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Kritik "The Voice of Germany" Einheitsbrei versus Individualität


Bei "The Voice of Germany" geht es mit großen Schritten aufs Ende zu: Acht Kandidaten kämpfen um den Einzug ins Finale. Trotz der üblichen Bauchpinselei hatte die vorletzte Show musikalisch einiges zu bieten – das fast Lust auf mehr macht.
Von Hannah Wagner

Halbfinale bei "The Voice of Germany": Noch acht Kandidaten sind im Rennen, zwei aus jedem Team. Jetzt geht es um die vier Plätze in der letzten Show, dafür holt Sat.1 sogar die Battles der Anfangsphase zurück. Die beiden verbliebenen Kandidaten der jeweiligen Teams singen zunächst einzeln und dann im direkten Vergleich mit ihrem Konkurrenten im sogenannten Battle – der in Wirklichkeit mehr Duett als Kampf ist. Einer von ihnen kommt schließlich ins Finale. Das Besondere in diesem Halbfinale: die Teilnehmer präsentieren eigene Songs – eine Premiere in der Welt der Castingshows. Außerdem entscheiden Publikum und Juroren gemeinsam, wer in die nächste Runde kommt. Die Coaches müssen zumindest eine Tendenz in Form von Prozentpunkten angeben, die dann mit den Prozenten der anrufenden Zuschauer addiert werden.

Die Stimmung in der ausverkauften Halle wird einem Halbfinale gerecht: locker, aufgeregt, gelöst. Das meiste liegt hinter Kandidaten und Coaches, das Ende der Sendung, die Siegerehrung, steht kurz bevor. Und endlich einmal kommt von dieser Stimmung auch auf dem Sofa zu Hause etwas an. Wer es nicht schon an den schicken Anzügen von The BossHoss gemerkt hat, versteht spätestens als Sharron Levy mit ihrem Song "Drowning" den Auftakt macht, dass man sich auf eine besondere Show einstellen kann. Auch wenn man zugeben muss, dass die Nummer austauschbarer Poprock ist. Man mixe ein bisschen Pink mit etwas Avril Lavigne sowie einer Prise Kelly Clarkson und bekommt Sharron Levy. Mit denen kann sie aber durchaus mithalten, was das Fußwippen angeht. Ihre Konkurrentin Kim Sanders begibt sich da eher auf die ruhige Schiene. Nackt (im übertragenen Sinne) und barfuss (im buchstäblichen Sinne) verzaubert sie mit der Ballade "Haunted". Die harmoniesüchtige Nena zieht sich gekonnt aus der Entscheidungsaffäre, indem sie beiden Damen 50 Prozent ihrer Stimme gibt. Die Zuschauer sind ähnlich zwiegespalten. Kim Sanders macht schließlich das Rennen - wenn auch sehr knapp.

Harmonie ist Trumpf

Überhaupt herrscht auch in dieser Ausgabe von "The Voice" wieder die Harmonie vor – was nicht anders zu erwarten war. Die Coaches wollen sich nur schwer festlegen, Kritik wird so gut wie gar nicht geübt. Von Seiten der Kandidaten hört sich das teilweise schon anders an. Ole vom Team BossHoss verkündet, mit harten Bandagen zu kämpfen und alle Asse aus dem Ärmel zu holen. Mit seinem Song "Butterfly" wird er dieser Ansage auch gerecht, kann gegen seine Mitstreiterin Ivy Quainoo allerdings nichts ausrichten. Die holt mit ihrer von James Bond inspirierten Nummer "Do you like what you see?" sowohl ihre Coaches als auch das Publikum auf ihre Seite und kommt mit deutlichem Vorsprung weiter.

Und plötzlich habe ich nicht mehr das Gefühl, Zuschauer einer schnöden Castingshow zu sein. Plötzlich hat "The Voice" das geschafft, was zu Beginn so hoch gelobt und ständig propagiert wurde: Es ist ein Gesangswettbewerb geworden. Eine Talentsuche der guten alten Schule mit echten, talentierten Teilnehmern, die sich selbst und ihre Musik präsentieren, um im Business Fuß zu fassen. Hut ab! Auch wenn der ein oder andere Kandidat es nicht schafft, sich komplett abzusetzen vom täglichen Radiogedudel – die Mehrheit tut genau das. Nervtötend ist lediglich, dass auch Jury und Moderator nie müde werden, diese Einzigartigkeit ihrer Sendung in den Himmel zu loben. Aber gut, da kann man für heute Abend mal drüber hinwegsehen. Auch in Sachen Eigenwerbung wird beim Privatsender wieder einmal nicht gespart. Prominente, die im Publikum sitzen, ihre nächste Sendung ankündigen und dabei betonen, wie toll sie die Kandidaten von "The Voice" finden, sind einfach nicht glaubwürdig und werden es auch nie sein. Ein kleiner Wermutstropfen.

Da waren es nur noch vier

Nach den durchaus tanzbaren Beiträgen des zweiten Teams wird es jetzt wieder ruhiger im Saal. Reas Schützlinge Michael Schulte und Jasmin Graf präsentieren "Carry me Home" und "So schwer". Beides in Ordnung, beides nicht herausragend –das schwächste Team des Abends. Rea verteilt zweimal 50 Prozent, das Publikum schickt Tingeltangel-Bob-Frisur Michael mit knappem Vorsprung ins Finale. Auch Xavier Naidoos Kandidaten reißen das Tempo nicht mehr wirklich nach oben. Max Giesinger und Mic Donet haben beide leichte Einstiegsprobleme, legen ihre Songs dann aber mit Bravour hin. Extrem professionell in jedem Fall. Mitreißend? Nicht so sehr. Mic scheint allerdings ein Publikumsliebling zu sein. Deswegen greift Xavier seinem anderen Schützling helfend unter die Arme und katapultiert Max mit 65 Prozent seiner Stimme ins Finale. Wäre es nach dem Publikum gegangen, wäre sein Konkurrent weiter gekommen – er hatte 56 Prozent der Anrufe bekommen.

Im Finale werden nun also Kim, Ivy, Michael und Max um den Titel der besten Stimme Deutschlands kämpfen. Ob daraus echte Karrieren entstehen, ist fraglich. Für Alternativen soll jedoch gesorgt sein: Schon jetzt ist eine zweite Staffel geplant, zu Bewerbungen wird aufgerufen. Und das ist der Punkt, an dem die schöne Illusion zerstört wird. An dem "The Voice of Germany" wieder zu dem wird, was sie so ungern sein will: Einer schnöden Castingshow, die Talente am Fließband produzieren möchte. Deren Teilnehmer schlussendlich die gleichen guten oder schlechten Chancen auf Erfolg haben, wie die eines jeden Schwesternformats auch.


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