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Bühnenlegende Heesters: Mit 104 noch als Sunnyboy inszeniert

Seit seinem 17. Lebensjahr steht Johannes Heesters praktisch ununterbrochen auf der Bühne. Doch ans Aufhören will der 104 Jahre alte Schauspieler und Sänger partout nicht denken. Seine mehr als 40 Jahre jüngere Frau treibt ihn weiter an, fotografiert ihn in Sunnyboy-Pose und ist deshalb heftiger Kritik ausgesetzt.

Von Marcus Müller

Der Mann ist ein Phänomen: Anfang des Jahres erst brach er sich zwei Rippen, sehen kann er nichts mehr, zum Stehen muss er sich an den hellbraunen Flügel lehnen und festhalten, manchmal fällt ihm eine Liedstrophe nicht ein, so dass sein Pianist sie ihm zurufen muss. Doch wenn Johannes Heesters sich dann erinnert, singt er sie so laut und kräftig, dass es schon erstaunlich ist. Denn der Mann wird im Dezember 105 Jahre alt, er stammt nicht nur aus einem anderen Jahrhundert, sondern auch aus einer anders anmutenden Epoche. Als Heesters 1903 im holländischen Amersfoort geboren wurde, gab es noch nicht mal flächendeckend elektrisches Licht in Europa. Und nun schmettert er in Smoking und Fliege mit voluminöser, kräftiger Stimme einem Saal mit rund 200 Senioren fünf Lieder vor. Viele applaudieren nach der halben Stunde stehend.

Es ist natürlich ein Heimspiel für Heesters am Donnerstagabend in einem Berliner Seniorenwohnstift des Kuratoriums Wohnen im Alter. Das grauhaarige Publikum ist mit dem singenden Charmeur und seinen Operetten-Rollen in Österreich und ab 1936 seinen Ufa-Musikfilmen in Deutschland aufgewachsen. "Das ist meine Jugend", sagt eine ältere Dame lächelnd, als sie am Rollwagen gehend den Konzertsaal verlässt. Durch Fernsehauftritte rund um seinen 100. Geburtstag dürfte auch vielen Jüngeren das Lied "Heut geh' ich ins Maxim" aus der Operette "Die Lustige Witwe" bekannt sein, es ist so etwas wie "sein" Lied.

Umstritten war seit Ende des Zweiten Weltkriegs die Rolle von Heesters während des Nationalsozialismus. Im Krieg machte er banale Tralala-Filme, als um ihn herum alles in Schutt und Asche fiel und in den Konzentrationslagern die Juden massenweise ermordet wurden. Heesters war Adolf Hitlers Lieblingsschauspieler, wofür Heesters freilich nichts konnte. Aber den Nazis passten die Ablenkungsfilme natürlich prächtig ins Kalkül. Ein Besuch im KZ Dachau, von dem auch Fotos existieren, bezeichnete Heesters später als von den Nazis vorgeschrieben. Dafür schäme er sich, sagte er immer wieder, betonte aber, dass er in keinem Nazi-Propagandafilm mitgewirkt habe. Gleichwohl wurde er Anfang des Jahres beim ersten Auftritt in seiner Heimatstadt Amersfoort von Demonstranten als "singender Nazi" bezeichnet.

Ein Sunnyboy mit schlohweißem Haar

Es ist die zweite Frau von Johannes Heesters, Simone Rethel-Heesters, die ihn zum Auftritt in das Seniorenstift gebracht hat. Und zwar ganz praktisch in einem Kombi von beider Wohnort am Starnberger See in die Hauptstadt, da Johannes Heesters fast nicht mehr fliegt. Zu lange Wege seien das für ihn auf den Flughäfen und in einen Rollstuhl setze er sich nicht, erklärt sie stern.de nach dem Konzert. Und Rethel bringt, wörtlich und im übertragenden Sinne, ein Image von Johannes Heesters mit ins Wohnstift. Bis Ende November zeigt sie dort die Ausstellung "Schönheit des Alters" mit 60 ihrer großformatigen Fotografien, die alle nur ein Motiv haben: ihren Mann Jopie, den alternden Sunnyboy. Man sieht den Frauenschwarm Heesters mit Frack und Zylinder oder Zigarettenrauch-Ringe ins Objektiv pusten, mit cooler Sonnenbrille oder im weißen Rollkragen-Pulli.

