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Maybrit Illner und die Krisenfalle: Lichtblick im ahnungslosen Talkshow-Grau

Es ging mal wieder um die Eurokrise und ihre Folgen. Doch anders als ihre Kollegen vermochte Maybrit Illner ihre Diskussionsrunde tatsächlich zu führen. Und so gab es kluge Analysen und anregende Gedanken - selbst wenn das eigentliche Thema relativ schnell erledigt war.

Von Christoph Forsthoff

Kompliment, Maybrit Illner! Mögen in den vergangenen Wochen auch an dieser Stelle die oft struktur- und substanzlosen Talkshowergüsse kritisiert worden sein, die ZDF-Moderatorin beweist in ihrer Runde immer wieder, dass es auch anders geht. Nicht allein, dass die 46-Jährige nachhhakt und sich auch nicht scheut, allzu abschweifende Gäste zu unterbrechen, meist gelingt es ihr auch, den berühmten roten Faden in ihren Diskussionen nicht aus den Augen zu verlieren. Vor allem aber: Im Gegensatz zu manchen überschätzten ARD-Kollegen hat Illner in der Regel das nötige Sachwissen und vermag Aussagen einzuordnen und konstruktiv für den Disput zu nutzen.

An ein topaktuelles und doch zugleich kompliziertes, vielfältig verwobenes Thema wie "Europa in der Falle: Gefährdet Demokratie unseren Wohlstand?" hätte sich wohl kein anderer Moderator herangetraut (zum Glück fürs allzu oft leidgeprüfte Publikum). Illner indes nahm die Herausforderung an und gewann. Auch, weil sie eben mehr zu leisten vermag, als vorformulierte Fragen und Stichpunkte von Karteikarten abzulesen; ja, selbst dann noch zu reagieren weiß, wenn sich eine These - "Die Chinesen sind erfolgreicher, weil sie sich nicht mit den langwierigen Entscheidungsprozessen der Demokratie herumschlagen müssen" - in der Diskussion als Irrweg erweist: Kurzerhand nahm sie da nämlich die Argumentationsvorlage ihres Gastes Kurt Biedenkopf auf und wendete sich dem eigentlichen Problem der aktuellen Finanzkrise und möglichen Auswegen zu.

"Das Casino baut der Staat"

Nun sind leider viel zu selten solch kluge und analytisch scharfsinnige Köpfe wie der des ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten oder des Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, in den Talkshows dieser Republik zu erleben. Doch gilt es da eben auch, diesen in ihrer Analyse nicht nur folgen zu können, sondern selbige dann fortzuführen. "Die europäischen Staaten leben über ihre Verhältnisse - das macht sie erpressbar", brachte der BDI-Chef eine Hauptursache der Krise auf den Punkt. Eine Verschuldungspolitik und Politik des billigen Geldes, die auch Biedenkopf anprangerte: "Die Finanzmärkte können nur spekulieren, wenn sie zu viel Geld haben", stellte der 81-Jährige fest. Das Geld aber werde von den Regierungen in die Märkte gepumpt: "Das Casino baut der Staat" - und lasse die Banker dann noch obendrein ohne Begrenzung der Einsätze spekulieren.

Ja, selbst aus Sicht der Wirtschaft seien die historisch niedrigen Zinsen völlig unnötig, meinte Martin Richenhagen, Vorstandsvorsitzender des drittgrößten Landmaschinenherstellers der Welt AGCO - stattdessen werde dadurch nur verhindert, dass die junge Generation Geld für die Zukunft gewinnbringend anlegen könne. Nicht zuletzt aus Gründen der Generationengerechtigkeit sei es unabdingbar, dass sich Europas Schuldenbremse gegen die US-amerikanische Politik des billigen Geldes durchsetze, forderte auch Keitel. Und Biedenkopf stellte in diesem Zusammenhang noch einen anderen, scheinbar unumstößlichen Grundsatz infrage: dass eine Demokratie nur mit ständigem wirtschaftlichen Wachstum gedeihen könne. "Es wäre eine Katastrophe, wenn das so wäre, dann würde sie sich nämlich selbst zerstören."

"In China wird noch immer auf den Westen hochgeschaut"

Nein, konkrete Problemlösungen erwartet kein Talkshowzuschauer; doch es sind Gedanken wie diese, die Zusammenhänge und andere Denkansätze aufzeigen und so Diskussionen voranbringen können. Oder sogar Vorurteile und Klischees abzubauen vermögen wie das von den Chinesen, die jetzt in der Krise ob ihrer Devisenreserven von 2,3 Billionen Euro mal eben die halbe europäische Industrie aufkaufen könnten. "In China wird noch immer auf den Westen hochgeschaut", stellte Felix Lee, chinesischstämmiger "taz"-Redakteur fest. "Auch weil sie die Liberalität und Demokratie attraktiv finden."

Sowohl Keitel als auch Richenhagen und Biedenkopf warben denn auch geradezu für Anleihekäufe durch die Volksrepublik und Einstiege chinesischer Unternehmen: "Wir betrachten jede Veränderung als gefährlich - das typische Verhalten eines wohlhabenden, alternden Volkes", so der CDU-Vordenker. Dabei sei doch der Handel die beste Form der Annäherung zwischen Völkern. Selbst wenn dabei nun die kommunistischen Chinesen den strauchelnden Kapitalisten unter die Arme greifen.