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Interview mit Christian Ulmen: "Man darf sich auch gruseln"

Christian Ulmen hat einen beeindruckenden Slalom zwischen Fernsehen und Kino hingelegt. Nun wird sein Frühwerk auf DVD veröffentlicht. Er hat das stern.de-Interview genutzt, um mal zu sagen, was bei ihm Sache ist - von Diätwahn über Nokia-Syndrom bis zum Kunststück des Verschwindens.

Mitte der 90er Jahre nahm die Karriere Ulmen Gestalt an. Der MTV-Moderator nutzte die Freiheiten des Musiksenders für anarchische, kleine Formate, die als Einspieler seine Sendungen schmückten, die ihm eine große Fangemeinde einbrachten.

Ob als heulender Polizist am Wegesrand, der mit seinem Gefühlsausbruch Passanten erschreckt oder in der Chaos-Kombo "Tweety und Schotte", in der Ulmen als gelber Vogel verkleidet seinen Mitmenschen so lange auf die Nerven ging, bis sie sich - in welcher Art auch immer - auf ihn einließen: Der Moderator und Schauspieler hat eigene Konzepte geschaffen. Den "Frühen Ulmen" gibt es nun auf DVD. Grund für ein ausführliches Gespräch.

Christian Ulmen: Wollen Sie einen Keks?

Danke, gern. Herr Ulmen, die DVD heißt "Der frühe Ulmen". Fühlt man sich da nicht sehr alt? Sie sind gerade mal 32.

Ich fühle mich nicht alt, im Gegenteil, ist doch schön, dass es eine Phase gibt, die man schon beendet hat. Da weiß man, das ist abgeschlossen, und damit hat man nichts mehr am Hut.

Ist der Blick zurück nostalgisch oder eher wehmütig?

So eine Mischung. Ich neige ja eigentlich nicht dazu, wehmütig zurück zu blicken, aber das war schon eine ganz tolle Zeit. Wir konnten bei MTV machen, was wir wollten, das wurde bundesweit ausgestrahlt - und in Österreich und der Schweiz. Das hat nie wirklich jemand kontrolliert. Die Senderverantwortlichen haben zwar ihr Feedback gegeben, aber doch hatte ich immer das Gefühl: So richtig mit beiden Augen hingeguckt haben die nie. Das war toll.

Auf der DVD sprechen ehemalige Kollegen auch von Problemen, die Sie damals plagten. Ich frage Sie mal ab, was daraus geworden ist, ok?

Ok.

Was macht die Hysterie?

Da neige ich heute immer noch zu. Wenn die Zeit knapp wird, wenn irgendwas nicht passiert, dann werde ich hysterisch. Aber ich bin introvertiert hysterisch. Das äußert sich in stoischer Ruhe und Gelassenheit...

Und Magengeschwüren?

Ja, es richtet sich nach innen: Schmerzen, Krämpfe, Depressionen.

Wie steht es mit dem Kettenrauchen?

Aufgehört! Ich rauche seit zweieinhalb Jahren nicht mehr.

Ihre Ex-Kollegen sprechen auch vom "Saufen".

Weiterhin... [denkt nach] weiterhin!

Und die Essstörung?

Weil ich eben eigentlich immer abnehmen will und immer darüber nachdenke, wie viel ich eigentlich esse, aber dabei immer esse! Es ist wirklich verrückt. Seitdem ich mir darüber Gedanken mache abzunehmen, nehme ich zu. Na, den einen Joghurt noch, wie viele Kalorien hat der denn, wird nicht so viel sein. Oder auch so ein Keks. Da denkt man sich "Ich esse jetzt Kekse, und dafür verzichte ich heute Abend auf Spaghetti". Dann isst man den Keks, und am Abend sagt man sich "Na gut, eine Portion Spaghetti, wie viel Punkte hat das bei Weight Watchers? Drei? Kann ich mir leisten."

Sie sind bei den Weight Watchers?

Auch. Ich kenne zumindest das Punktesystem. Ich wende so viele Diäten gleichzeitig an, dass nichts mehr funktioniert.

Wie wäre es mit Sport?

