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Jopie Heesters ist tot: Jetzt ist er im Maxim

Er war Stummfilm- und Operettenstar, er tanzte unter den Nazis, er eroberte das Fernsehen - und er lebte, lebte, lebte: Jopie Heesters zu beschreiben, heißt, ein Jahrhundert zu vermessen.

Von Marina Kramper

Johannes Heesters ist tot. Er ist am Samstagvormittag im Alter von 108 Jahren im Klinikum Starnberg in Beisein seiner Ehefrau Simone Rethel und seiner Enkelin Wiesje Herold friedlich verstorben, teilte die Klinik mit. Heesters war am 17. Dezember mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gekommen und lag seitdem auf der Intensivstation. Erst am 5. Dezember hatte er seinen Geburtstag gefeiert und galt als der älteste Schauspieler der Welt.

Nahezu ein Jahrhundert lang ließ sich der "König der Eleganz" von der Presse und dem Publikum feiern. Schiefsitzender Zylinder, verschmitzt dandyhaftes Grinsen und ein lässig um den Hals geworfener Seidenschal waren optische Erkennungszeichen seiner Karriere. In dieser Maske hat er die meisten Bühnenauftritte gespielt und die größten Erfolge gefeiert. Das war er, Johannes Heesters: groß, schlank, elegant. Heesters, der Frauenschwarm, der nie verzagt. Das Lied "Heut geh ich ins Maxim, dort bin ich sehr intim/ Ich grüße alle Damen, nenn sie beim Kosenamen!" wurde zu Jopies persönlicher Hymne. Heesters lebte wie seine Bühnenhelden das Leben eines Operettenkönigs.

Dabei hatte er ursprünglich überaus seriöse Zukunftspläne: Als Jugendlicher wollte der am 5. Dezember 1903 in Amersfoort, Niederlande, geborene Heesters katholischer Geistlicher werden. Ein Theaterbesuch an seinem 16. Geburtstag brachte die weltliche Wende. Er bekam die Erlaubnis, eine Schauspiel -und Gesangsausbildung zu absolvieren, und konnte schon ein Jahr später, mit 17, erste Erfolge feiern. Er spielte, noch in den Niederlanden, sämtliche großen Klassiker. Mit 21 drehte er seinen ersten Spielfilm "Cirque Hollandais", damals noch ohne Ton. 1930, mit 27, heiratete er Louise Ghijs, eine belgische Schauspielerin. Trotz seines Images als großer Frauenverführer blieb Heesters mit seiner ersten Frau 53 Jahre verheiratet, bis zu ihrem Tod 1983. Mit ihr hat Heesters zwei Töchter, Wiesje und Nicole.

Natürlich ging er in die Operettenhauptstadt Wien

Heesters Verkörperung des eleganten Operettenhelden gelang ihm so gut, dass Bühnen- und wirkliche Identität miteinander verschmolzen. Alle Darsteller sind letztendlich nur Schauspieler, aber Heesters trieb die Gesamtinszenierung auf die Spitze: Denkt man an ihn zurück, so sieht man ihn nachts um drei mit Champagnerglas und Frack in stilvollem Ambiente. Heesters bewegte sich wie ein Salonlöwe durch Kulissen, die jenseits von Zeit, Raum und Realitätsgesetzen seinen Leinwandhelden Existenz einhauchten.

So verwunderte es nicht, dass ihn Wien, die Hauptstadt der Operette, auf die Bühnen und in die Arme zog. Wien, wie jede Residenzstadt, vom Hauch der Repräsentation beatmet, wusste Heesters Mischung aus Künstlichkeit, Medienpräsenz und männlicher Eleganz zu schätzen. 1936 debütierte er hier mit dem "Bettelstudent". Die Wiener hatten den eleganten Bonvivant schnell ins Herz geschlossen. Gastspiele in Salzburg, Graz und Innsbruck folgten.

Pirouetten und liebestolle Duette

Diese Fähigkeit, auch ohne Rolle zu unterhalten, blieb der beginnenden Propagandamaschine eines Goebbels und seiner damaligen Vollstreckerin, der Ufa, nicht verborgen. Die Filmhochburg bei Berlin nahm den strahlenden Helden 1936 unter die Fittiche und unter Vertrag. Als Star vieler Schwarzweiß-Unterhaltungsfilme ist er neben Marika Rökk bekannt geworden. Während an der Front die Bomben fielen, wirbelten Heesters und Rökk im Studio ihre Pirouetten und sangen dazu im liebestollen Duett.

Seine Rolle während des Dritten Reiches ist bis heute umstritten. Holländische Landsleute warfen ihm Vaterlandsverrat vor: Er habe sich nicht genügend vom Dritten Reich distanziert und während der deutschen Besatzungszeit kollaboriert. Er selbst war weder in der NSDAP noch hat er die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Allerdings hat er sich auch nie öffentlich von den Braunen distanziert, wie Hans Albers es einst getan hatte. Sicherlich passte Heesters gut in Goebbels Propagandamaschine, lieferte dem Volke Spaß und Ablenkung und verkörperte, groß gewachsen und weltgewandt, ganz nebenbei den arischen Typus.

