend sollen ein Fahrweg für Geländefahrzeuge zur schwer zugänglichen Unglücksstelle angelegt werden. Bislang ist die abgelegene Gegend nur per Hubschrauber oder Fußmarsch erreichbar. Die Fahrstraße soll die Bergung größerer Trümmerteile erleichtern, die nur schwer per Helikopter transportiert werden können.

+++ 14.24 Uhr: Schulleiter: Habe nur für 149 Menschen gebetet +++

In einem Interview mit der "Bild"-Zeitung erklärt der Schulleiter des Joseph-König-Gymnasiums aus Haltern am See seine Verachtung für den Copiloten der Unglücksmaschine von Germanwings. "Beim Gedenkgottesdienst am Freitag habe ich bewusst für 149 Opfer statt für 150 gebetet", sagt Ulrich Wessel. "Ich habe mich gefragt: Warum wirft sich jemand wie dieser junge Mann, der am Steuer des Flugzeugs saß, nicht vor einen Zug? Ich kann mit diesem jungen Mann kein Mitleid haben." Allerdings tue Wessel die Familie des Copiloten leid.

+++ 13.28 Uhr: Staatsanwalt: Leichenbergung hat Vorrang +++

Die Bergung sterblicher Überreste hat am Ort des Germanwings-Absturzes in den französischen Alpen absoluten Vorrang. "Es gibt die Hoffnung, das bis Ende kommender Woche zu machen, das ist für uns die Dringlichkeit", sagt Staatsanwalt Brice Robin. Wenn die Leichen und Leichenteile wie erhofft binnen sieben Tagen geborgen seien, wollten die Ermittler in einer zweiten Phase dann Wrackteile sichern, die für die Recherchen nötig seien. Robin bestätigte, dass nach dem zweiten Flugschreiber weiter gesucht wird. "Er wurde immer noch nicht gefunden."

+++ 12.41 Uhr: Lufthansa: Wussten nichts von Erkrankung +++

Die Lufthansa weiß nach eigenen Angaben nichts von einer angeblichen psychischen oder anderen Erkrankung des Piloten, der eine Germanwings-Maschine in Südfrankreich zum Absturz gebracht haben soll. "Wir haben da keine eigenen Erkenntnisse", sagt ein Firmensprecher auf die Frage, ob das Unternehmen als Muttergesellschaft von Germanwings von angeblichen schweren Depressionen des 27-jährigen Co-Piloten der Unglücksmaschine wusste. Weder sei das Unternehmen von Psychiatern oder Psychologen informiert worden, die einer Schweigepflicht unterlägen, noch von dem Mann selbst. "Deswegen war uns das nicht bekannt", sagt der Sprecher.

Auch von Augenproblemen, über die mehrere Zeitungen berichteten, wisse die Lufthansa nichts. "Nein, das kann ich nicht bestätigen", sagt der Sprecher. Grundsätzlich werde die Seefähigkeit beim jährlichen Medizintest der Piloten geprüft. Wenn dabei festgestellt werden, dass die Sehkraft nicht mehr ausreiche, könnte das zur Aberkennung der Flugtauglichkeit führen. Bei dem Germanwings-Piloten sei aber offenbar beim letzten Check nichts festgestellt worden, sonst hätte er den Flugtauglichkeitsvermerk nicht bekommen, sagt der Sprecher.

Keine Kenntnis hatte die Lufthansa darüber hinaus von einem etwaigen massiven Medikamenten-Gebrauch des Mannes. Generell müssten die Betreffenden Informationen dazu beim turnusmäßigen Medizin-Check angeben.

+++ 12.20 Uhr: Identifizierung soll Wochen dauern +++

Die Identifizierung der Opfer könnte nach Einschätzung des Rechtsmediziners Michael Tsokos von der Berliner Charité mehrere Wochen dauern. "In etwa drei Wochen werden bis zu 95 Prozent der Vermissten identifiziert und somit offiziell für tot erklärt sein", sagt er der "Bild am Sonntag". Die Familien müssten sich vermutlich am geschlossenen Sarg von ihren Lieben verabschieden. Ein letzter Blick auf die Opfer sei ihnen nicht zuzumuten.