Dafür bin ich zu lustlos. Ich bin wirklich nicht faul, weil ich gerne und viel arbeite, aber ich habe auf Sport überhaupt keine Lust. Es langweilt mich zu Tode zu laufen. Ich finde Sport ganz unerträglich ätzend.

Dann bleibt nur noch das Hinnehmen.

Und das kann ich eben auch nicht. Ich finde, ich sah in "Herr Lehmann" besser aus als in "Der Fischer und seine Frau". Nicht, dass ich übertrieben eitel wäre, aber wenn ich darüber nachdenke, dann habe ich mich weniger fülliger lieber gemocht.

Einen haben wir noch: die Schwermut.

Ja, wie gesagt, die Depressionen. Das ist so ein Kommen und Gehen. Im Herbst kommt die Schwermut.

Wie viel Koketterie steckt eigentlich in Ihren Depressionen?

Man kann ja gar nicht nicht kokett sein, wenn man in irgendeiner Form etwas in der Öffentlichkeit macht. Da ist alles Koketterie. Ist Koketterie eigentlich negativ? Es ist eine negativ anmutende Beschreibung für Darstellerei. Aber das ist ja die Aufgabe, die man hat.

Wann haben Sie das letzte Mal so richtig geheult?

Beim Ende von "Six Feet Under" [US-Fernsehserie], bei der allerletzten Folge habe ich geweint. Das ist wirklich ein Meisterwerk! Irgendwann fängt es dich, und dann bist du süchtig.

Bei "Unter Ulmen" hieß es früher immer "Kommt, wir spielen!"...

[rattert runter] Mein Name ist Christian Ulmen, ich bin Moderator, und deshalb dazu gezwungen euer Freund zu sein, kommt, wir spielen...

Sind die Menschen heute weniger spielfreudig als früher?

Die sind total spielfreudig! Das merkt man auch an diesem ganzen Web-2.0-Gedöns. Da spielen die ja alle mit. Die Leute wollen unbedingt spielen. Mehr denn je habe ich den Eindruck.

Anders spielen?

Ja, über das Internet, da passiert ganz viel. Da findet vielleicht auch das statt, was wir früher als junge Menschen über MTV gemacht haben. Das war unsere Jugendleitkultur, das passiert heute im Netz. Da haben jetzt alle ihre Myspace-Seiten, Youtube und so weiter. Mehr Interaktion geht ja gar nicht

Im Umgang mit den Menschen auf der Straße haben Sie wiederum gesagt, dass die Leute aggressiver geworden seien.

Das kann auch ein Riesenzufall gewesen sein, aber als wir für die DVD Sachen nachgedreht haben, sind wir nur attackiert worden. Die Leute haben keinen Spaß verstanden. Dabei war Sommer, die Sonne schien, es war Wochenende. Wir haben "Tweety und Schotte" gemacht, und bei allem, was wir machten, fast jedes Mal hat jemand damit gedroht, uns aufs Maul zu hauen. Ein paar Mal haben Leute uns angegriffen.

Vielleicht waren Sie im falschen Stadtteil?

Wir waren überall: in Berlin-Biesdorf, in Mitte, in Charlottenburg. Es war wirklich wie verhext. Es kann aber auch sein, dass die Leute inzwischen einfach wissen "Ok, das ist Comedy. Das sind irgendwelche Typen vom Fernsehen, die machen,..."

"...dass wir blöd aussehen."

"Die machen jetzt Quatsch. Haut ab!" Ich hab keine Ahnung, woran das liegt. Vielleicht ist es auch das Nokia-Syndrom, dass die Leute Angst um ihren Job haben. Das Klima schien jedenfalls rauer.

Die theoretische Auseinandersetzung mit dem, was Sie machen, der sogenannten Alltagspoesie, ist durchaus spannend - von "Tweety und Schotte" bis "Mein neuer Freund". Aber dabei zuzusehen, wie Sie die Menschen wortwörtlich aus der Fassung bringen, ist schwer zu ertragen. Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man merkt, dass eine Kandidatin anfängt zu weinen, weil Sie in Ihrer Rolle als Ekelpaket in "Mein neuer Freund" zu überzeugend sind?

