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Hartz-IV-Empfänger gewinnt: Mundharmonika-Mann ist das "Supertalent"

Von der Straße ins Rampenlicht - das sind die Geschichten, die die Zuschauer lieben. Vielleicht gewann deshalb Mundharmonika-Mann Michael Hirte beim Finale der RTL-Show "Das Supertalent". Der Hartz IV-Empfänger rührte sogar Motz-Titan Dieter Bohlen. Doch ein Rätsel bleibt ungelöst.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Für die Eltern ist es natürlich eine blöde Situation. Wie tröstet man sein Kind, das nicht gewonnen hat bei der RTL-Show "Das Supertalent"? Und was machen die anderen Kandidaten, die zwar nicht mehr an Mamas Rockzipfel hängen, aber trotzdem nicht den erhofften Titel und 100.000 Euro kassiert haben? Wie lebt es sich, wenn man wieder in seiner Einbauküche bei Filterkaffee sitzt nach einer Überdosis Applaus und Teilzeit-Ruhm?

Pardon, das sind wohl die falschen Fragen. Man könnte dabei ins Nachdenken kommen. Welche Fragen hingegen relevant sind, das lernt man bei Sylvie van der Vaart, die aus einem Versandhauskatalog mir nichts dir nichts in die Jury von "Das Supertalent" gestolpert ist. Ihr Hauptjob als Fußballerbraut und Schmuckdesignerin scheint sie wohl nicht auszulasten. Also befragte sie lieber den zwölfjährigen Kandidaten Lucas Wecker, Nachwuchs-Paganini und möglicherweise heimlicher Sohn der "Kelly Familiy". Sylvie deutete auf das schwarze Outfit des jungen Langhaar-Virtuosen und erkundigte sich: "Du hast jedes Mal das an, auch bei deinem letzten Auftritt. Warum?" Damit hatte Lucas nicht gerechnet. Er blieb stumm.

Doch das nur nebenbei. Die eigentliche Nachricht ist: Deutschland hat seit der Finalshow am Samstagabend endlich sein Supertalent und das heißt Michael Hirte. Irgendjemand da, den das überrascht? Juror Dieter Bohlen hatte die Zuschauer, die per Telefonvoting ihren Sieger wählen sollten, eindringlich aufgefordert, für den 44-jährigen Mundharmonikaspieler anzurufen: "Wenn Michael nicht das Supertalent wird, fress' ich meine Jacke." Er brachte sein Plädoyer so leidenschaftlich vor wie ein Rechtsanwalt, der für seinen Mandanten Freispruch erwirken will.

Und tatsächlich sollte Michael Hirte frei gesprochen werden, und zwar von seinem schweren Schicksal. Der ehemalige LKW-Fahrer ist Hartz IV-Empfänger, seit einem Verkehrsunfall auf dem rechten Auge blind, das rechte Bein war viermal gebrochen, heute humpelt er immer noch. Für ein paar Euro zusätzlich setzte er sich in die Potsdamer Fußgängerzone und spielte auf seiner Mundharmonika. "Du lagst im Koma, hast das Bein kaputt und bist halbblind. Aber du hast niemals aufgegeben", fasste es Dieter Bohlen zusammen.

Vom Juror unerwähnt blieben die Schlagzeilen, die Michael Hirte bereits vor wenigen Wochen machte. Demnach habe seine Frau ihn als üblen Trinker bezeichnet und wegen Körperverletzung angezeigt. Er soll ihr im Rausch mit dem Ellbogen ins Gesicht geschlagen haben. "Alles Lügen", dementierte Michael. Die Staatsanwaltschaft Potsdam hat die Ermittlungen wegen Körperverletzung gegen ihn eingestellt – wegen Geringfügigkeit.

Was nicht ungelegen kommt. Denn so ein Ausrutscher würde nicht ins Drehbuch passen. Von der Straße ins Rampenlicht – das sind die Geschichten, die die Zuschauer lieben. Stoff zum Träumen. Nach dem Motto: Wenn das der Michael schafft, dann kann ich das vielleicht auch. Außerdem weckt die Story des Mundharmonika-Mannes den inneren Gutmenschen. Weil bald Weihnachten ist, rückt man sein Herz sowieso wieder auf den rechten Fleck.