Adolf Hitler? "Ein guter Kerl"!

Bis heute wird ihm vorgeworfen, für das KZ-Personal in Dachau aufgetreten zu sein. Zeitzeugen sagen das, Fotos scheinen es zu belegen, Heesters hingegen warf in Interviews melodramatisch das Leben seiner Familie in die Entlastungswaagschale und schwor, es sei nur ein Besuch in einem Arbeitslager gewesen. Seine Filme wurden nach dem Krieg als harmlos, wenn auch als Systemschmiere eingestuft. Arbeitsverbot bekam er nicht.

2008 gab es noch einmal kurzzeitig Wirbel, als Heesters in einem Interview Adolf Hitler als "guten Kerl" bezeichnete. Doch er distanzierte sich umgehend von diesen Worten - und so war die Sache schnell aus der Welt.

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Graf Danilo - einer der Rollen seines Lebens

Nach dem Ende des Krieges brauchte das in Trümmern liegende Land mehr denn je die leichte Muse. Tragödien, die im Ballkleid, in der Bohème oder in den Operettensalons spielen - und nicht im Frontlazarett. Die Zeichen der Zeit standen nicht mehr auf Verblendung sondern auf Verdrängung. Heimatschmonzetten beglückten die kriegsmüden Wirtschaftswundergewinner mit dümmlichen Einsichten über das Wesen des Weibes und der Liebe. Jopie, wie ihn das Berliner Publikum getauft hatte, durfte weiter den eleganten Lebemann verkörpern. "Bel ami", elegant, aber kritisch, wurde zu seinem Lieblingsfilm.

Auch Österreich besann sich nach dem Krieg auf seine Opernballwurzeln. Im Wien der 50er Jahre spielte sich Heesters wieder in die Herzen aller Operettenliebhaber. Als Graf Danilo, der allen Schieflagen des Lebens mit einem lustigen Liede auf den Lippen begegnet, wurde er unsterblich. Und sein "Heut geh' ich ins Maxim" avancierte zum Evergreen und wurde endgültig zu seiner Erkennungsmelodie.

Ehe mit einer Frau, die 46 Jahre jünger war

Die 60er Jahre und der Sieg des Fernsehens über das Kino brachten Jopie bis in bundesrepublikanische Wohnzimmer. In den großen Fernsehshows mit Blumenkulisse und Showtreppe, das Haupthaar langsam versilbernd, bereicherte er jahrzehntelang die Hauptabendunterhaltung. Auch in zahlreichen Fernsehfilmen trat Heesters in den 60er, 70er und 80er Jahren auf.

Als alternder Frauenheld in "Casanova auf Schloss Dux" ging Heesters 1986 mit einer verführenden Paraderolle auf Tournee. Dies gelang ihm wohl so überzeugend, dass er das Herz der 46 Jahre jüngeren Kollegin Simone Rethel für sich gewinnen konnte. Das ungleiche Paar heiratete 1992. Simone Rethel, so die Legende, war schon als kleines, schwärmendes Mädchen in Johannes Heesters verliebt.

Bis zuletzt gab er den Grafen Danilo

Gemeinsam standen sie fünf Jahre in dem eigens für Heesters von Kurt Flatow geschriebenen Stück "Ein gesegnetes Alter" auf der Bühne. In Hamburg, Wien, Berlin und München spielten sie in ausverkauften Häusern. Inzwischen galt Jopie als der älteste aktive Schauspieler der Welt und bekam dafür einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Seine letzten Jahre verbrachte er, an zunehmender Erblindung leidend, im gemeinsamen Haus am Starnberger See. Bis zuletzt gab er für Gäste den Grafen Danilo und erinnerte an die Ära, als ein Champagnerglas noch zu seinen unverzichtbaren Requisiten zählte.

"Ich werde 100 Jahre alt, darauf könnt ihr bauen", sang Heesters einst - und er sollte Recht behalten. Seinen 100. Geburtstag verbrachte er im Sessel sitzend in einem TV-Studio, in das die ARD viele Wegbegleiter eingeladen hatte, um den Jubilar zu feiern. Wer damals dachte, es könne seine letzte große Gala werden, irrte sich. 2008 stand er, mit künstlichen Knien und so gut wie blind, auf der Bühne des Berliner Ensembles: "Inselkomödie oder die Lysistrate und die Nato" hieß das Stück, in dem er noch einmal eine Hauptrolle spielte. Und wenig später tauchte er in einer kleinen Rolle als Wissenschaftler im Til-Schweiger-Film: "1 ½ Ritter - Auf der Suche nach der hinreißenden Herzelinde" auf.

Der Mann wollte einfach nie aufhören zu arbeiten. Und auch nicht zu leben. Bis jetzt. Mit Johannes Heesters stirbt nun nicht nur ein großer Sänger und Entertainer, sondern ein Jahrhundert des Kunstschaffens.