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Streaming-Portal Netflix - bereit zur Weltherrschaft

Netflix-Chef Reed Hastings
Netflix-Gründer und CEO Reed Hastings in Berlin.
© AFP
Seit Jahren heißt es, Streamingdienste werden in Zukunft das Fernsehen ablösen. Bei der großen Programmvorschau in Berlin bekam man den Eindruck: Netflix will noch viel mehr.

So sieht es wohl aus, wenn ein Unterhaltungskonzern vor Kraft kaum noch laufen kann: Zur Vorstellung seines neuen Programms hatte der Streamingdienst Netflix eine schicke Location in Berlin angemietet und dazu zahlreiche US-Stars eingeflogen. Sogar Konzernboss und Gründer Reed Hastings war in die deutsche Hauptstadt gekommen - und er hatte viele gute Nachrichten im Gepäck: Netflix wird immer besser, immer größer und immer internationaler.

Die Ausgangslage ist schon jetzt beeindruckend. Netflix verfügt vier Jahre nach der Ausstrahlung der ersten Eigenproduktion ("House of Cards") über 93 Millionen Mitglieder in mehr als 190 Ländern, rund die Hälfte davon in den USA. Außerhalb der Heimat hat Netflix also noch Nachholbedarf. Um den Menschen anderswo etwas zu bieten, müssen maßgeschneiderte Inhalte her. Da habe man bislang schon sehr viel getan, so Hastings: Bislang seien 1,75 Milliarden Dollar in europäische Produktionen geflossen. Und es geht weiter. 

Erste Bilder der deutschen Netflix-Serie "Dark"

Für die Erschließung nationaler Märkte spielen landestypische Serien künftig eine immer größere Rolle, die aber auch anderswo Zuschauer finden. Das Politdrama "Marseille" mit Gérard Depardieu ist ein gutes Beispiel für eine solche Serie, die national entsteht und weltweit konsumiert wird. Davon wird es künftig mehr geben. In Berlin wurden drei nationale Produktionen vorgestellt. Darunter mit "Dark" die erste deutsche Netflix-Originalserie, ein zehnteiliger Mystery-Thriller, der den ersten Bildern zufolge wirklich düster wird. Daneben mit "Suburra" eine typisch italienische Geschichte um korrupte Politiker sowie die spanische Serie "La Chicas de Cable" um vier Telefonistinnen, die sich im Madrid der 20er Jahre durchschlagen.

Wo nötig, plant Netflix weiterhin auch mit nationalen Sendern zusammenzuarbeiten. Vom ZDF holte man etwa die Lizenzen für den Dreiteiler "Der gemeinsame Himmel", eine deutsch-deutsche Geschichte, die Ende März im Fernsehen gezeigt wird. Hier ist der Streamingdienst als Vertriebskanal unschlagbar: Jeder Filmemacher kann seine Werke über die Infrastruktur einem weltweiten Publikum anbieten.

Wie radikal der Angriff auf unsere Unterhaltungsgewohnheiten ist, zeigt sich daran, dass der Konzern neben dem Fernsehen eine weitere Institution ins Visier genommen hat: Mit der Konzentration auf hochwertige Spielfilme attackiert Netflix die Kinobranche. Etwa mit dem Kriegsfilm "War Machine" mit Brad Pitt in der Hauptrolle, der ab dem 26. Mai bereit steht. Mit David Fincher ("Fight Club") konnte zudem ein hochkarätiger Hollywood-Regisseur für die Produktion der Serie "Mindhunter" gewonnen werden. Insgesamt sollen 2017 rund 1000 Stunden an neuen Inhalten entstehen. 

Investitionen in Technik

Das Ziel ist klar: Der Nutzer soll immer weniger Anreize verspüren, das heimische Sofa zu verlassen und ins Kino zu gehen. Doch auch unterwegs will Netflix künftig die Menschen noch besser erreichen. Hastings kündigte Investitionen auch in Technik an. Man wolle alle Devices bedienen. Insbesondere Handynutzer können sich auf eine verbesserte Bildqualität freuen. Zudem sollen auch Kunden des Kabelnetzbetreibers Unitymedia in Kürze auf Netflix-Inhalte zugreifen können.

Bislang scheinen die ambitionierten Pläne eines globalen Unterhaltungsgiganten aufzugehen. Wie der Netflix-CEO in Berlin stolz anmerkte, haben die Eigenproduktionen zahlreiche Preise gewonnen, darunter Emmys, Golden Globes - und kürzlich mit der Dokumentation "White Helmets" sogar einen Oscar. Im seit Oktober rasant gestiegenen Börsenwert schlägt sich das gestiegene Vertrauen der Investoren an die goldene Zukunft des Streaminganbieters wieder.

Netflix ist ein großer Geheimniskrämer

Man könnte glatt in die Euphorie mit einsteigen. Wäre da nicht die große Geheimniskrämerei, die Netflix um seine Daten macht. Weder verrät der Konzern, welche Filme und Serie die Zuschauer tatsächlich gucken, noch gibt er die Zahl tatsächlich aktiver Stammkunden bekannt. Auch bei den Investitionen muss man sich auf die vom CEO genannten Zahlen verlassen. Ob der Streaminganbieter also tatsächlich kurz davor steht, dem Fernsehen den Rang abzulaufen, ist noch lange nicht ausgemacht. Zumal Netflix einen großen Schwachpunkt hat: Bei Live-Events ist der Konzern komplett blank. Keine Konzertübertragungen, keine Live-Shows, vor allem kein Sport.

Womit Netflix dagegen punktet: Der Dienst ermöglicht, dass über den ganzen Erdball hinweg Menschen zur gleichen Zeit die gleichen Serien gucken können. Wie so etwas konkret aussieht, davon berichtete Bob Odenkirk, Star der Serie "Better Call Saul", in Berlin. Bei der Einreise nach Kanada habe ihn ein Wachmann zur Seite genommen: Seine in Rumänien lebende Schwester sei ein riesiger Fan.

Geschichten wie diese könnten der Vision von Netflix-Chef Reed Hastings sehr nahe kommen. Sein Ziel ist es, Menschen zu verbinden ("connect people"). Er stellt die Inhalte und die Plattform dazu bereit. Eigentlich eine unschlagbare Kombination. Doch für die globale Vorherrschaft muss er viel mehr Menschen dazu bringen, monatlich zehn Euro zu investieren. Gelingt ihm das, dürfte dem Siegeszug nichts mehr im Wege stehen.


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