Bei Tweety können die Leute weg, bei "Mein neuer Freund" nicht. Die sind in diesem Spiel verankert und haben nur die Wahl abzubrechen oder sich auf dieses Experiment einzulassen. Also wenn Knut Knut ist [stinkender, kalauernder Alleinunterhalter, der sich für unwiderstehlich hält], wenn ich dieser Charakter bin - das ist ja ein Phänomen, dass das möglich ist - dann bin ich nicht mehr da. Das ist jetzt kein Sich-heraus-reden. Dann nehme ich, Christian Ulmen, in dem Moment nicht wahr, dass sie weint. Ich habe keinen Platz im Hirn, darüber nachzudenken, ob die mir jetzt leid tut oder nicht. Natürlich ist es irgendwo da, und ich merke auch "Ok, die weint, die weint, die weint", aber mein Hirn ist okkupiert von Knut. Und Knut hat seine eigene Logik, sein eigenes Reaktionsrepertoire, und er reagiert auf die Kandidatin. Er hat sie ja auch in den Arm genommen in dem Moment. Das ist spannend, was da im Kopf passiert. Irgendwann bist du der Typ. Und wenn ich das hinterher sehe, ist mir das natürlich unangenehm. Man schämt sich auch und hat Mitleid, aber in dem Moment, wo man es macht, ist man die Figur.

Aber das Mitleid hinterher hat keine Konsequenzen?

Nein. Weil das Weinen der Kandidatin vergleichbar ist mit dem Weinen eines Fußballspielers, der weggegrätscht worden ist. Das mag jetzt salopp klingen, aber ich habe darüber wirklich viel nachgedacht. Der Spieler weint, weil er sich über die Rote Karte ärgert, die er nicht verdient hat oder weil er im Halbfinale ausscheidet. Das Ganze ist ja ein Spiel, und die Kandidatin weint, weil sie eigentlich raus möchte, aber das Spiel sie gefangen nimmt. Darum ist sie verzweifelt. Das Weinen ist Teil oder Folge der Leidenschaft, mit der man dieses Spiel spielt.

Aber dieses Spielfeld ist nicht geschlossen, es kommen Freunde und Familie hinzu, die gar nicht wissen, dass sie auf dem Platz stehen. Es wurde mal "Jackass-Vertrag" genannt: Solange Johnny Knoxville und Co. ihre Spiele mit sich selbst treiben, im Hühnchenkostüm mit einem Dreirad in die Skateboardrampe oder sich den Hintern zusammen piercen lassen, so lange funktioniert das Spiel. Sobald sie aber einen Babykorb auf ein Autodach stellen und losfahren, so dass Menschen in Panik hinterher rennen, um das Baby zu retten, ist es vorbei.

Das trifft bei "Mein neuer Freund" insofern nicht zu, als das Spiel ja darin besteht, Freunde und Familie davon zu überzeugen, dass diese Person mein neuer Freund ist. Du gewinnst nur, wenn du sie alle triffst. Das andere, diese Zweisamkeit, dass die manchmal auch zu Tränen gerührt hat, hat mich selbst auch verblüfft. Ich dachte, wir sind doch hier zu zweit, sie weiß doch, dass ist ein Typ, der spielt eine Rolle.

Trotzdem: Die Kandidatinnen-Mutter weiß nicht, dass sie auf dem Platz steht.

Wobei die Mutter nicht die Blutgrätsche kriegt. Natürlich ist die in dem Moment, wenn die Tochter den unmöglichen Typen anschleppt, auch vor den Kopf gestoßen und macht eine Achterbahnfahrt mit, aber ich glaube, den größeren Schmerz erträgt in dem Moment der Kandidat, der um das Spiel weiß. Das sind seine Eltern, für den ist das peinlich. Im Übrigen für mich ja auch! Das Resthirn, das bei mir noch unter meinem persönlichen Namen läuft, kriegt das ja mit und schämt sich genauso. Und diese Scham ist das, was für mich den Reiz ausmacht. Es tut weh, du schämst dich, es ist peinlich, aber du musst jetzt weitermachen.

Waren Sie jemals davor, das Spiel selbst abzubrechen?