Das Image, das Simone Rethel-Heesters von ihrem Mann erzeugen möchte, lautet in etwa: "Er ist 104 und ist noch fähig, eine Arbeit zu tun." So erklärt es Rethel dem Publikum vor Jopies Auftritt in einem Gespräch mit einem Vorstand des Altenwohnstift-Trägers. Sie redet sich ein bisschen in Rage dabei, spricht gestikulierend davon, dass die Menschen heute zu früh in Pension geschickt würden, was ungesund sei, das Alter nicht nur Gebrechlichkeit, sondern auch etwas Schönes habe, es einfach nur langsamer sei und wie großartig sie es finde, dass ihr Mann sich nicht gehen lasse. Rethel erhält dafür viel Applaus.

Und warum soll sie als Beispiel für ihre Mission auch nicht ihren mehr als 40 Jahre älteren Mann nehmen? Das ist nahe liegend, seine Karriere war und ist bestimmt um einiges größer als die von Rethel, die auch als Schauspielerin auf der Bühne und vor Kameras stand, bevor sie intensiver zu malen und zu fotografieren anfing. Aber man weiß eben auch nicht so genau, ob ihre Fotografien so viele Berichterstatter von Zeitungen und Fernsehen anlocken würden, wenn sie nicht ihren schlohweißen Ehemann ablichten würde.

Kein Zwang, sondern Wohltat

Obendrein gibt es dann noch den Vorwurf, sie würde einen alten, tattrigen Mann auf die Bühne zerren. Rethel-Heesters geht offensiv mit derlei um: "Zwingen tue ich ihn nicht, ich unterstütze ihn und ich weiß, dass es ihm gut tut", sagt sie auf der Bühne kurz vor dem Auftritt ihres Mannes, den sie 1992 geheiratet hat. Heesters habe noch immer Lust aufzutreten. Tatsächlich mag der gebrechlich aussehen, als sich danach der Vorhang für ihn öffnet, tatsächlich kann er später die Bühne nicht mehr alleine verlassen und muss gestützt werden. Rethel ärgert, dass immer davon Bilder gezeigt würden, und nicht solche, auf denen er toll singe. Tatsächlich kann er das noch sehr gut.

Als er bei seinem zweiten Lied des Abends fragt, wie es anfange, finden zwei 20-Jährige im Publikum das süß. Heesters fragt ein paar Mal nach an diesem Abend, auch mitten im Stück. Peinlich berührt muss man deswegen aber nicht sein. Anders war das bei Heesters' Auftritt einen Tag nach seinem 100. Geburtstag bei "Wetten, dass…?" Damals hatte er doch eher schräg "Heut geh' ich ins Maxim" gesungen und man musste ernsthaft fragen, warum man dem Mann das antat. Es sei wohl etwas zu viel gewesen damals, so Rethel-Heesters. "Fernsehen ist zu schnell, das geht nicht mehr", sagt sie.

Beim Auftritt im Berliner Wohnstift sei er "textlich ein bisserl durcheinander gewesen", so Rethel. "So was finde ich aber nicht dramatisch. Man sollte es bewundern, dass er noch immer auf die Bühne tritt." Der älteste aktive Schauspieler der Welt sitzt derweil etwas entrückt in einem Sessel neben ihr, redet nicht viel, sondern trinkt ein kühles Bier und raucht eine Mentholzigarette. "Das Gefühl ist gut", sagt er auf die Frage von stern.de, wie ihm das Konzert gefallen habe, und fragt zurück: "War's für das Publikum auch gut?"