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Kühn kuckt - die TV-Kolumne: Der Latzhosenphilosoph

An diesem Samstag feiert Peter Lustig seinen 70. Geburtstag. stern-Redakteur und "Löwenzahn"-Fan Alexander Kühn gratuliert im Namen aller, die in den vergangenen 25 Jahren Kind gewesen sind. Oder Eltern. Oder Oma.

Von Alexander Kühn

Vorbilder stellt man sich ein wenig anders vor. Und eigentlich möchte man seine Kinder ungern einem anvertrauen, der allein einem Bauwagen haust, wahrscheinlich noch ohne Genehmigung, offenkundig von der Stütze lebt, zumindest keiner geregelten Arbeit nachgeht. Immer dieselbe olle Latzhose anhat. Mit sich selber spricht. Und ohne Ankündigung bei wildfremden Menschen in der Tür steht, bei Zoologen, Feuerwehrleuten, Kapitänen - und sie Löcher in den Bauch fragt.

Bei Peter Lustig aber, das wussten alle Erwachsenen, war ihr Nachwuchs immer gut aufgehoben. Statt den Dutzi-dutzi-Onkel zu geben, nahm er die Kinder ernst. Stellvertretend für sie taperte er durch die Welt, um einen Schatz zu suchen oder Pilze oder auch nur um zu hören, wie das Gras wächst. Peter Lustig war der direkte Nachfahre des antiken Diogenes, des Philosophen, der eine Tonne bewohnte und tagsüber gern mit der Laterne übern Marktplatz schlich und erklärte: "Ich suche Menschen."

Wie atmet ein Baum? Warum hat ein Hund vier Beine? Und der Wurm keine? So was interessiert ihn selbst, den Mann, der auch in echt Peter Lustig heißt. Weil er, unerhört unerwachsen, nie glaubt, er habe genug gesehen von der Welt. Ein Junge hat ihm mal geschrieben: "Ich kuck dich immer so gern, weil da muss ich keine Angst haben." Darauf ist Lustig heute noch stolz. Mindestens so sehr wie auf das Bundesverdienstkreuz, das sie ihm kürzlich verliehen haben.

Konsumverzicht hat er nie gefordert

Lustig trägt auch privat Latzhose. Und redet genau so wie im Fernsehen. "Ach", sagt er, wenn er einen bei sich zu Hause begrüßt, "hmmm, na ja, dann kommen Sie mal rein." Und dann gießt er sich einen Rotwein ein. Der echte Peter Lustig haust nicht im Bauwagen, warum sollte er auch. Er lebte lange auf Mallorca, dann zog er nach Nordfriesland, mit seiner Frau, seinem Mops, seinem Labrador und seinem Schnauzer.

Reetgedecktes Bauernhaus, 200 Jahre alt, Wohnzimmer mit Kamin, Klavier und Flipper. Billardzimmer, Sauna, ein kleines Tonstudio, eine Werkstatt, wo Lustig aus Legosteinen computergesteuerte Autos bastelt und wo Klaus-Dieter hängt, die Ukulele aus dem Bauwagen. Hinterm Haus ein Garten; Lavendel, Kirschbäume, ein Teich. Vorm Haus ein Mercedes, ein Smart und eine 125er Honda, rot und schick, und sie machen Peter Lustig nicht weniger glaubwürdig. Konsumverzicht hat er nie gefordert. Überhaupt hat er von den Kindern nie etwas gefordert, lediglich am Ende jeder Sendung empfohlen: "Abschalten!"

"Fernsehen ist Scheiße"

Zum Fernsehen kam er so: Er war Tonmeister beim Film, der Regisseur hatte nach einem Dreh ein Röllchen Film übrig und sagte, der Lustig, der könnte doch auch mal vor die Kamera. Er wurde vor einen Fernseher gesetzt, sagte: "Fernsehen ist Scheiße", und zerschlug ein Ei auf seiner Glatze. Wurde nie gesendet, ist in keinem Archiv auffindbar, aber es zog ein Engagement nach sich bei der "Sendung mit der Maus" in der ARD. Bald wollte das ZDF auch so was haben wie die Maus und engagierte Peter Lustig für "Pusteblume", und aus der wurde 1980 "Löwenzahn".

Lustig geht heute am Stock, und das macht einen etwas traurig, weil man nicht möchte, dass die Helden aus der Kinderzeit alt werden oder krank. Der Stock richtet ihn auf, so bekommt er besser Luft. Vor mehr als zwanzig Jahren haben sie ihm die halbe Lunge rausgenommen. Krebs. Im Fernsehen durfte man den Stock nicht sehen, ohne ginge es am Ende kaum noch. Das Drehen wurde immer mühsamer. 2005 zog Peter Lustig sich aus dem Fernsehen zurück. Und aus dem Bauwagen aus.

Dort wohnt jetzt Fritz Fuchs. Der ist blond, sieht aus wie ein Kasper, mit seinem geschnitzten Gesicht. Trägt immer rote Hosen. Und wird gespielt von Guido Hammesfahr, der davor in Anke Engelkes "Ladykracher" zu sehen war. Hammesfahr ist ein prima Fritz-Fuchs-Darsteller. Und Fritz Fuchs ein prima Peter-Lustig-Darsteller. Er werkelt in seinem Bauwagen vor sich hin. Redet zu den Zuschauern in die Kamera. Spricht schleppend bis abgehackt. Garniert seine Sätze mit Füllseln, "so", "hmmm", "ach ja", oder, voller Zufriedenheit: "ja!". Wenn er möchte, dass man gut zuhört, wird er ganz leise, geheimnisvoll. Wenn er ratlos ist, zieht er seine Brauen hoch. Alles so, wie Peter Lustig es immer gemacht hat.

Einmal tritt er noch bei Löwenzahn auf

Ja, Kontinuität ist wichtig. Nicht wegen der Kinder. Die gewöhnen sich schnell um, das weiß jeder Vater, der mal zwei Wochen auf Dienstreise war und bei seiner Rückkehr angeschaut wird wie einer vom fremden Stern. Außerdem wachsen ja auch ständig neue Kinder nach. Nein, nach Beständigkeit begehren die Omas und Opas, die Mamas und Papas. Denn, das haben Untersuchungen ergeben, eine beträchtlicher Teil der "Löwenzahn"-Zuschauer sind inzwischen die Erwachsenen - die wehmütig an ihre Kindheit zurückdenken oder an die Zeit, als sie noch mit ihren zwischenzeitlich entflogenen Kindern "Löwenzahn" geschaut haben. "Tja", würde Peter Lustig dazu sagen, "hmmm, ist ja interessant". An diesem Sonntag tritt er noch einmal kurz bei "Löwenzahn" auf: Er besucht seinen Nachmieter im Bauwagen.

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