Nö. Also um auf den Vergleich mit "Jackass" zurückzukommen: Der Moment, in dem ich Angst schüre, das wäre für mich eine Grenze. Es gibt so eine TV-Legende, die besagt, dass in Spanien eine Show in Planung war, wo einer Familie eine Kindesentführung vorgegaukelt wird, und du guckst mit versteckten Kameras zu, wie die reagieren. Das darf man nicht machen! Weil Angst ein Gefühl ist, das ein Trauma auslösen kann, auch wenn du hinterher sagst, es war nur Spaß. Das Gefühl der Angst war ja wahrhaftig. Und so eine Wahrhaftigkeit wird Spuren hinterlassen. Aber so ein kleiner Moment - die Eltern sitzen da und nun hat die Tochter einen total doofen Freund - das wird kein Trauma auslösen. Da entsteht kein nachhaltiger Schaden. Darum hab ich niemals Skrupel gehabt. Auch wenn ich weiß, dass manche Momente wehtun. Aber ich gucke mir auch gerne Sachen an, die schrecklich sind, so wie Horror- und Gruselfilme. Dazu darf "Mein neuer Freund" auch da sein: Man muss nicht lachen, man darf sich auch einfach gruseln.

Mögen Sie nach all diesen Erfahrungen ihre Mitmenschen lieber als vorher? Oder haben die Reaktionen Sie enttäuscht?

Polizisten waren für mich immer Respektspersonen - ich muss jetzt vorsichtig sein, mit dem, was ich sage, aber das darf man ja mal sagen - nicht, dass ich jetzt keinen Respekt mehr vor der Polizei hätte, um Gottes Willen, aber wenn ich heute im Rückspiegel einen Polizeiwagen sehe, kriege ich kein Herzklopfen mehr, sondern muss innerlich ein wenig lachen. Für "Unter Ulmen" habe ich einmal als Pfadfinder verkleidet Menschen über die Straße geholfen. Natürlich solchen Menschen, die ganz normal über die Straße gehen können, das war der Scherz. Es ging darum, die Eitelkeit zu wecken. Dann kam ein Polizist und sagte "Sie greifen hier in den Straßenverkehr ein, ditte dürfen se nich". Und ich so: "Aber ich bin doch Pfadfinder." Und dann hat er mein Mikro am Kragen entdeckt: "Was isn ditte hier?", und er hat so gezupft. Irgendwann hat er dann gesagt: "Ich fahre Sie jetzt in den Wald, ich setze Sie im Wald aus, dann können Sie sehen, wo sie bleiben, und Sie haben auch Verbot auf dem Kudamm" - wir haben auf dem Kudamm gedreht. "Auf dem Kudamm dürfen Sie sich nie mehr blicken lassen". Solche Beispiele gab's ganz viele. Mit so etwas wie Tweety können Polizisten überhaupt nicht umgehen. Das ist wohl auch jobbedingt, in dem Moment ist der Humor nicht da.

Ist das Grenzenaustesten eigentlich auch im Privatleben zu einem Reflex geworden?

Oh ja, das muss ich leider sagen. Nachdem ich "Mein neuer Freund" drehte, neun Wochen am Stück, war ich wirklich ne Zeit lang gaga. Ich habe danach "Der Fischer und seine Frau" gedreht mit Doris Dörrie und Alexandra Maria Lara. Alexandra hat echt unter mir gelitten. Ich habe es ihr dann aber erklärt.

Wie lange hat das angehalten?

Ich glaube, es ging die ganze Drehzeit über. Das geht irgendwie in Fleisch und Blut über. Inzwischen hat sich das aber gelegt.

Wie würden Sie reagieren, wenn Tweety und Schotte plötzlich vor Ihnen stünden?

Ich glaube, mich würde es auch total nerven als Passant. Ich würde denken "Was soll der Scheiß mit diesem blöden Vogel, das ist doch Quatsch". Das ist vielleicht die Erkenntnis, nach der Sie fragten, dass alles menschliche Reaktionen sind. Es gibt keine dumme Reaktion. Leute haben immer Angst, dass sie dumm rüberkommen, aber das gibt es ja nicht. Es gibt nur die Reaktion im Moment.