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Kühn kuckt - die TV-Kolumne: Der Dreck muss weg

Tine Wittler richtet Wohnungen ein. Die Super Nanny erzieht Kinder. Eine Ernährungsberaterin sagt uns, was wir essen sollen. Aber wer sorgt dafür, dass wir richtig fernsehen? Fragt sich stern-Redakteur Alexander Kühn.

Es gibt inzwischen für fast alles eine Ratgeber-Sendung. RTL hat die dicke Tine Wittler, die jedes noch so üble Loch zu einer passablen Wohnung umdekoriert, und die Super Nanny, die den Leuten vormacht, wie deren missratene Balgen zu bändigen sind; auch verfettete Kinder sollen mehr Lebensqualität erhalten - sie werden demnächst von einer Pro-Sieben-Ernährungsberaterin heimgesucht. Nun habe ich weder Kinder noch will ich welche erziehen oder entfetten, und wohnen tu ich auch recht erfreulich. Warum aber, frage ich mich, warum gibt es eigentlich niemanden, der uns beim Fernsehen hilft?

Ich komme darauf, weil ich mir neulich eine Nespresso-Maschine gekauft habe. Nespresso, das ist diese Espresso-Maschine mit den Kapseln. Eine Maschine kostet 99 Euro, eine Kapsel 31 Cent, die reicht für eine Tasse. Die Kapseln gibt es im Internet, in wer-weiß-wie-vielen Geschmäcken; oder im Nespresso-Laden. Ich bin jetzt ja auch, und das kostet mich nichts, Mitglied im Nespresso-Club. Die registrieren jede von mir gekaufte Kapsel, und wenn ich bei 400 angelangt bin, rufen sie mich an und sagen: "Guten Tag, Sie müssten jetzt mal Ihre Maschine entkalken."

"Sie haben zu viel Scheiße angeschaut"

Warum registriert eigentlich nicht irgendeine übergeordnete Stelle, was wir alles fernsehen, ruft uns an und sagt: "Guten Tag, Sie müssten mal Ihr Gehirn reinigen! Sie haben im vergangenen Monat zu viel Scheiße angeschaut!" Warum kommt nicht mal eine Fernsehberaterin zu uns nach Hause und erklärt uns: "Sie haben den ganzen Dreck aufgesogen, den Oliver Geissen und Britt Reinecke um sich geschleudert haben! Die Gülle von den Bauern, die eine Frau suchen! Den Schleim von Kai Pflaume und Reinhold Beckmann! Das ist nicht gut für Ihre Gesundheit!"

Diese Fernseh-Nanny dürfte natürlich nicht von einem bestimmten Sender finanziert werden, um nicht parteiisch zu urteilen. Womöglich würde sie uns raten: "Sehen Sie den Ärzten von 'Grey’s Anatomy' zu, die Geschichten sind besser erzählt als die aus der Sachsenklinik. Geben Sie sich die gesamte fünfte Staffel von '24', läuft vom 3. Januar an auf RTL II, und dafür kein 'Großstadtrevier' mehr. Schauen Sie keinen Langweiler-'Tatort' aus Leipzig, lieber den aus Frankfurt oder München. Lassen Sie die Fun-Freitag-Depression vorüberziehen, lachen Sie lieber sonntags über 'Dittsche', das verschafft einen geistig gesunden Start in die Woche."

Eine Furcht habe ich ja: Womöglich würde uns eine solche Fernsehberaterin empfehlen, nur noch Arte zu schauen. Oder, ganz krass: weniger fern. Weil der Durchschnittsdeutsche ja dreieinhalb Stunden am Tag kuckt, es aber keine dreieinhalb Stunden Sehenswertes gibt. So, liebe Fernsehberaterin, war das ja nicht gemeint. Nein, dann lieber weiter Dreck schauen.

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