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Presseschau zum Flugzeugabsturz: "Die Stadt weint sich die Seele aus dem Leib"

Der Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine bestimmt die Schlagzeilen. Vor allem die Person Andreas L. wird zur Schlüsselfigur der Tragödie. Eine Presseschau.

In Haltern am See trauert die Stadt um die verunglückten Schüler.

In Haltern am See trauert die Stadt um die verunglückten Schüler.

Nur wenige Tage nach dem Unglück in den französischen Alpen scheint die Ursache für den Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine geklärt: Der Copilot verschuldet die Tragödie in den französischen Alpen. Ein Überblick der Pressestimmen aus Deutschland.

Thüringische Landeszeitung (Weimar): "Gelenkter Alptraum"

Die Entscheidung des Co-Piloten, dem eigenen Leben ein Ende zu bereiten, könnte man akzeptieren. Über den Umgang mit dem eigenen persönlichen Leid sollte jeder selbst bestimmen dürfen. Gleichzeitig aber 150 Menschen mit in den Tod zu reißen, ist brutal egoistisch und unmenschlich. Als seien die Familien der Opfer mit unendlicher Trauer und Ungerechtigkeit nicht genug gestraft, verstärkt nun auch noch Wut ihre Ohnmacht. Was auch immer den Co-Piloten zu diesem skrupellosen Entschluss geführt hat, es rechtfertigt nicht ansatzweise diese schlimme Tat.

Nach bisher veröffentlichten Informationen müssen sich die Flugbehörden die Frage stellen, warum es Piloten nicht generell möglich ist, von innen verschlossene Cockpit-Türen etwa durch einen geheimen Ersatzmechanismus im Notfall von außen öffnen zu können. Offenbar wurde hier nach den Anschlägen vom 11. September 2011 eine Maßnahme getroffen, die Übergriffe durch Terroristen verhindern soll, Gräueltaten durch das Flugpersonal selbst aber ausschließen. Ein fataler Irrtum.

Südwest Presse (Ulm): "Trost finden"

Gemeinsam zu trauern, macht Tote nicht wieder lebendig, aber es hilft, Trost zu finden und die Tragödie zu verarbeiten. Dazu trägt bei, dass Ermittler und Behörden alles unternehmen, um die für die Angehörigen der Opfer und für die Verbliebenen der Familie des Copiloten wichtige Antwort nach dem "Warum?" möglichst umfassend zu geben. Und die Fluggesellschaften? Sie beantworten die Frage, wie ein solcher Absturz künftig vermieden werden kann, mit der Zwei-Personen-Regel. Von sofort an bleiben Piloten nicht mehr allein im Cockpit. Auch die Frage, ob Flugkapitäne psychologisch öfter untersucht werden müssen, muss im Lichte dieser Katastrophe und der Ermittlungsergebnisse diskutiert werden. Die Antworten sind Versuche, mehr Sicherheit beim Fliegen zu garantieren. Dabei ist klar: Ausschließen kann man alle Risiken jedoch nie.

Neue Presse (Hannover): "Mehr Offenheit für Betroffene"

Die Zwei-Personen-Regel mag richtig sein - aber genauso wichtig wäre, über eine bessere Hilfe für psychisch Kranke nachzudenken. Denn das Thema ist nach wie vor in einer Tabu-Zone. Mehr Offenheit und bessere Hilfsangebote für Betroffene sind wichtig. Das muss nicht, kann aber Tragödien verhindern. Die ganz großen und die vielen kleinen.

Rheinische Post (Düsseldorf): "Gerechtigkeit für Lufthansa"

Heute, am Tag vier nach dem Absturz von Flug 4U 9525, scheinen die wichtigsten Fragen geklärt: Ein wohl psychisch kranker Copilot wollte sich umbringen und hat vorsätzlich 149 unschuldige Menschen mit in den Tod gerissen. Hoffentlich verhindert die schnelle Aufklärung, dass diese Tat noch ein weiteres unschuldiges Opfer fordert: die Lufthansa. Die erdrückenden Indizien gegen den Flugzeugführer machen alle Spekulationen über eine Mitschuld des Konzerns zunichte. Vor der Todessehnsucht eines Unzurechnungsfähigen kann sich kein Verkehrsunternehmen der Welt schützen. Es hätte jede Airline treffen können. Deshalb ändert die Tat auch nichts an den hervorragenden Sicherheitsnoten, die der Konzern seit Jahren in internationalen Vergleichsstudien erhält: Die Lufthansa ist nach wie vor eine der sichersten Fluglinien der Welt. Aber Statistik und Logik sind nur die halbe Wahrheit. Das Image eines Konzerns wird überwiegend durch Emotionen geprägt. Und gefühlt sind die schrecklichen Bilder von Südfrankreich untrennbar mit dem Logo des Kranichs verbunden. Dagegen kann man nichts machen. Aber man kann sich wenigstens bewusstmachen, dass das ungerecht ist.