Eine Spende für Afrika, ein Anruf für den Hartz IV-Empfänger. Und nachts kann man beruhigt zu Bette gehen. Doch Zynismus beiseite. Michael Hirtes "Ave Maria" und das anschließende "Stille Nacht" mögen Geschmackssache sein, doch ein gewisser Rühr-Faktor war nicht zu leugnen und auch nicht der narkotisierende Effekt auf Motz-Titan Dieter Bohlen, der bei den Mundharmonika-Melodien plötzlich so harmlos wirkte wie ein Schokoladenmuffin.

Doch warum trägt Michael Hirte eigentlich den Titel "Supertalent"? In der Show wurde auf sein Pechvogel-Dasein verwiesen und dass keiner es mehr verdient hätte zu gewinnen. Macht ihn also sein schweres Schicksal zum Sieger? Doch halt, auch Carlos Fassanelli wurde bereits heftig vom Leben gebeutelt. Der Latino-Barde aus Argentinien ist HIV-positiv. Reicht das nicht als Argument? Vielleicht geht es ja doch um etwas anderes bei "Das Supertalent".

Sylvie beurteilt Gänsehaut-Faktor

Doch um was genau, darüber gab es keine Aufklärung. Mal argumentierte die Jury mit der Originalität der zehn Kandidaten – fünf Erwachsene, fünf Kinder -, mal mit deren Talent, und dann wieder mit "Du hast es verdient" (bei den Erwachsenen) oder mit "Du bist so süß" (bei den Kindern). Die Holländerin Sylvie van der Vaart verfolgte die Auftritte stets mit offenem Mund (kann sie etwa nicht durch die Nase atmen?) und beurteilte vor allem den Gänsehaut-Faktor. Sie kommentierte die Darbietungen mit "beeindrückend" oder "Wir sind alle entrührt".

Doch der Wow-Effekt, den einem der Titel "Das Supertalent" suggeriert, blieb aus. Manches war hübsch, anderes belanglos. Beizeiten glaubte man, man sei bei "Deutschland sucht den Superstar" gelandet oder bei "Die Mini-Playbackshow". Oder bei der Weihnachtsvorstellung von "Zirkus Krone". Kevin Kalvus jonglierte mit Kugeln, Marcel Pietruch tanzte Hip Hop, Christoph Haese turnte am Trapez, Yosefin "Yo Yo" Bouhler imitierte Mariah Carey (muss es denn immer wieder Mariah sein?), Duri Krasniqi bewies Heintje-Qualitäten und die 13-jährige Vanessa Krasniqi begeisterte mit ihrer "Hammer-Stimme". Und der Derwischtänzer Shinouda Ayad drehte sich wie in Trance 200 Mal um sich selbst.

Unsensible D-Klasse-Moderatoren

Noch mehr aber als mit seinem Auftritt rührte der Gebäudereiniger mit seinen Worten, die hinter den Kulissen aufgenommen wurden. Und weil dabei keine dämlichen Glitzer-Streifen von der Decke rieselten und die unsensiblen D-Klasse-Moderatoren Marco Schreyl und Daniel Hartwich nicht blöde dazwischen quasselten, gingen seine Sätze tatsächlich nahe. Shinouda Ayad sprach von seiner Tochter Lillie: "Sie gibt mir Kraft." Und dass er längst gewonnen hätte, da er 100 000 Herzen berührt hätte. "Herzen sind Diamanten, Geld ist nur Papier."

Nicht nur da schossen Bruce Darnell die Tränen in die Augen. Eigentlich stand der Juror immer kurz vorm Losheulen. Und er hatte eine Botschaft mitgebracht, die er wie ein Mantra aufsagte und entsprechend variierte: "Lebe deinen Traum", "Glaub an dich", "Gib niemals auf". Das mag abgedroschen klingen und doch, wenn das die Sätze sind, die Zuschauer motivieren können, ihren Hintern hochzukriegen und ihr Talent zu entdecken, wenigstens dann hat sich die Show gelohnt.

  • Sylvie-Sophie Schindler