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Wilde Welt: R.I.P. 2016

Was für ein Jahr. Chaos in der Timeline, alle verrückt geworden, und wer lebt überhaupt noch?

Unser Autor räumt auf. 

RIP 2016

In diesem Jahr zeichnete sich unter unseren prominenten Mitmenschen ein neuer, trauriger Trend ab: Sterben. „2016 nimmt uns einfach die BESTEN“, pusteten die Menschen in ihre Filterblase hinein, noch während sie den Namen des zuletzt Verstorbenen vergaßen. Es ist ein Reflex, der Nerv eines digitalen Musikantenknochens, der angestoßen wird, sobald uns wieder eine Eilmeldung erreicht. Handy vibriert. Die Gesichter erstarren. Oh Gott, der Clown Oleg Popow ist tot! Verdammt! Die Guten gehen immer zuerst. Vielleicht noch ein jämmerlich schluchzendes Emoji und den Hashtag #RIP dahinter, Balsam für die Like-Statistik. Wer ging da alles: Prince, Bud Spencer, David Bowie, Roger Willemsen, Peter Lustig, die Briten, und zwischendrin blickten alle auf das Eheleben der Lombardis, ehe auch diese Krise von der US-Präsidentenwahl übertrumpt wurde. Man verliert den Überblick und auch den Bezug zur Relevanz.

Auf der einen Seite ist es nicht fein, die tragischen Ausmaße verlorener Menschenleben gegeneinander aufzuwiegen, auf der anderen Seite heißt es nun mal Face- und nicht Kondolenzbook. Zu welchen Themen der Weltlage soll man sich nun also äußern, ohne dass man vor seinen Followern so schmierig wirkt wie der Eingang eines Hundeohrs? Ein Seiltanz zwischen Brexit, Zika-Virus und Jogi Löws intimsten Juckreizen. Das war gerade 2016 eine mehr als relevante Frage, denn: Dieses Jahr war verdammt noch mal das schlimmste seit letztem Jahr.

Flüchtlingskrise, Eurokrise, Lombardi-Krise!

Die Welt erlebte eine Depression. Ja, es war keine einfache Zeit für die eine, die immer lacht, die immer lacht, die immer lacht. Es wurde richtig anstrengend, täglich Solidaritätsprofilfotos zu wechseln. Anschläge, Putschversuche, Erdbeben, Amok, die musikalische Karriere der Lochis. Verwirrung, Verrohung, Verzweiflung! Keiner weiß mehr, welchen Medien man trauen kann. Kläglich scheitert, wer seiner Bürgerpflicht nachgehen und jede Woche alles lesen will, den „Spiegel“, den stern, die „FAZ“ und die „Wendy“. Vom Darknet ganz zu schweigen.

Am Ende sind alle nur völlig verrückt geworden, und keiner weiß so genau, welcher süßen Maus Max Kruse nun ein postfaktisches Penis-Video geschickt hat und ob er dabei einen Burkini trug. Man erinnert sich schon gar nicht mehr, ob Leonardo DiCaprio jetzt den Literaturnobelpreis verdient hatte oder ob dafür Marcus da Gloria Martins, Pressesprecher der Münchner Polizei, nicht besser geeignet gewesen wäre. Ist es jetzt Populismus oder Feinsatire, wenn man türkische Ziegen begattet? Und wer ist eigentlich schuld an der Trennung von Brangelina? Killerspiele oder doch Richard Gutjahr?

Es kam die Meldung, dass Cindy aus Marzahn aufhöre.

Endlich etwas Positives. Auch gut: Der Hecht wurde Fisch des Jahres. Glückwunsch, Hecht! Doch es ging weiter: Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und anderen bindestrichgeilen Bundesländern. AfD-Vormarsch. Shit! Shit! Shit! Jetzt galt es, präsent zu sein und am schnellsten das Schlaueste ins Interweb zu schreiben, um der bessere Mensch zu sein. Alles immer infrage stellen, Meinung bilden, Haltung zeigen. Zu Horrorclowns, österreichischen Präsidentschaftswahlen, Gift-Alarm in BVG-Bussen. Ein Aufschrei jagte den nächsten.


Und als fulminantes Finale des chinesischen Jahrs des Affen wurde passend nach dem schmutzigsten Wahlkampf der Geschichte mit Donald Trump auch noch ein offen rassistischer und sexistischer Berufsanfänger Präsident der USA. Zeit, sich endgültig zur Musik von AnnenMayKantereit die Pulsadern aufzubeißen. Die Stimme der Vernunft ist nun mal nicht so einfach zu ersetzen wie die von Homer Simpson. Ich glaube, ich spreche für jeden, wenn ich sage: Grnpfzgmpfd! Und so starb neben Muhammad Ali, Roger Cicero und dem XXL-Ostfriesen zuletzt auch noch die Gültigkeit von Fakten. #RIP.

Doch Hoffnung:

Seit letztem Jahr ist die Geburtenrate erstmals wieder deutlich angestiegen. Vielleicht sagen die Menschen eines Tages: Ei der Daus! Es ist wirklich unfassbar, wie viele herausragende Persönlichkeiten im Jahr 2016 geboren wurden.


Der Autor Miguel Robitzky, 19, twittert unter @MiguelRausA


Dieser Text ist in der Ausgabe 01/2017 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen. 

Von:

Miguel Robitzky