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Kühn kuckt - die TV-Kolumne: Das Jahr der alten Männer

Trends? Events? Pah. Bio kocht nicht mehr, Carrell ist tot - was von 2006 in Erinnerung bleiben wird, ist der Abgang der Alten. Ein geriatrisch televisionärer Rückblick von stern-Redakteur Alexander Kühn.

Als was, so fragt man sich in diesen Tagen, als was wird das Fernsehjahr 2006 in die Geschichte eingehen? Als Jahr der Zeitgeschichts-Events, mit "Dresden", "Sturmflut", "Mauer", "Pamir"? Als Jahr der Talentlos-Shows, mit stimmlosen Sängern, tanzenden Promis, auf dem Parkett, auf dem Eis, schließlich sogar sich zum Affen machenden Hunden?

Nein, 2006 wird uns in Erinnerung bleiben als das Jahr des Abschieds der alten Männer. Das wurde uns vor wenigen Tagen schmerzlich bewusst, als der berühmteste Alte seinen Ruhestand ankündigte: "Der Alte". Seinen letzten Krimi hatte er abgedreht, der Rolf Schimpf, vergangenen Freitag, und es uns erst am Wochenende wissen lassen. Zwei Jahrzehnte lang war er der freundliche Kommissar Kress, seinen knurrigen Vorgänger Siegfried Lowitz hatte er schnell vergessen gemacht. Jetzt, mit 82, sei es Zeit aufzuhören, ließ Schimpf leise vernehmen.

Auch die ARD kündigte an, zwei Kommissare in den Ruhestand zu schicken, Bienzle und Ehrlicher vom "Tatort", also den Schwaben und den Ossi, beide gefühlt weit über siebzig. Alfred Biolek, 72, stellt das Kochen, Weintrinken und Schmatzen ein, zumindest im Fernsehen; Ulrich Wickert, 64, von der Deutlichkeit der Aussprache bereits 85, weil ebenfalls ständig schmatzend, trinkt jetzt vermutlich noch mehr Wein, er hat ja Zeit seit dem Rückzug aus dem Nachrichtengewerbe. Klausjürgen Wussow, 77, den sie in den Neuauflagen der "Schwarzwaldklinik" zuletzt nur noch einzelne Sätze sagen ließen, verabschiedete sich in diesem Jahr vom mentalen Diesseits und lebt jetzt in einem Pflegeheim. Rudi Carrell, 71, konsequent wie je, trat gleich ganz von der Bühne ab. Hmmm.

Jopie, wir brauchen dich!

Müssen wir uns Sorgen machen? Kann das gut gehen: eine immer älter werdende Gesellschaft, der die alten Leitfiguren abhanden kommen? Mitsamt deren Lebensklugheit! Deren Erfahrung! Gemach. Einer, das zum Trost, ist uns geblieben. Einer, der schon immer da war, schon immer ein alter Mann war, am Dienstag feierte er seinen 103. Geburtstag, und man darf sicher sein, sein Simonchen zog ihm den Frack an, warf ihm einen weißen Schal um den Hals, setzte ihm den Zylinder auf und ließ ihn vortragen, dass er gleich ins Maxim gehe - von dieser Stelle herzlichen Glückwunsch, Jopie Heesters! Der Jopie hat das ja raffiniert gemacht: An seinem 95. Geburtstag begann er zu singen, dass er 100 werde, und hörte erst auf, als er es war; und wenn er jetzt was von 120 sänge, dann täte er auch das erleben, fraglich ist nur, ob sein Simonchen, auch schon 57, so lange bei Gesundheit bleibt.

Der Jopie, um wieder zum Anfang unserer Betrachtung des Jahres 2006 zu kommen, war ja neulich auch in einer Talent-Show: bei einem von Frank Elstner moderierten Gesangswettbewerb, wo berühmte Paare gegen andere berühmte Paare antraten, so viel zu Rente mit 67; gewonnen haben überraschenderweise Paola und Kurt Felix. Ein Event ist der Jopie allemal, Zeitgeschichte sowieso. Wir wünschen uns, dass wir noch lange „Bild“-Schlagzeilen lesen dürfen wie "Ich bin meiner Frau noch immer treu" oder "Ich sah schon vor 80 Jahren aus wie Tokio Hotel", dazu ein Bild vom geschminkten juvenilen Jopie und eines von Bill. Jopie, wir brauchen dich!