+++ 11.41 Uhr: Zwischenergebnisse frühestens am Montag +++

Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft will frühestens am Montag weitere Ermittlungsergebnisse zum Absturz der Germanwings-Maschine bekanntgeben. Vorher werde die Behörde zu dem gesamten Thema keine Angaben machen, betont ein Sprecher. Medienberichte zum Gesundheitszustand des Copiloten oder zur Auswertung des Stimmenrekorders kommentiert er nicht.

+++ 11.10 Uhr: Bergungskräfte suchen wieder Absturzopfer +++

Bergungskräfte in den französischen Alpen suchen am sechsten Tag in Folge nach Opfern. Hubschrauber steigen auf, um zur Absturzstelle zu fliegen, berichten Augenzeugen. Die Arbeiten waren über Nacht unterbrochen worden.

Retter und Ermittler bergen und identifizieren Leichen und sichern die Unfallstelle in dem bergigen und schwer zugänglichen Gelände. In dem Trümmerfeld soll noch der zweite Flugschreiber des Airbus liegen. Die Ermittler erhoffen sich von dem Rekorder weitere Erkenntnisse zum Geschehen im Cockpit vor dem Absturz.

+++ 8.06 Uhr: "Emma" sorgt mit Kommentar für Empörung +++

Das feministische Magazin "Emma" sorgt mit einem Kommentar zur Germanwings-Katastrophe für Empörung. Darin fordert die Autorin Luise Pusch eine "Frauenquote fürs Cockpit!" und sagt Amoktrips seien "Männersache". Sie wägt auch ab zwischen dem Geschlecht der getöteten Fluggäste. "Die Opfer sind überwiegend Frauen, die Täter sind männlich", schreibt Pusch.

Ihr Vorschlag ist es, bei der Lufthansa eine Frauenquote einzuführen, da es nur sechs Prozent Pilotinnen gebe. Zugleich sei die Selbstmordquote bei Männern viermal so hoch wie bei Frauen. Jede als Pilotin ausgebildete Frau würde also das Risiko minimieren, dass Flugzeuge für Suizide missbraucht würden. In den sozialen Medien regt sich heftige Kritik an dem Text.

+++ 7.30 Uhr: Airbus-Chef kritisiert Talkshows +++

Der Vorstandsvorsitzende des Luftfahrtunternehmens Airbus, Tom Enders, übt scharfe Kritik an den Fernseh-Gesprächsrunden über den Absturz des Germanwings-Flugzeugs. "Was wir kritisch hinterfragen sollten, ist das Unwesen, das manche 'Experten' vor allem in TV-Talkshows treiben", sagt Enders der "Bild am Sonntag". "Teilweise wurde dort ohne Fakten spekuliert, fantasiert und gelogen", sagt Enders. "Oft hanebüchener Unsinn. Das ist eine Verhöhnung der Opfer."

"Piloten verdienen auch weiter unser Vertrauen", sagt Enders. "Ein schwarzes Schaf macht noch keine Herde." Piloten seien in der Regel "sehr zuverlässig" und "erstklassig ausgebildet".

+++ 7.15 Uhr: Neue Erkenntnisse über Piloten-Gespräch +++

Über das Gespräch zwischen dem Flugkapitän und dem Copiloten im Cockpit, das auf dem sichergestellten Stimmrekorder aufgezeichnet wurde, gibt es neue Erkenntnisse. Das berichtet die "Bild am Sonntag". Demnach erzählte der Pilot unter anderem, dass er es in Barcelona nicht geschafft habe, auf die Toilette zu gehen. Der Copilot habe ihm daraufhin angeboten, er könne jederzeit übernehmen. Einige Minuten später habe der Flugkapitän dann zu Andreas L. gesagt. "Du kannst übernehmen." Daraufhin verließ er offenbar die Kabine.

+++ 7 Uhr: Leichenteile des Copiloten am Absturzort entdeckt +++

Am Absturzort der Germanwings-Maschine sind laut einem Bericht Leichenteile des Copiloten entdeckt worden. Die Identifizierung der sterblichen Überreste des 27-Jährigen sei durch einen DNA-Abgleich erfolgt, meldet die "Bild am Sonntag" unter Berufung auf französische Ermittler.

ivi/mka/DPA/Reuters/AFP / DPA / Reuters