Neue Westfälische (Bielefeld): "Zusammenhalten über Grenzen hinaus"

Der Mensch ist ein des Mitleides fähiges Wesen. Er leidet mit, wenn es anderen Mitgliedern seiner Spezies schlecht geht. Viele, viele Menschen weinen in diesen Tagen ob der gigantischen Tragödie in den Alpen, bei der 150 Menschen ihr Leben verloren. Hunderte, vielleicht tausende andere Menschen sind sehr direkt betroffen, weil jeder, der im Unglücks-Airbus saß, zehn oder mehr Angehörige hatte, die nun gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrer Trauer und Verzweiflung. Auch wer nicht selber Angehörige oder Freunde verloren hat, verspürt Entsetzen, Wut und Schmerz, hat immer wieder Tränen in den Augen angesichts der Berichte aus Südfrankreich. Hat Mitleid mit den direkten und indirekten Opfern. Das Mitleid gebiert den Impuls, helfen zu wollen. Und sei es nur mit einer kleinen Geste, mit einem Umarmen, mit gemeinsamem Weinen, mit einem Wort oder nur mit Zuhören. In Haltern halten die Menschen zusammen in diesen Tagen, sind sich gegenseitig Stütze und Schutz. "Die Stadt weint sich die Seele aus dem Leib", berichtet mir eine Freundin. Alle, jeder Bürger dieser Stadt, leiden mit den Eltern der getöteten Schüler. In der betroffenen Schule stehen die Menschen zusammen. Sie sind nicht allein. Aber auch ganz normale Franzosen haben Mitgefühl und helfen. Zu Hunderten strömten sie als Retter in die Berge. Menschen, die in der Nähe des Absturzortes leben, bieten jetzt den anreisenden Hinterbliebenen Obdach in ihren Privatwohnungen. Wunderbare Gesten menschlichen Mitleids. Ihr seid nicht allein, sagen die Franzosen damit. Wir halten zusammen über Grenzen hinaus.

Südwest Presse (Ulm): "Tiefe Trauer und Fassungslosigkeit"

Neben tiefer Trauer erfasst das Land nach dem Absturz des Germanwings-Airbus nun Fassungslosigkeit. Wie kann es sein, dass ein junger Mann 149 Unschuldige mit in den Tod reißt? Auf Bildern lächelt der 27-Jährige in die Kamera, strahlt Zufriedenheit aus. Tatsächlich hatte Andreas L. sich seinen Lebenstraum erfüllt. Er wollte schon immer fliegen, in das Cockpit eines Jets kommen, erzählen Bekannte aus dem Luftsportklub nahe seiner Heimatstadt Montabaur. Dieses Ziel hatte er bereits erreicht - als Copilot bei Germanwings. Warum, in aller Welt, schmeißt er dann einfach sein Leben weg? Welche Seite seiner Persönlichkeit blieb verborgen, die den Lebenstraum zum Albtraum machte? Ob die Ermittler und Experten Antworten auf diese Fragen finden, ist noch offen. Für die Angehörigen ist die Erkenntnis, dass ihre Kinder, Männer oder Frauen mutwillig in die Katastrophe geführt wurden, ein weiterer Schlag. Das dadurch verursachte Trauma sei noch schwerer zu verarbeiten, als wenn der Absturz eine Verkettung unglücklicher Umstände gewesen sei, sagen Psychologen. Auch die Lufthansa und ihr Chef Carsten Spohr stehen vor einem schweren Weg. Mindestens genauso wichtig wie eine einwandfrei funktionierende Technik ist für eine Airline das Vertrauen der Kunden in die Mitarbeiter. In Zukunft wird die Kranichlinie noch viel genauer prüfen müssen, in wessen Hände sie ihre Passagiere gibt.

kg mit Agenturen