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Jauch und der Islamismus: Was Kamouss sagte und was nicht

Beim Thema Radikalisierung von Muslimen in Deutschland hilft Günther Jauchs Talkshow nicht weiter. Alle Fragen sind offen geblieben. Nur eine kann man beantworten: Wer ist Abdul Adhim Kamouss?

Unausgegorene, unvorbereitete Runde: Günther Jauchs Islam-Gate

Unausgegorene, unvorbereitete Runde: Günther Jauchs Islam-Gate

Seine erste Talkshow nach der Sommerpause hat Günther Jauch gleich komplett gegen die Wand gefahren. "Gewalt im Namen Allahs - Wie denken unsere Muslime" wird angesichts der heftigen Reaktionen mittlerweile schon als "TV-Gau" bezeichnet. Denn an Stelle von Aufklärung, klaren Definitionen und Diskussion gab es Chaos, Geschrei und Pauschalurteile. Der als "Salafisten-Prediger" geladene Berliner Imam Abdul Adhim Kamouss wies sogleich alle Anschuldigungen von sich. Trotzdem saß er auf der Anklagebank. Allein: Er sah das nicht so, nannte sich Friedens-Radikaler und erklärte sich permanent wie lautstark zum Missionar eines toleranten, demokratie- und frauenliebenden Islams. Woraufhin den anderen Gäste die Argumente ausgingen, und die Sendung in gefährlicher Unschärfe versank.

"Diese Sendung war eine Katastrophe. Man muss erstmal einen Plan haben, was man eigentlich will und dann die richtigen Gäste einladen. Da hatte keiner einen Plan", sagt Claudia Dantschke von der Gesellschaft Demokratische Kultur, die gerade mit geringen Mitteln eine Beratungsstelle für Angehörige und Betroffene in der Auseinandersetzung mit Islamismus in Berlin aufbaut. Und schlimmer noch: "Die Jugendlichen, die Kamouss toll fanden, finden ihn jetzt noch toller. Und die Fans von Bosbach sind jetzt noch größere Fans von Bosbach. Alle Fanclubs fühlen sich bestätigt", so Dantschke.

Problematische Inhalte

Jochen Müller von ufuq, dem Berliner Verein für Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft, die mit ebenfalls geringen Mitteln in der Prävention arbeiten, sieht in der Talkshow "eine verpasste Chance. Hier trafen zwei fundamentalistische Islamverständnisse aufeinander: Herr Kamouss erklärte, der Islam sei ausschließlich tolerant, friedlich und freiheitlich. Und Herr Bosbach behauptete, der Islam sei seinem Wesen nach intolerant, frauenfeindlich - so wie in Saudi Arabien eben. Dabei weiß doch jeder, dass es 'den Islam' nicht gibt. Vielmehr gibt es Muslime, die den Islam auf ihre Weise verstehen und leben - und das sieht weltweit sehr unterschiedlich aus. Zum Beispiel wollen die allermeisten deutschen Muslime mit dem Islam, wie er in Saudi-Arabien Staatsideolgie ist, nichts zu tun haben."

Ein Berliner Experte, der nicht mit Namen genannt werden möchte, wurde noch deutlicher: Zur Person Kamouss gebe "es problematische Inhalte, die man klar benennen muss, aber so wie sie mit ihm in der Sendung umgegangen sind, geht es auch nicht." Anstatt den umstrittenen Iman mit aktuellen Fakten zu konfrontieren, hat man ein zehn Jahre altes Video eingespielt, das dieser entspannt weglächelte. Er habe sich schließlich geändert, sagte der Imam, der regelmäßig in der vom Verfassungsschutz beobachteten Al-Nur-Moschee predigt.

Hat er das?

"Bühnenreife Vorstellung"

"Ich habe eine Stunde vor der Sendung erfahren, dass Herr Abdul Adhim Kamouss einer meiner Gesprächspartner sein wird. Ich hätte mich gerne gründlicher auf ihn vorbereitet", sagt der Talkshowteilnehmer und Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky dem stern. "Der sich selbst inszenierende Friedens-Imam hat eine bühnenreife Vorstellung geliefert. Auch wenn er es abstreitet, wird er eindeutig der salafistischen Szene zugerechnet. Die Art seiner Präsentation hat für sich gesprochen und seine Unglaubwürdigkeit besser dokumentiert als jede Gegenrede. Dass jemand bei dem Thema um Terror, Mord und Vertreibung sich in der Rolle des lustigen Kaspers gefällt, hat mich abgestoßen."

Auf Facebook hat der in Marokko geborene Imam rund 5000 Follower. Google spuckt zahlreiche Predigten zu den unterschiedlichsten Themen aus. Die haben bis zu 10.000 Abrufe. Seine Anhänger seien jung und tiefreligiös, hat ufuq vor wenigen Jahren in einem Dossier festgehalten.

Auch wenn Kamouss bei Günther Jauch sagte, er habe sich "weiterentwickelt", sind in einer Rede aus diesem Frühjahr reaktionäre und streng traditionelle Töne zu hören. So werde "die Frau für vier Sachen geheiratet: Schönheit, Religion, Familie, Besitztum". Seine in der Rede verbreiteten Ansichten über Kindererziehung widersprechen ebenfalls seiner Selbstdarstellung bei Jauch: Hier spricht er sehr wohl von "Gottlosen".

Teil der Lösung?

Einen Tag nach der Sendung hat Kamouss auf seiner Facebook-Seite einen Aufruf gepostet: "Lasst uns zeigen, was für Friedensstifter die Muslime sind! Unterstützt uns dabei eine offene Islam-Debatte in die Gesellschaft zu tragen." Weiter heißt es: "Die Nichtmuslime brauchen eure Meinung zur Sendung. Was sie nicht brauchen sind Beleidigungen, Vermutungen, Unterstellungen und Verschwörungstheorien."

Für den Berliner Experten waren alle an der Talkshow Beteiligten denkbar schlecht vorbereitet. Außer Kamouss. Der sei zwar durchaus Teil des Problems, aber womöglich auch Teil der Lösung. Tatsächlich spreche er sich schon lange gegen Gewalt aus, und er erreiche sich radikalisierende Jugendliche noch, wenn alle anderen Kommunikationsversuche scheitern. Unbestritten ist wiederum sein früherer Kontakt zu Denis Cuspert, einem Berliner Rapper, der zuerst die Salafisten und dann den Krieg in Syrien für sich entdeckte. Den habe er eben "verloren", so Kamouss.

Eines hat Jauchs Reinfall jedenfalls klargemacht, eine wirkliche Diskussion scheint noch nicht einmal begonnen zu haben.

sal und mac