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Kühn kuckt - die TV-Kolumne: Mehr Mundgeruch wagen!

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung fordert: Zuwanderer sollten im deutschen Fernsehen präsenter sein. stern-Redakteur Alexander Kühn sagt: Der Vorschlag geht in die richtige Richtung - aber nicht weit genug.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, hatte jüngst eine Idee. Zuwanderer, sagte die CDU-Politikerin der "Süddeutschen Zeitung", sollten im deutschen Fernsehen präsenter werden. Worauf die Kollegen von "Bild" ebenfalls eine Idee hatten und mit montierten Fotos zeigten, wie sie sich das vorstellen: Peter Hahne mit Schoko-Teint, Christiansen mit Kopftuch, Anne Will im indischen Gewand.

So hat die Frau Böhmer das natürlich nicht gemeint. "Ich höre immer wieder von Migranten", erläuterte sie in der "SZ" weiter, "dass sie sich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht wiederfinden." Es gebe zu wenige Zuwanderer vor und hinter der Kamera." Also: Mehr Migranten! Oder zumindest, wie sagt man, Menschen mit Migrationshintergrund. Gut, wir haben den Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar, Sohn eines Inders und einer Luxemburgerin. Den Frühstücksmoderator Cherno Jobatey, sein Vater stammt aus Gambia. Und, man kann ihn in dieser Kolumne nicht oft genug würdigen, den großen, ewiggültigen Holländer Jopie Heesters.

Nehmen wir mal die Türken, die größte Gruppe unter den Zugewanderten. Lange Zeit hat das deutsche Fernsehen sie ignoriert. Wir interessierten uns erst für sie, als Kaya Yanar, der lustige Türke aus Frankfurt, fragte: "Was guckst du?" Im gerade zu Ende gehenden Jahr eroberten seine Landsleute schließlich die Bildschirme: mit der ARD-Familienserie "Türkisch für Anfänger" und der RTL-Comedy "Alle lieben Jimmy"; die im Frühjahr von ProSieben ausgestrahlte Komödie "Meine verrückte türkische Hochzeit", in der ein Deutscher sich seiner türkischen Verlobten zuliebe sogar beschneiden lässt, wurde mit dem Deutschen Fernsehpreis gekrönt mit dem Preis der Deutschen Akademie für Darstellende Künste.

Aber ist es den andern Völkern gegenüber nicht ungerecht, die Türken so hervorzuheben? Sicher sind die Griechen sehr beleidigt. Und das ist nur eines von vielen Beispielen mit Konfliktpotential. Wir sehen den Neid der Kulturen heraufziehen. Man müsste, um politisch korrekt zu sein, die Zuwanderergruppen entsprechend der Statistik berücksichtigen. Vielleicht einen Fernsehzuwanderer engagieren pro hunderttausend echte Zuwanderer. Repräsentativ also. 17 Türken als Protagonisten in Shows, Krimis, Nachrichtensendungen - stellvertretend für die 1,7 Millionen türkischen Mitbürger. Entsprechend 3 Griechen. 1,85 Russen. 0,7 Rumänen. Undsoweiter. Die 13 in Deutschland lebenden Männer und Frauen aus San Marino dürfte man wohl vernachlässigen.

Aber kann man Menschen allein nach Herkunft oder Abstammung beurteilen? Müsste man nicht auch dafür sorgen, dass sich Behinderte im Fernsehen stärker wiederfinden? Agnostiker? Choleriker? Bayern? Menschen mit Mundgeruch? Bayerische, durch Mundgeruch behinderte cholerische Agnostiker? Es ist ein großes Unterfangen, das Maria Böhmer da angestoßen hat. Wir möchten Frau Böhmer ermuntern, sich mit den Geschäftsführern und Intendanten der großen Sender sowie den Vertreter der gesellschaftlich relevanten Verbände an einen Tisch zu setzen und einen Entwurf auf den Weg zu bringen. Wir versichern ihr unsere allervollste Unterstützung.